Candy Welz · Knoche 2016

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  • 06. August 2018 — Immer wach – die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

    ULB Darmstadt (neues Zentralgebäude)

    Die Öffnungszeiten der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt (ULB) kann man sich leicht merken: Immer. Jedenfalls in sechs Monaten des Jahres. Da gibt es keine Schließzeit, auch nicht an Sonn- und Feiertagen. In den anderen sechs Monaten schon: Da ist um 1.00 Uhr Schluss mit Lesen. Das hängt mit den Prüfungs- und Examensvorbereitungszeiten zusammen. Aber jetzt, im August, kann man um 4.00 Uhr morgens in der Bibliothek schon mal 50 unermüdliche Leser an den insgesamt 850 Leseplätzen antreffen.

    Ungewöhnlich: Man darf auch Wasserflaschen, Mäntel und Taschen (und in den Taschen vielleicht ein Kopfkissen?) mit in die Lesebereiche nehmen – im Vertrauen auf die metallenen Sicherheitsstreifen, mit denen die Bücher ausgerüstet sind und die bei dem Versuch einer Entführung manchmal Alarm auslösen. Man kann aber um Mitternacht auch ganz legal ein Buch ausleihen, weil es Selbstverbuchungsautomaten gibt.

    Die Bibliothek ist so gut besucht, dass das Haus gelegentlich wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Aber nicht immer sitzen alle Leser an den Plätzen, die sie mit ihren persönlichen Unterlagen belegt haben. Manchmal geht es zu, wie am Strand: Erst mal wird ein großes Handtuch ausgebreitet, dann geht man in Ruhe ein Eis essen. In Darmstadt und an anderen Bibliotheken wurden daher Pausenscheiben eingeführt. Sie sehen aus wie Parkscheiben und funktionieren auch so. Wer eine Pausenscheibe aufstellt, wenn er den Platz verlässt, ist für eine kleine Weile sicher: »Die Pausenzeit beträgt zwischen 12:00 Uhr und 14:00 Uhr 60 Minuten, zu anderen Zeiten 30 Minuten.« Ist die Frist abgelaufen, muss man damit rechnen, dass ein anderer Leser die eigenen Sachen beiseiteschieben darf und sich am Leseplatz einrichtet.

    Die Anmeldung als Leser ist bemerkenswert einfach. Ausleihberechtigt sind alle Personen ab 15 Jahren, die in Deutschland für die Dauer von mindestens drei Monaten wohnen, arbeiten oder studieren. Externe Nutzer brauchen nur ihren Personalausweis und ein Lichtbild vorzulegen und werden ohne weitere Gebühren zugelassen. Dann können sie auf die etwa 1 Million Bände im Freihandbereich direkt zugreifen oder Bestellungen auf 1,4 Millionen Bände im geschlossenen Magazin abgeben. Insgesamt werden im Bibliothekssystem mehr als 4 Mio. Bücher, Zeitschriften und elektronische Ressourcen angeboten. Überall im Haus sind hochwertige Auflichtscanner aufgestellt, an denen man Dokumente oder Teile von Publikationen selbst kopieren und auf einem USB-Stick speichern kann. Das kostet nichts.

    Das Gebäude in der Magdalenenstrasse 8, die ULB Stadtmitte, wurde entworfen vom Architekturbüro Bär, Stadelmann und Stöcker aus Nürnberg und 2013 bezogen. Im selben Jahr wurde – eine logistische Meisterleistung – auch auf dem Campus Lichtwiese eine neue Bibliothek eröffnet, in der die Bestände von zehn Institutsbibliotheken zusammengeführt wurden. Das vom Frankfurter Architekturbüro Ferdinand Heide errichtete Campus-Gebäude mit 300 Leseplätzen ist architektonisch vielleicht noch gelungener als das zentrale Bauwerk, das jedoch alle Bibliotheksfunktionen übersichtlich darbietet.

    Die ULB hat eine lange Vorgeschichte als Privatbibliothek der hessischen Landgrafen und feierte im vergangenen Jahr ihr 450jähriges Jubiläum. Sie wurde aber erst 1817 für das Darmstädter Publikum geöffnet, deutlich später als andere Fürstenbibliotheken der Zeit. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte sie zu den größten und bedeutendsten Landesbibliotheken in Deutschland. Nach schweren Kriegsverlusten (400.000 von 720.000 Bände) wurde sie 1948 mit der Bibliothek der Technischen Hochschule vereinigt und ist heute eine zentrale Einrichtung der Technischen Universität Darmstadt.

    Seit einem Dreivierteljahr leitet Thomas Stäcker (früher: Wolfenbüttel) die Bibliothek. Er hat viele Pläne für ein Haus, das in den letzten Jahren darauf konzentriert war, sich räumlich völlig neu zu organisieren. Das betrifft Themen wie Open Access (auch im Hinblick auf die dauerhafte Bereitstellung), Forschungsdaten, digitale Angebote für Studierende (e-Learning, Semesterapparate), Katalogkonversion (die Bibliotheksbestände vor 1986 sind noch nicht im OPAC zu finden) sowie Erhaltung, Vermehrung und Sichtbarkeit der sehr beachtenswerten historischen Buchbestände. Drittmittelprojekte sollen ausgebaut und vielleicht eine eigene Organisationseinheit »Forschung und Entwicklung« nach dem Vorbild der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen eingerichtet werden.

    https:/​/​www.ulb.tu-darmstadt.de/​service/​start/​index.de.jsp

    Michael Knoche