Candy Welz · Knoche 2016

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  • 13. August 2018 — Sechs Fragen, sechs Antworten

    Biblioteca Casanatense, Rom

    Herr Knoche, historisch gesehen waren Bibliotheken immer dafür zuständig, Wissen zu sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute macht das Internet der Öffentlichkeit Wissen jederzeit und überall zugänglich. Trotzdem stellen Sie in Ihrem Buch die These auf, dass die Idee der Bibliothek nach wie vor unbedingt notwendig sei. Warum braucht es aus Ihrer Sicht auch in der Zukunft weiterhin analoge Bibliotheken?

    Internet und Bibliothek sind kein Gegensatz. Wenn man schnell Auskunft über bestimmte Fakten braucht, ist das Internet das geeignete Medium. Aber vieles gibt es gar nicht digital, oder es gab es mal und ist wieder verschwunden, anderes ist hinter Bezahlschranken versteckt. Daher braucht es Bibliotheken. Sie stellen das gesamte Spektrum an Medien bereit: Bücher, elektronische Zeitschriften, Musiknoten, Bildbände und Datenbanken, kurzum: alles von Relevanz für Wissenschaft, Bildung und demokratische Öffentlichkeit. Bibliotheken als physische Orte bieten einen geordneten Überblick über dieses Spektrum, Beratung, Möglichkeiten zur Interaktion mit anderen, Inspiration.

    Geschichte und Diskurse finden aber heute zusehends in sozialen Netzwerken statt, auch weltgeschichtlich relevante Ankündigungen – dafür reicht ein Blick in den Twitter-Account von Donald Trump. Wäre es nicht die Aufgabe von Bibliotheken, diese für die Recherche und die Nachwelt bereitzustellen, auch analog?

    Wenn die Bibliotheken damit anfingen, auch die Kommunikation der Menschen zu dokumentieren, würden sie ihren Zweck verfehlen. Sie sind ja keine gewaltigen Spiegelbilder unseres alltäglichen Lebensvollzugs. Bibliotheken konzentrieren sich auf Wissen, das einen gewissen Reifegrad erreicht hat und z.B. in Buchform oder in seriösen elektronischen Quellen vorliegt. Ihr Objekt ist die Publikation, nicht die Kommunikation. Übrigens werden die Twitter-Meldungen von Donald Trump von den National Archives and Records Administration, Washington D.C., gespeichert.

    In Ihrem Buch formulieren Sie die These, dass die Idee der Bibliothek durch die elektronischen Medien nicht gefährdet, sondern – ganz im Gegenteil –, noch machtvoller werde. Inwiefern unterstützen elektronische Medien die Macht der Bibliothek?

    Na ja, Macht ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Aber Bibliotheken besetzen eine Lücke, um die sich sonst niemand kümmert: das Problem der dauerhaften Zugänglichkeit aller Medien, sowohl der gedruckten Überlieferung, als auch der digitalen Publikationen. Jedenfalls interessiert das die Hersteller nur in zweiter Linie. Bibliotheken haben dafür zu sorgen, dass das Wissen umfassend, neutral, verlässlich und weitgehend kostenfrei zugänglich bleibt, auch langfristig. Kann man sich im Ernst eine Gesellschaft vorstellen, zumindest eine, in der man leben möchte, die dies für verzichtbar hält?

    Sollten Bibliotheken sich in Zukunft weiterhin auf Bücher und klassische Print-Datenträger beschränken oder müssen sie, wie beispielweise das Goethe-Institut in Bratislava, neben Büchern auch andere Gegenstände zum Ausleihen bereitstellen, wie z.B. Kinderspielzeug?

    Aber Bibliotheken beschränken sich schon lange nicht mehr auf gedruckte Bücher! Sie ergreifen nicht Partei für das eine und gegen das andere Medium. Sie sollten sich aber auf Medien des Wissens beschränken. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Ansonsten besteht die Gefahr, sich zu verzetteln.

    Blicken wir einmal jenseits der Debatte um die Digitalisierung: Sie plädieren für Bibliotheken in einem System, für eine Vernetzung untereinander. Dies ist mit der Fernleihe aber doch beispielsweise schon gegeben. Was haben die Bibliotheken und deren Nutzer von dem geforderten Bibliothekssystem?

    Keine Bibliothek kann angesichts der Fülle des produzierten Wissens ohne das Netzwerk anderer Bibliotheken auskommen. Wir leben nicht mehr im 18. Jahrhundert, wo man vielleicht noch hoffen konnte, dass eine Bibliothek alle für ein bestimmtes Fachgebiet relevante Publikationen vorrätig hält. Das Wissen ist heute global unterwegs, sodass sich Bibliotheken abstimmen müssen, wer sich um was kümmert. Es fehlt in Deutschland eine kluge Koordinierung durch die Politik. Die Bibliotheken gehören meist den Bundesländern oder den Städten. Im Bund gibt es keine Instanz, die den Anstoß zu gemeinsamer Planung und Zusammenarbeit gibt. So werden die Gemeinschaftsaufgaben vernachlässigt, und eine Arbeitsteilung unter den Bibliotheken findet viel zu wenig statt. Die einzelnen Nutzer würden davon profitieren, wenn die Bibliotheken im System leistungsfähiger würden.

    In der Wirtschaft spricht man gerne von »Best-Practice-Beispielen«, wenn etwas besonders gut und nachahmenswert erscheint. Wie sieht dies in der Bibliothekslandschaft aus: Wer ist da deutschland- und weltweit für Sie ein Musterschüler?

    In Deutschland macht die Bayerische Staatsbibliothek z.B. eine sehr gute Arbeit. International ist die Library of Congress in Washington D.C. vielleicht die stärkste Bibliothek. Aber nicht nur die ganz Großen, auch die innovativen spezialisierten Bibliotheken sind wichtig. Wenn man mir den Hinweis in (ehemals) eigener Sache nicht übelnimmt: Ich finde, dass auch die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar beachtenswert ist. Mein Tipp: Gehen Sie in jede Bibliothek hinein, die Ihnen in die Quere kommt und interessant erscheint. Bibliotheken sind öffentlich. Schauen Sie sich um! Wenn Sie lange keine Bibliothek mehr von innen gesehen haben, werden Sie staunen, wie sehr sich Bibliotheken gewandelt haben und was sie alles zu bieten haben.

    Die Fragen stellte Franziska Sieb für das Murmann-Magazin

    Michael Knoche

  • 06. August 2018 — Immer wach – die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

    ULB Darmstadt (neues Zentralgebäude)

    Die Öffnungszeiten der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt (ULB) kann man sich leicht merken: Immer. Jedenfalls in sechs Monaten des Jahres. Da gibt es keine Schließzeit, auch nicht an Sonn- und Feiertagen. In den anderen sechs Monaten schon: Da ist um 1.00 Uhr Schluss mit Lesen. Das hängt mit den Prüfungs- und Examensvorbereitungszeiten zusammen. Aber jetzt, im August, kann man um 4.00 Uhr morgens in der Bibliothek schon mal 50 unermüdliche Leser an den insgesamt 850 Leseplätzen antreffen.

    Ungewöhnlich: Man darf auch Wasserflaschen, Mäntel und Taschen (und in den Taschen vielleicht ein Kopfkissen?) mit in die Lesebereiche nehmen – im Vertrauen auf die metallenen Sicherheitsstreifen, mit denen die Bücher ausgerüstet sind und die bei dem Versuch einer Entführung manchmal Alarm auslösen. Man kann aber um Mitternacht auch ganz legal ein Buch ausleihen, weil es Selbstverbuchungsautomaten gibt.

    Die Bibliothek ist so gut besucht, dass das Haus gelegentlich wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Aber nicht immer sitzen alle Leser an den Plätzen, die sie mit ihren persönlichen Unterlagen belegt haben. Manchmal geht es zu, wie am Strand: Erst mal wird ein großes Handtuch ausgebreitet, dann geht man in Ruhe ein Eis essen. In Darmstadt und an anderen Bibliotheken wurden daher Pausenscheiben eingeführt. Sie sehen aus wie Parkscheiben und funktionieren auch so. Wer eine Pausenscheibe aufstellt, wenn er den Platz verlässt, ist für eine kleine Weile sicher: »Die Pausenzeit beträgt zwischen 12:00 Uhr und 14:00 Uhr 60 Minuten, zu anderen Zeiten 30 Minuten.« Ist die Frist abgelaufen, muss man damit rechnen, dass ein anderer Leser die eigenen Sachen beiseiteschieben darf und sich am Leseplatz einrichtet.

    Die Anmeldung als Leser ist bemerkenswert einfach. Ausleihberechtigt sind alle Personen ab 15 Jahren, die in Deutschland für die Dauer von mindestens drei Monaten wohnen, arbeiten oder studieren. Externe Nutzer brauchen nur ihren Personalausweis und ein Lichtbild vorzulegen und werden ohne weitere Gebühren zugelassen. Dann können sie auf die etwa 1 Million Bände im Freihandbereich direkt zugreifen oder Bestellungen auf 1,4 Millionen Bände im geschlossenen Magazin abgeben. Insgesamt werden im Bibliothekssystem mehr als 4 Mio. Bücher, Zeitschriften und elektronische Ressourcen angeboten. Überall im Haus sind hochwertige Auflichtscanner aufgestellt, an denen man Dokumente oder Teile von Publikationen selbst kopieren und auf einem USB-Stick speichern kann. Das kostet nichts.

    Das Gebäude in der Magdalenenstrasse 8, die ULB Stadtmitte, wurde entworfen vom Architekturbüro Bär, Stadelmann und Stöcker aus Nürnberg und 2013 bezogen. Im selben Jahr wurde – eine logistische Meisterleistung – auch auf dem Campus Lichtwiese eine neue Bibliothek eröffnet, in der die Bestände von zehn Institutsbibliotheken zusammengeführt wurden. Das vom Frankfurter Architekturbüro Ferdinand Heide errichtete Campus-Gebäude mit 300 Leseplätzen ist architektonisch vielleicht noch gelungener als das zentrale Bauwerk, das jedoch alle Bibliotheksfunktionen übersichtlich darbietet.

    Die ULB hat eine lange Vorgeschichte als Privatbibliothek der hessischen Landgrafen und feierte im vergangenen Jahr ihr 450jähriges Jubiläum. Sie wurde aber erst 1817 für das Darmstädter Publikum geöffnet, deutlich später als andere Fürstenbibliotheken der Zeit. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte sie zu den größten und bedeutendsten Landesbibliotheken in Deutschland. Nach schweren Kriegsverlusten (400.000 von 720.000 Bände) wurde sie 1948 mit der Bibliothek der Technischen Hochschule vereinigt und ist heute eine zentrale Einrichtung der Technischen Universität Darmstadt.

    Seit einem Dreivierteljahr leitet Thomas Stäcker (früher: Wolfenbüttel) die Bibliothek. Er hat viele Pläne für ein Haus, das in den letzten Jahren darauf konzentriert war, sich räumlich völlig neu zu organisieren. Das betrifft Themen wie Open Access (auch im Hinblick auf die dauerhafte Bereitstellung), Forschungsdaten, digitale Angebote für Studierende (e-Learning, Semesterapparate), Katalogkonversion (die Bibliotheksbestände vor 1986 sind noch nicht im OPAC zu finden) sowie Erhaltung, Vermehrung und Sichtbarkeit der sehr beachtenswerten historischen Buchbestände. Drittmittelprojekte sollen ausgebaut und vielleicht eine eigene Organisationseinheit »Forschung und Entwicklung« nach dem Vorbild der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen eingerichtet werden.

    https:/​/​www.ulb.tu-darmstadt.de/​service/​start/​index.de.jsp

    Michael Knoche

  • 30. Juli 2018 — 15 Jahre mit Freunden – die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek

    Der aktuelle GAAB-Vorstand mit  (von links) Petra Seelig, Dr. Annette Seemann, Wolfgang Haak, Maria Socolowsky

    Wenn die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V. in diesem Jahr ihr 15jähriges Bestehen begeht, kann man sich mit Recht fragen, warum wird eigentlich nicht schon das 25. Gründungsjahr gefeiert? Wäre ein Freundeskreis für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek nicht etwa schon kurz nach der Wende dringend erforderlich gewesen?

    In der Tat hätte Herzogin Anna Amalia Bibliothek schon 1993 die Unterstützung von engagierten Privatleuten dringend gebraucht, ideell und materiell. Es war das Jahr, in dem der japanische Tenno die Bibliothek besuchte, die ersten Computer die Buchbearbeitung erleichterten, das erste Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Katalogisierung der mittelalterlichen lateinischen Handschriften) anlief, die Expressionismus-Sammlung Rothe angeschafft, eine Ausstellung über Bibliothekszensur zur Zeit der DDR gezeigt (»Der rote Punkt«) und Schülerseminare in der Faust-Sammlung durchgeführt wurden. Für die Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit, für wissenschaftliche Projekte oder für die Erwerbung wäre das Engagement von Privatleuten sehr willkommen gewesen.

    Dass die Gründung damals nicht zustande kam, lag daran, dass die Leitung der Stiftung Weimarer Klassik eine andere Position vertrat. Man hegte die Befürchtung, Freundeskreise für einzelne Häuser der Stiftung (Bibliothek, Goethe- und Schiller-Archiv etc.) würden den Zusammenhalt der Stiftung gefährden. Daher sollte ein Freundeskreis für die ganze Stiftung angestrebt werden. Ein solcher kam aber nie zustande. Erst als Hellmut Seemann 2001 die Stiftungsleitung übernahm, wurde diese Selbstblockade aufgelöst. Heute gibt es in der Klassik Stiftung sieben Freundeskreise. Sie ermöglichen allen Interessierten, Anteil zu nehmen und mitzuhelfen, das kulturelle Erbe Weimars für die Zukunft zu erhalten.

    Die Unterstützung der neuen Stiftungsleitung bei der Gründung der Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek im Frühjahr 2003 ging so weit, dass der Vorschlag für den Namen des neuen Vereins von Hellmut Seemann selbst kam. Er sagte, es würden engagierte Bürger gesucht, die sich für die Realisierung der der Ziele der Bibliothek einsetzten. Insofern sei es folgerichtig, wenn sich der Verein einen Namen gäbe, der das Wort »Herzogin« im Bibliotheksnamen durch das Wort »Gesellschaft« ersetze. Das fand im Gründungsvorstand am 15. Mai 2003 ebenso Beifall wie die Bereitschaft von Annette Seemann, die Amtspflichten der Vorsitzenden zu übernehmen.

    Annette Seemann hat dazu in einem Interview rückblickend gesagt: »Ich habe schon damals fast täglich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek gearbeitet. Dass ich dann sogar den Vorsitz übernommen habe, war ein ziemlicher Zufall, zumal ich bis dahin außer in einem Segelclub noch nie Mitglied in irgendeinem Verein war. Diesen Verein zu unterstützen entsprach aber meiner vollkommenen Überzeugung, dass man für diese Bibliothek etwas tun muss.« Heute leitet sie die Geschicke des Freundeskreises seit 15 Jahren.

    In der Pressemitteilung zur ersten Mitgliederversammlung im Herbst 2003 heißt es zu den Aufgaben der neuen Gesellschaft: Die »Bibliothek steht vor großen Aufgaben: Der über Jahrzehnte vernachlässigte unvergleichliche Buchbestand ist nur zu retten, wenn neben die öffentlichen Zuwendungen eine breite private Unterstützung tritt. Auch für den Erwerb kulturhistorisch bedeutender Objekte und die Durchführung wissenschaftlicher und kultureller Veranstaltungen ist die Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf mäzenatische Hilfe angewiesen. Zum Jahresende 2004 ist der Bezug des Erweiterungsgebäudes im Herzen Weimars geplant. Anschließend soll das historische Bibliotheksgebäude mit dem berühmten Rokokosaal saniert werden. Auch bei der Suche nach Geldgebern für dieses große Vorhaben will der Verein Hilfestellung leisten.«

    Kurz darauf aber kam alles ganz anders: Der unvergleichliche Buchbestand ist am 2. September 2004 zum Teil in Flammen aufgegangen. Man darf sich gar nicht vorstellen, wenn es den Verein in dieser Ausnahmesituation nicht schon gegeben hätte. Wer hätte der Bibliothek sonst mit aktiver Hilfe, Organisationsstruktur und Vereinskonto zur Seite stehen können? Die Spendengelder mussten ja nicht nur verbucht werden, sondern die Geber erwarteten auch einen Dank und eine Information über den Stand der Arbeiten. Auf Veranstaltungen, Presseterminen und speziellen Benefizaktionen musste berichtet und um weitere Mittel geworben werden. Schon nach zwei Monaten hatte die Spendensumme, die allein bei der GAAB eingegangen war, die Millionengrenze überschritten. In all diesen Dingen hat der Vorstand – dazu gehörten auch Eberhard Neumeyer, Joachim Rieck und Jörg Teschner – die Bibliothek entscheidend unterstützt.

    Das Aushängeschild und vielgeliebte Schmuckstück des Vereins ist die Zeitschrift Supralibros, deren 21. Heft gerade erschienen ist. Aktuell steht die Organisation und Finanzierung eines neuen Schülerseminars von Weimarer Schülern in der Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek bevor. Auch eine neue Spendenaktion ist geplant. Sie wird sich auf die Visualisierung des Historischen Bibliotheksgebäudes anhand eines Architekturmodells beziehen.

    Neue Freunde sind jederzeit willkommen. Der Jahresbeitrag beläuft sich auf 40 € und bringt eine ganze Reihe Vergünstigungen bei einem Besuch in Weimar sowie eine enge Verbindung zur Bibliothek mit sich. Aber ein Vereinsbeitritt ist in erster Linie ein mäzenatischer Akt. Kein Kulturinstitut kann heute blühen ohne einen Freundeskreis. Schrecklich die Zeit, in der es die Freunde nicht gab!

    www.gaab-weimar.de

    Michael Knoche

  • 23. Juli 2018 — Trippelschritte in die richtige Richtung – Neues zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland

    Beschädigte Bücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Foto: Constantin Beyer © Klassik Stiftung Weimar

    Der Zustand der kulturellen Überlieferung in deutschen Bibliotheken, Archiven und Museen gibt schon lange Anlass zur Sorge. In den Bibliotheken zerbröselt ein Teil der Bücher, wenn man sie benutzen will, weil ihre Papiere Holzschliff mit bestimmten säurebildenden Substanzen enthalten. Ein anderer Teil ist nicht mehr zu handhaben, weil gebrochene Buchrücken und aufgelöste Bindungen, ein- und ausgerissene, abgegriffene oder sonst beeinträchtigte Seiten die Lesbarkeit behindern. Ungenügende Lagerbedingungen kommen zu den materialbedingten Zerfallsprozessen und Benutzungsschäden hinzu. Wegen unzureichender Ressourcen sind wichtige Bestände unbenutzbar und der Forschung entzogen. Die Gefahr, dass einzelne Bibliotheken etwa säurehaltige Zeitungen und andere beschädigte Bestände gleich ganz entsorgen, ist sehr real.

    Die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, ist auch in der Politik angekommen. So findet sich im Koalitionsvertrag der Bundesregierung 2018 dazu eine Absichtserklärung: »Wir setzen die Programme zum Erhalt des schriftlichen Kulturgutes fort. Unser kulturelles Gedächtnis muss im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Zerfall gerettet werden.« Klingt etwas wolkig, aber der Satz hilft, die Aktivitäten der zuständigen Fachministerin auf diesem Feld zu legitimieren.

    Spätestens seit 2015 kennen nicht mehr nur die Experten, sondern auch die Öffentlichkeit und die politischen Akteure die Aufgabenfelder zur Sicherung des schriftlichen Kulturguts sehr genau. Denn mit den »Bundesweiten Handlungsempfehlungen« liegt eine umfassende Bilanz zu Schäden und Gefahren für die schriftliche Überlieferung in Archiven und Bibliotheken Deutschlands vor. Gleichzeitig beschreibt das sparten- und länderübergreifende Gesamtkonzept in aller Deutlichkeit, welche Maßnahmen Bund und Länder ergreifen sollten.

    Der Bund, das heißt der »Beauftragte für Kultur und Medien beim Bundeskanzleramt« (BKM), hat zusammen mit der Kulturstiftung der Länder vor acht Jahren die Initiative ergriffen. Seither konnte die neu eingerichtete kleine, aber taff operierende »Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts« (KEK) mehr als 250 Modellprojekte zum Originalerhalt fördern. Für dieses Programm zugunsten der Archive und Bibliotheken wurden über die Jahre hinweg 3,3 Mio. Euro ausgezahlt.

    Das Geld hat den Bedarf bei weitem nicht decken können. Denn der Mehrbedarf über das hinaus, was durch die öffentlichen Haushalte finanzierbar ist, beträgt pro Jahr allein bei den Bibliotheken 15 Mio. € und bei den Archiven 37 Mio. €. Staatsministerin Monika Grütters (BKM) hat 2017 auf diese offenkundige Schere zwischen Ist und Soll reagiert und noch einmal 1 Mio. € zusätzlich freigemacht, damit in Archiven und Bibliotheken Akten und Bücher leichter entsäuert, gereinigt und schutzverpackt werden konnten. Es geht in diesem Sonderprogramm nicht um Modellprojekte oder Einzelrestaurierung, sondern nur um Mengenverfahren.

    In diesen Tagen erreicht uns die erfreuliche Nachricht, dass dieses Sonderprogramm um weitere 1,5 Million Euro aufgestockt wird. Nun stehen von Seiten des Bundes insgesamt 2,5 Millionen Fördermittel zur Verfügung. Da die Bundesmittel an eine Kofinanzierung durch ein Bundesland oder andere Unterhaltsträger von 50 Prozent gebunden sind, können 2018 insgesamt 5 Millionen Euro zusätzlich in Mengenverfahren für den Originalerhalt investiert werden.

    Der Wermutstropfen für die Einrichtungen besteht darin, dass auf Grund der verzögerten Regierungsbildung die zusätzlichen Finanzmittel erst Ende Juni freigegeben werden konnten, aber bis Jahresende schon ausgegeben sein sollen. Das heißt, in diesen Tagen, wo die halbe Nation Urlaub macht, werden in den Bibliotheken und Archiven Anträge geschrieben und in den Ländern, Kommunen, Kirchen oder Stiftungen Mittel zur Komplementärfinanzierung gesucht. Die Gelder sind zur Jahresmitte normalerweise längst verplant. Anmeldeschluss ist Freitag, der 27. Juli.

    Anschließend beginnt das Begutachtungsverfahren, und im September ist mit den Bewilligungen zu rechnen. Dann bringen die Einrichtungen die Ausschreibungen auf dem kleinen Markt der kommerziellen Dienstleister auf den Weg, schließlich wird ein Auftrag erteilt und mit den Arbeiten begonnen. (Falls die überforderten Firmen überhaupt in der Lage sind, Angebote abzugeben.) Auf Seiten der Bibliotheken müssen gleichzeitig Qualitätssicherungsverfahren laufen und z.B. die Logistik der Magazine angepasst sowie Dokumentationsaufgaben im Hinblick auf die behandelten Bücher erledigt werden. Aber im Dezember soll schon Vollzug gemeldet werden. Ein verrücktes System mit Stress auf allen Seiten, aber angeblich erlaubt das Haushaltsrecht keine bessere Planung und überjährige Ausgabe der Mittel.

    Das Verfahren zur Ausreichung der Mittel ist suboptimal. Aber der erstmals spürbare Wille auf allen Ebenen, auf dem Weg der Kulturguterhaltung endlich weiterzukommen, ist ein gutes Zeichen. Dabei erweist sich, dass die neu verfügbaren BKM-Sondermittel in einigen Bundesländern eigene Anstrengungen auslösen oder befördern. Aber das Sonderprogramm muss jetzt in ein robustes Förderprogramm verwandelt werden, um das schriftliche Kulturgut in länderübergreifender Zusammenarbeit nachhaltig zu sichern. Die Originalerhaltung, die in Deutschland auch im Vergleich zu anderen europäischen Staaten im Rückstand ist, muss endlich Fortschritte machen, nicht nur in Trippelschritten.

    Website der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts http:/​/​schriftgutschuetzen.kek-spk.de/​

    Michael Knoche

  • 16. Juli 2018 — Qatar National Library – von Null auf Hundert

    Claudia Lux (zweite von links) mit Besuchern vor dem Gebäude der Qatar National Library

    Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in der westlichen Hemisphäre wurde vor einigen Wochen in Doha eine bemerkenswerte neue Bibliothek eingeweiht – die Nationalbibliothek Katars. Sie liegt am Rande der Großstadt in der sogenannten Education City, wo die Nationaluniversität, aber auch zahlreiche internationale Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihren Sitz haben und wo vor einigen Jahren noch öde Steinwüste war. Die Qatar National Library verfügt über eine Fläche von 46.000 qm, ist also etwa fünfmal größer als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Architekt des spektakulären, rhombusförmigen Gebäudes mit silberfarbener Außenhaut ist Rem Koolhaas.

    Die Sammlung der Bibliothek umfasst schon bei der Eröffnung mehr als eine halbe Million Bücher in Englisch, Arabisch und anderen Sprachen, die, nach Fachgebieten geordnet, zum größeren Teil frei zugänglich in den Regalen stehen. Gleichzeitig wird mit beeindruckendem Tempo eine digitale Bibliothek aufgebaut, für die schon über 150 Nationallizenzen erworben wurden. Nationallizenz bedeutet in diesem Fall, dass jeder angemeldete Nutzer auch auf die elektronischen Ressourcen, die von den internationalen Verlagen teuer lizenziert wurden, von jedem Punkt des Landes, selbst von seiner Privatwohnung aus, zugreifen kann. Die digitale Bibliothek wurde schon einige Jahre vor der Fertigstellung des Gebäudes freigeschaltet und hat dazu geführt, dass schon im voraus mehrere zehntausend Leser registriert waren.

    Die Spezialsammlung zum kulturellen Erbe bildet einen eigenen besonders inszenierten Bereich des Gebäudes und zählt etwa 70.000 Objekte der arabischen und islamischen Zivilisation, darunter Handschriften, frühe gedruckte Bücher, historische Karten, Globen, Fotografien und wissenschaftliche Instrumente.

    Nur für die alten Bestände gab es Vorläufereinrichtungen. Die übrige Sammlung wurde erst in den letzten fünf, sechs Jahren zusammengetragen. Auch alle Dienstleistungen, die Organisationsstruktur, die personelle Besetzung wurden parallel zur Bauplanung realisiert. Diese gigantische Planungsleistung nötigt jedem, der das Ergebnis sieht – eine der modernsten und attraktivsten Bibliotheken überhaupt –, höchsten Respekt ab. Projektdirektorin des gewaltigen Unternehmens war von 2012 bis 2017 Claudia Lux, die frühere Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und ehemalige Präsidentin des Weltverbandes der Bibliotheken IFLA.

    Es ist bemerkenswert, dass in unseren Tagen, wo einige Schlaumeier die Bibliotheken angesichts des Internets für obsolet erklären (zuletzt Pius Knüsel in der NZZ am Sonntag vom 7.7.2018), eine Bibliothek dieser Dimension neu gegründet wird. Die Geldgeber der Bibliothek sind davon überzeugt, dass die Ressource Wissen für die Gesellschaft der Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielt, selbst in ihrem heute noch rohstoffreichen Land, und dass gerade eine Bibliothek der Motor des Wandels sein kann.

    Auch die Konzeption der Bibliothek ist bemerkenswert. Sie übernimmt neben den klassischen Aufgaben einer Nationalbibliothek zugleich Funktionen einer Forschungs-, Universitäts- und einer zentralen Stadtbibliothek mit Kinder- und Jugendabteilung. Eine solcherart integrierte Gesamtbibliothek hat es bisher noch nirgendwo gegeben, und die bibliothekarische Gemeinschaft sollte sehr genau studieren, wie das Experiment in Doha funktioniert.

    Noch etwas anderes ist interessant. Die Nationalbibliothek hat in den letzten Jahren zusammen mit der British Library eine große Digitalisierungskampagne durchgeführt. Die in London bisher nur grob erschlossenen Archivalien der Ostindien-Kompanie und anderer Institutionen der britischen Kolonialmacht am Golf wurden aufbereitet und nun zugänglich gemacht. Auch wertvolle arabische Handschriften des Mittelalters gehören zum Projekt. Damit erhalten die Nutzer per Open Access Zugriff auf wichtige Quellen der eigenen Geschichte, die ihnen bisher vorenthalten oder zumindest schwer erreichbar waren. Dieses Kooperationsprojekt zeigt einen Weg auf, Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten wieder in den wissenschaftlichen und kulturellen Diskurs des Herkunftslandes zurückzuführen, ohne auf die Verhandlungsergebnisse der großen Politik über die Rückgabe von Kulturgütern warten zu müssen.

    Man mag viele Gründe sehen, dem politischen Kurs von Katar mit seinen 2,7 Mio. Einwohnern, darunter 90 % Ausländer, kritisch gegenüber zu stehen (absolute Monarchie, Frauenrechte, Arbeitsbedingungen der fremdländischen Bauarbeiter, Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2022 usw.) Man muss Katar aber auch in dem streng islamischen Kontext seiner Nachbarländer sehen, aus dem es spürbar heraussticht und in dem es inzwischen sogar isoliert ist. Goethe jedenfalls hätte die Bibliotheksgründung gefallen. Er hat die Bibliotheksarbeit als das »friedlichste sittlichste Bildungsgeschäft« bezeichnet.

    Michael Knoche