Candy Welz · Knoche 2016

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  • 02. September 2018 — Die Menschenkette in der Brandnacht

    Brandnacht 2. September 2004 (Foto: Maik Schuck©Klassik Stiftung Weimar)

    Immer wieder, besonders aber wenn sich der 2. September 2004 jährt, muss ich an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zurückdenken. Von einer einzigen Episode will ich berichten.

    Nachdem zahlreiche Bibliothekare und Restauratoren schon gegen 20.40 Uhr am Unglücksort eingetroffen waren und mit der Evakuierung von Kunstwerken und Büchern aus dem brennenden Gebäude begonnen hatten, kam es etwa 90 Minuten später zu einer völligen Sperrung des Hauses durch die Feuerwehr. Der Einsatzleiter Hartmut Haupt befürchtete, der Brand unter dem Dach könne das gesamte Haus in sich zusammenbrechen lassen.

    Gegen 23 Uhr fand vor dem brennenden Gebäude ein seltsames Kolloquium statt. Ich verwende das Wort Kolloquium bewusst, weil der Austausch der Argumente durchaus wissenschaftlichen Charakter hatte. Es waren die Baufachleute, die mit der Begutachtung des Gebäudes beauftragt gewesen waren und die jetzt mit der Einsatzleitung der Feuerwehr über die Gebäudestatik diskutierten. Es war ein Glück, dass das Haus in den Wochen zuvor so intensiv wie noch nie in seiner Geschichte analysiert worden war. Die Ingenieure konnten die Feuerwehr davon überzeugen, dass die Holzbalkendecke aus dem 16. Jahrhundert, über der im 2. Obergeschoss das Feuer ausgebrochen war, stabil sei und in den nächsten Stunden nicht einbrechen werde. Es handelte sich um eine sogenannte Mann-an-Mann-Decke, die im Gegensatz zur Holzbalkendecke keine Zwischenräume zwischen den einzelnen Holzbalken hat und dank der massiven Baumstämme eine besonders hohe Tragfähigkeit besitzt.

    Und dann geschah das Erstaunliche: Die Einsatzleitung der Feuerwehr ging das Risiko ein, die Fortsetzung der Bücherbergung zu erlauben. Die Feuerwehrleute halfen dabei mit an vorderster Front. Auch die anderen vor dem Haus wartenden Helfer stürmten sofort wieder in das brennende Haus und begannen, wahllos Bücher aus den Regalen zu holen und ins Tiefmagazin herunterzutragen. Auf der Treppe behinderte man sich gegenseitig durch den Gegenverkehr.

    Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, und ich, die wir anfangs ebenfalls rauf und runter gelaufen waren, fanden diese Methode bald zu ineffektiv und versuchten, die aufgeregten Menschen auf einem bestimmten Punkt auf der Treppe zum Stehenbleiben zu zwingen. Das war nicht leicht, denn das bedeutete für viele Helfer eine Phase der Tatenlosigkeit, die sie glaubten besser nutzen zu sollen. Schließlich waren die Kommandos von Hellmut Seemann so lautstark und überzeugend, dass endlich, anfangs lückenhaft, aber dann immer dichter, eine Menschenkette zustande kam, über die ein Buchstapel nach dem anderen oder auch ganze Umzugskisten weitergereicht werden konnten. Auf diese Weise konnten im Laufe der Nacht riesige Mengen von Büchern geborgen werden. Außerdem wurden die Menschen ruhiger und weniger hektisch, es verbreitete sich plötzlich das Gefühl eines vereinigten sinnvollen Tuns.

    Immer wenn es in den politischen Diskussionen über die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland nicht vorangeht, denke ich an diese Nacht des 2. September 2004 zurück und daran, dass es einerseits mutige Entscheidungen, wie sie damals die Feuerwehr getroffen hat, und andererseits eine solche Menschenkette braucht. Nur dann kann es gelingen, die gefährdete schriftliche Überlieferung von Generation zu Generation weiterzugeben. Sorry für die Emotion.

    Michael Knoche