Candy Welz · Knoche 2016

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  • 18. Juni 2018 — Die Zukunft der Vergangenheit. Eine Tagung an der Vatikanischen Bibliothek

    Hebrew Bible 1476

    Während der Papst an diesem heißen Frühsommertag auf dem Petersplatz Pilgergruppen aus indigenen Völkern traf, kamen in Rufweite davon entfernt Wallfahrer ganz anderer Art zusammen: 250 Wissenschaftler und Bibliothekare, die sich für das Thema Digitization and libraries: The future of the past interessierten. Je pointierter die Titel solcher Tagungen formuliert sind, desto trockener fallen meist die Vorträge aus. Fachlich nüchtern ging es tatsächlich zu. Trotzdem waren die sieben Stunden am 30. Mai im Konferenzzentrum des Institutum Patristicum Augustinianum keine verlorene Zeit.

    Die Tagung wurde von der Vaticana und der Bodleian Library (Oxford) gemeinschaftlich veranstaltet. Auch das vorgestellte Digitalisierungsprojekt wurde von 2012 bis 2017 gemeinschaftlich durchgeführt. Beide Bibliotheken haben ihre wichtigsten hebräischen und griechischen Manuskripte sowie Inkunabeln mit Texten antiker Autoren nach allen Regeln der Kunst fotografiert und frei ins Netz gestellt. Umfang: 1,5 Mio. Seiten. Gerade diese Bestände beider Bibliotheken sind in der Wissenschaft bekannt und vielgefragt.

    Warum aber betreiben zwei Bibliotheken aus verschiedenen Ländern ein Projekt zur Digitalisierung jeweils eigener Bestände gemeinsam? Vermutlich wäre es finanziell günstiger und organisatorisch einfacher gewesen, die Arbeiten auf eigene Faust durchzuführen. Aber in diesem Fall scheint der Sponsor Leonard Polonsky, ein Finanzinvestor, es so gewollt zu haben. Er hat nicht zweimal eine Million Britische Pfund, sondern 2 Millionen für das Gemeinschaftsprojekt bereitgestellt. Seine Polonsky Foundation hat schon andere geisteswissenschaftliche Projekte an den Universitäten von Oxford und Cambridge sowie Digitalisierungskampagnen an verschiedenen Bibliotheken weltweit gefördert.

    Aber der kluge Dr. Polonsky, der schon hochbetagt ist und in Rom von seinem Sohn vertreten wurde, hat sich etwas dabei gedacht. Obwohl der Scanvorgang in Eigenregie vor Ort erledigt werden muss, wird das Framing solcher Projekte, wie der modische Fachausdruck heute lautet, immer wichtiger: die Auswahl nach klaren Kriterien, die Auffindbarkeit für die Wissenschaft, die Anwendung hoher Standards in der Technik der Digitalisierung, der Metadaten und der Präsentation auf der Website (das International Interoperability Framework, kurz IIIF), die projektspezifische Öffentlichkeitsarbeit. Denn die reine Verfilmung ist der kleinste Teil der Arbeit. Neunzig Prozent des Aufwands geht in die vor- und nachbereitenden Arbeitsvorgänge.

    Faktoren wie Auswahl, Auffindbarkeit oder gleiche Standards wurden auch von Seiten der Forschung deutlich eingefordert. Im Eröffnungsvortrag sagte der Historiker Anthony Grafton, Princeton University, dies sei essentiell in einer Zeit, in der kein Wissenschaftler sich mehr mit den an einem Ort vorhandenen Quellen begnüge, sondern zum Vergleich Zugang zu Digitalisaten aus einer Vielzahl von Bibliotheken benötige.

    Unter den eigentlichen Fachvorträgen war eine Präsentation von Emma Stanford (Oxford) besonders anschaulich. Sie ist für das Projektmarketing zuständig – ihre Jobbezeichnung lautet Data Curator – und spricht die Wissenschaftlergemeinschaft u.a. über die sozialen Netzwerke an. So postet sie Bilder aus den digitalisierten Manuskripten (vgl. die Abbildung oben mit Tierbuchstaben aus einer hebräischen Bibel des Jahres 1476), macht auf den Erhaltungszustand der Originale einschließlich mancher Kuriositäten aufmerksam (z.B. auf einstmals angebrannte oder mit groben Stichen zusammengenähte Pergamentblätter), stellt Abbildungen aus verschiedenen Ausgaben, z.B. zur Ars Moriendi (Kunst des Sterbens), zusammen oder zoomt in Details, kurzum sie erzählt Geschichten, die neugierig machen. Das kann sogar Lehrer ansprechen, die das Material für den Schulunterricht nutzen wollen. Wichtig sei aber, dass man planmäßig vorgehe, seinen eigenen Ton finde und nicht um billiger Effekte willen die seriösen Interessenten vor den Kopf stoße, sagt die Referentin.

    Das war die erstaunlichste Erkenntnis, die sich am Ende der wohlorganisierten kleinen Tagung beim Zuhörer einstellte: Es erweist sich als sehr sinnvoll, wenn Bibliotheken Digitalisierungsprojekte gemeinsam betreiben. Der Mehraufwand an Zeit und Geld für Abstimmungsprozesse zahlt sich aus in einem erhöhten Wirkungsgrad des Geleisteten. Dr. Polonsky wusste, was er wollte. Er war ein ziemlich erfolgreicher Wirtschaftsmann.

    http:/​/​bav.bodleian.ox.ac.uk/​about-the-project

    Michael Knoche z. Z. Rom