Candy Welz · Knoche 2016

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  • 25. Juni 2018 — Elegie auf den roten Briefkasten

    Roter Briefkasten in Termini, Rom

    Für jeden, der früher Italien bereist hat, war der rote Briefkasten der italienischen Post ein Gegenstand froher Aufmerksamkeit. Er war schön anzuschauen in seiner leuchtend roten, leicht konvexen, gusseisernen Erscheinung mit seinen beiden Öffnungen (eine für die innerstädtische Post, eine für alles andere), die so konstruiert sind, dass man nichts mehr herausbekommt, was je durch den Spalt geschoben wurde. Der rote Briefkasten war auch das wichtigste Bindeglied zur Heimat.

    Um späteres verzweifeltes Suchen zu vermeiden, achtete man tunlichst schon beim Bummeln durch die Straßen darauf, wo sich ein solcher Apparat befand, dem man später einmal die noch zu schreibenden Ansichtskarten anvertrauen könnte. Wenn man sich den Standort nicht rechtzeitig gemerkt hatte, hielt man klugerweise in der Nähe von Bars oder Tabakläden Ausschau danach. Das Nachfragen bei Passanten scheiterte meist daran, dass einem die richtige Vokabel (cassetta postale) nicht einfiel.

    Wenn dann die Ansichtskarten durch den Schlitz ins Innere des Kastens gesteckt werden konnten, war die Erleichterung groß über die Erledigung dieser kleinen Bußübung für jede Entfernung von daheim. Man konnte hoffen, dass die Postkarten nach gebührendem Zeitablauf nunmehr durch einen anderen Schlitz, den des privaten Briefkastens, beim Empfänger landen und so ihre geheimnisvolle Reise durch auf- und zuschnappende Münder überstanden haben würden.

    In manchen leidenschaftlichen Fällen wurde dem roten Briefkasten sein Rang zwar durch die Telefonzelle streitig gemacht. Aber das Telefonieren von Italien nach Deutschland war lange Zeit nichts, was man ohne Not tat. So schnell, wie es nötig war, konnte man die Telefonmünzen gar nicht in den gefräßigen Apparat werfen, und alle Liebesschwüre hatten etwas Gehetztes oder wurden gar übertönt durch das dauernde Klacken der Gettoni.

    Nun ist es eine Trivialität festzustellen, dass das Ansichtskartenschreiben und das Telefonieren aus Telefonzellen wie alles andere analoge Tun aus der Mode kommt. Es ist bekannt, dass man heute, wenn überhaupt, lieber eine E-Mail oder WhatsApp mit Selfie aus dem Urlaub verschickt. Die Aktionen haben gar nichts Pflichtbewusst-Protestantisches mehr, sondern sind Marketingaktionen in eigener Sache. Aber verwunderlich ist doch, dass im heutigen Italien die Ansichtskarten noch allgegenwärtig sind.

    Es ist die Handlungskette, um sie zu versenden, die nicht mehr funktioniert. Briefmarken und Briefkästen sind in der Krise. Früher konnten die Briefmarken zusammen mit der Ansichtskarte im autorisierten Tabakladen gekauft werden. Aber entweder dürfen dies die Händler nicht mehr, oder es lohnt sich nicht mehr für sie – jedenfalls gibt es in keinem Tabakladen mehr Briefmarken.

    Die »stamps«, die man an den Kiosken oder in den Mini-Supermärkten bekommt, sind solche eines privaten Zustelldienstes (GPS), die ein Drittel teurer sind als die der italienischen Post. Wenn man sich diese hat verkaufen lassen, muss man außerdem noch begreifen, was einem Kurzzeit-Touristen selten gelingt, dass die so frankierten Karten nur in die firmeneigenen gelben Boxen geworfen werden dürfen. Die Boxen sehen ganz erbärmlich aus und haben nichts von der Würde der roten Briefkästen. Die Ansichtskarten dieses Dienstes erreichen laut Erfahrungsberichten im Netz ihre Empfänger in mehr als 50 Prozent der Fälle.

    Will man Briefmarken der offiziellen Poste Italiane kaufen, begibt man sich in ein Postamt. In den größeren Einrichtungen muss man am Eingang an einem Automaten ein Ticket mit einer Nummer lösen: und zwar ein Ticket der Kategorie Servizi Corrispondenza e pacchi. Es ist ganz normal, wenn man zunächst die falsche Kategorie, etwa Poste Impresa oder Servizi Finanziari, gewählt hat, dann reiht man sich eben von neuem in die Warteschlange ein. Einmal am Schalter, kann man seine Postkarte einfach da lassen. Aber wehe, man kauft Briefmarken auf Vorrat und schreibt die Karten erst später. Dann geht die Suche nach einem Ort, wo sie aufzugeben sind, noch einmal los.

    Zwar findet man die vertrauten roten Kästen, wenn man archäologisch geschult ist. Aber oft sind sie mit Graffiti bemalt, von Vandalen zerbeult, mit Reklame beklebt, verborgen von der benachbarten Vegetation, in der Farbe verblasst und fast rosa geworden. Manchmal steht Fuori servizio auf den Klebebändern, die sie umschließen. Wenn der Hinweis fehlt, hängt es allein von der persönlichen Einschätzung des Liebhabers dieser obsoleten Kulturtechnik ab, ob es sich um einen lebendigen oder toten Briefkasten handelt. Der Empfänger der Ansichtskarte ahnt gar nicht, welcher Dornenpfad hinter den fröhlichen Grüßen steckt.

    In Deutschland gibt es ebenfalls ein Briefkastensterben – so pathetisch muss man das Phänomen benennen. Hier montiert man die Kästen aber ab, während in Italien die Pietät vor dem einstigen zentralen Kommunikationsmittel, das ja nicht nur Grüße aufnahm, sondern manchmal auch unsere Hoffnungen, Lieben, Freuden und Sorgen davon trug, sehr ausgeprägt ist. Die roten Briefkästen werden nicht verschrottet, sie werden in einen Zustand der Agonie versetzt. Wir können sie noch finden und ein letztes Mal zärtlich berühren. Aber das Totenglöckchen kann man schon hören.

    Am 3. Juli erhöht die italienische Post erneut die Preise für einige Versendungsformen. Briefe und Postkarten kosten dann 1,10 € statt bisher 95 Cent. Lieber alter roter Briefkasten, was wird aus dir?

    Michael Knoche z. Z. Rom