Candy Welz · Knoche 2016

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  • 21. Januar 2019 — Bildung und Wissenschaft im Zentrum der Stadt: Die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam

    SLB Potsdam

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    Als 1968 in der DDR der Bibliothekstyp »Wissenschaftliche Allgemeinbibliothek« per Verordnung eingeführt wurde, der die Funktionen einer allgemeinbildenden und einer wissenschaftlichen Bibliothek in sich vereinigen sollte, bekam jede Bezirkshauptstadt ihre WAB, wie sie abgekürzt genannt wurde. In Potsdam wurden die Stadt- und Bezirksbibliothek und die Brandenburgische Landes- und Hochschulbibliothek zur WAB verschmolzen.

    Aber die neue Bibliothek brauchte auch ein neues Gebäude. 1974 war es soweit: Die Potsdamer konnten den damals modernsten Bibliotheksbau der DDR in Betrieb nehmen, eine Stahlbetonkonstruktion in der kriegszerstörten Mitte der Stadt.

    Einige Jahrzehnte später musste der massiv wirkende Solitär mit seiner scheußlichen Fassade schon allein wegen der problematischen Haustechnik und des unzureichenden Brandschutzes saniert werden. Nach langen kontroversen Diskussionen traf die Stadt die ungewöhnliche Entscheidung für eine Erhaltung statt einen Neubau.

    Heftiger Widerstand kam von einer Bürgerinitiative, die an derselben Stelle die barocken Bürgerhäuser wieder aufbauen wollte. Andere Stimmen forderten die Integration der Bibliothek in einen neu entstehenden Kaufhauskomplex. Die Stadtverordneten beschlossen, das Bibliotheksgebäude grundlegend zu erneuern und nicht nur die Bibliothek, sondern auch die Volkshochschule und eine »Wissenschaftsetage« der Potsdamer Hochschulen hier anzusiedeln. Das Berliner Büro Becker Architekten erhielt den Auftrag zur Sanierung des später »Bildungsforum« genannten Komplexes.

    Im September 2013 wurde das sanierte Haus wieder eröffnet und präsentiert sich freundlich und großzügig. Die ehemals problematische Fassade hat nun vorgesetzte farbige Glaspaneele und eine unregelmäßige Aufteilung der Fenster. Der öffentlich zugängliche Teil der Bibliothek ist in den beiden unteren Etagen angesiedelt. Der früher offene Innenhof wurde zu einem Atrium mit Glasdach umgestaltet. Ein Zwischengeschoss (mit Angeboten für Jugendliche) und das 1. Obergeschoss sind galerieförmig angeordnet. Dort befinden sich auch die Bestände der Landesbibliothek (Brandenburgica) und unterschiedliche Arten von Arbeitsplätzen. Das Innenraumkonzept ist geschmackvoll. Die Farbgestaltung fällt mal nicht so schreiend aus wie in manch anderen Stadtbibliotheken, d.h. es dominiert Weiß mit einigen schönen Farbtupfern.

    In der Verbindung von Stadt- und Landesbibliothek ist die Potsdamer Bibliothek bundesweit ein Unikum. Das hängt damit zusammen, dass es in Brandenburg keine traditionsreiche eigene Landesbibliothek gegeben hat, die die historischen Buchbestände der Region in großer Breite gesammelt, Pflichtexemplare bekommen und eine Landesbibliographie herausgegeben hätte. Nach der Wende (1992) unterzeichnete die Stadtbibliothek Potsdam mit dem Land einen Vertrag zur Übernahme der landesbibliothekarischen Aufgaben. Das Land finanziert heute 7,5 von insgesamt 43 Stellen. Nur in Fulda mit der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek gibt es eine ähnliche Kooperation der Unterhaltsträger.

    Fünf Jahre nach der Eröffnung der sanierten Stadt- und Landesbibliothek Potsdam im Bildungsforum ist die Zahl der Benutzer und der Entleihungen um mehr als 30% gestiegen. Hans-Christoph Hobohm, Professor für Bibliothekswissenschaft an der benachbarten Fachhochschule, macht der Bibliothek zum fünfjährigen Jubiläum ein Kompliment. Er bescheinigt ihr eine »hohe Aufenthaltsqualität« und lobt den Mut der Stadt, nicht nur die drei Institutionen in einem Haus zu vereinen, sondern überhaupt »Bildung und Wissen(-schaft) im Zentrum der Stadt zu positionieren.«

    Michael Knoche