Candy Welz · Knoche 2016

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  • 12. November 2018 — Der schwarze Kristall in Freiburg/​Br.

    UB Freiburg/Br. (2015, Degelo Architekten)

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    In dem Kapitel »Bibliotheken als reale Orte« meines Buches Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft habe ich eine kleine Liste aufgestellt und neun Beispiele von aus meiner Sicht hervorragenden Bibliotheksgebäuden neueren Datums genannt. Diese Gebäude hatte ich mir alle angeschaut. Ich habe aber längst nicht alle interessanten Bauten neuer wissenschaftlicher Bibliotheken (nur um diesen Bibliothekstyp geht es hier) mit eigenen Augen gesehen. Ein schlechtes Gewissen hatte ich z.B. besonders gegenüber der Diözesanbibliothek Münster (Max Dudler, 2005) und der Universitätsbibliothek Freiburg/​Br., die ich nur von Abbildungen her kannte und deshalb nicht aufnehmen wollte. Jetzt aber habe ich endlich die UB Freiburg besichtigen und die Liste in der 3. Auflage der Idee gleich um dieses bemerkenswerte Gebäude ergänzen können.

    Das alte Gebäude der Bibliothek war ein funktionaler Betonbau der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als Teil des innerstädtischen Campus. Nach 30 Jahren intensiver Nutzung musste schon deswegen etwas geschehen, weil Asbestbefall festgestellt wurde und die Energiekosten für den schlecht isolierten Bau immens waren. Zunächst glaubte man, bei einer Sanierung das Betonskeletts, die Untergeschosse und die Treppentürme des alten Gebäudes wiederverwenden zu können. Aber während der Bauarbeiten zeigte sich die schlechte Qualität des Betons, so dass doch weitgehend ein Neubau realisiert werden musste. Die Entwurfsidee des renommierten Architekturbüros Degelo aus Basel bestand darin, dem Baukörper eine ungewöhnliche »skulpturale Kristallform« mit vierzehn dunkel verglasten Fassaden zu geben. Die Eröffnung war 2015.

    Die Form des so entstandenen schwarzen Kristalls am Rande der Altstadt Freiburgs ist in der Tat spektakulär, hat aber auch einen imperialen Gestus. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich in den riesigen Fensterfronten die Gebäude der Nachbarschaft spiegeln, etwa das Theater oder das zentrale Kollegiengebäude der Universität. Aber die Dimensionen des abstrakten Baukörpers sind so gewaltig, dass die Umgebung klein und bieder erscheint. An dem äußeren Bild des Gebäudes, das nachts, wenn es beleuchtet ist, viel freundlicher und transparenter wirkt als tagsüber, hat sich denn auch eine leidenschaftliche Diskussion unter den Bewohnern der Stadt Freiburg entzündet.

    Das Gebäude präsentiert sich im Innern ganz anders als außen. Man betritt es durch eine sehr große Drehtür und findet in dem hellen offenen Foyer links eine überdimensional große geschwungene Info-Theke aus edlem Holz, die den Eingang in die Lesebereiche markiert. Geradeaus liegt die lange Reihe der Schließfächer. Wendet man sich nach rechts, lockt das Cafè Libresso mit fast 200 Plätzen, ein Ort des ständigen Kommens und Gehens und fröhlichen »Hallos«. Von dort führt eine Treppe in das »Parlatorium« in den Stockwerken zwei bis fünf. Im ersten Obergeschoss befindet sich auch ein Veranstaltungsraum mit 200 Plätzen, im zweiten Schulungsräume, im dritten das Medienzentrum mit Studios für ein Campus-Radio und -Fernsehen, und vom fünften Obergeschoss sind die Büros der Bibliotheksverwaltung erreichbar.

    Das Parlatorium ist eine Freiburger Erfindung. Bibliotheken haben immer das Problem, dass es in ihren Räumen, vor allem in den Lesebereichen, zu laut ist, weil die Besucher miteinander reden wollen. Freiburg hat schon in seinem alten Gebäude daraus die Schlussfolgerung gezogen, jenseits der Lesebereiche einen eigenen Bereich für Kommunikation zu schaffen. Im neuen Haus ist das Parlatorium noch größer (500 Plätze) und viel attraktiver geworden, weil es überall unterschiedlich konzipierte Sitzmöglichkeiten für Arbeitsgruppen bietet: bequeme Sessel, edel gearbeitete lange Lederbänke mit Beistelltischen, konventionelle Tische mit Stühlen, Stehtische oder Kojen mit IT-Technik für kleine Arbeitsgruppen. Die Formensprache der Einrichtung ist klar und elegant. Diesem kommunikativen Sektor wurde ungewöhnlich viel Raum gegeben – offensichtlich zu Recht, denn bei meinem Besuch waren fast alle Plätze belegt und viele Studenten hatten es sich auf dem Teppich bequem gemacht.

    Aus dem Raumbedarfsplan für das Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek wurden Ende der 90er Jahre alle Flächen für »Kommunikation« als entbehrlich herausgestrichen, mit dem Effekt, dass man sich heute außer im Cafè, wenn es denn geöffnet hat, nirgendwo normal unterhalten kann, ohne dass andere Leser nervös aufblicken. Vielleicht fehlte uns damals, um das Finanzministerium zu überzeugen, nur ein schöner lateinischer Terminus wie Parlatorium für das natürliche Bedürfnis, in der Bibliothek andere Leute zu treffen und mit ihnen gemeinsam etwas zu erarbeiten.

    Die Freiburger Lesebereiche unterscheiden sich wenig von gut strukturierten Lesebereichen anderer Bibliotheken. Sie bieten neben 250.000 Bänden in Freihandaufstellung 1200 Arbeitsplätze, meist in Tischreihen mit Abschirmungen zum Gegenüber angeordnet. Zusätzlich stehen Sessel ohne Tisch zum individuellen Lesen mit Fensterblick zur Verfügung. Es gibt einen Sonderlesesaal für die Benutzung der wertvollen historischen Bestände des Hauses, darunter 4.000 Handschriften und Autographen und knapp 3.500 Inkunabeln. Insgesamt stehen in der UB Freiburg 4,6 Millionen Medieneinheiten, davon 3,5 Millionen Bücher, für die Leser bereit.

    Das Gebäude der UB Freiburg besticht durch seine überzeugende Konzeption im Innern. Räume der Kommunikation sind von Orten der Konzentration klar abgegrenzt. Das Haus scheint gut angenommen zu werden. In Spitzenzeiten verzeichnet die Bibliothek 12.000 Besuche täglich. Eine Online-Übersicht zeigt, wo man noch einen freien Arbeitsplatz finden kann.

    https:/​/​www.ub.uni-freiburg.de/​

    Michael Knoche