Candy Welz · Knoche 2016

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  • 21. Mai 2018 — Durch das Fratzenmaul zu den Quellen des Wissens – die Hertziana in Rom

    Mascherone Hertziana

    Will man die Bibliotheca Hertziana in Rom betreten, darf man nicht ängstlich sein. Man muss ein überdimensionales aufgerissenes Fratzenmaul mutig durchschreiten, den sogenannten Mascherone. Er bildete einst das Eingangstor zu Federico Zuccaris Garten, seit 2013 ist es das Hauptportal zu dem in prominenter Nachbarschaft zur Spanischen Treppe gelegenen Institut. Obwohl nicht das kleinste Türschild darauf hinweist, muss man hier durch. Aber sofort hinter der Tür wird der Fremde von einem sehr höflichen, aber nur Italienisch sprechenden Zerberus empfangen. Glücklicherweise spricht er einen nicht gleich auf Englisch an, wie es hier jeder Kellner tut.

    Der Zutritt ins Haus ist unmissverständlichen Bedingungen unterworfen: in der Regel eine abgeschlossene Promotion im Fach Kunst- oder Architekturgeschichte sowie ein offizielles Empfehlungsschreiben der Universität oder einer fachwissenschaftlichen Institution. So werden vor allem die zahlreichen Kunstgeschichtsstudenten in Rom, die mit den Arbeitsmöglichkeiten in den anderen Bibliotheken der Stadt zu Recht unglücklich sind, davon abgehalten, hier zu lesen und zu lernen – ein Musterbeispiel für die in einer interessanten soziologischen Arbeit von Eva-Christina Edinger analysierte »exkludierende Bibliothek mit distinktiver Wirkung nach außen«. (Wissensraum, Labyrinth, symbolischer Raum, Konstanz 2015) In erster Linie ist die Bibliothek eben ein Forschungsinstitut der Max-Planck-Gesellschaft.

    Auf einem der teuersten Grundstücke der Stadt können maximal 90 Personen gleichzeitig Bibliothek und Fotothek benutzen. Im Jahresdurchschnitt sind es 60 Personen pro Tag, in Spitzenzeiten 100, die – im Besitz der begehrten Tessera – hier arbeiten wollen. Daher muss die Vergabe der Leseplätze gut organisiert sein. Jeder Nutzer bekommt bei der täglichen Anmeldung einen bestimmten Platz zugewiesen. Bücher, die er aus dem Regal nimmt, muss er gleich auf einer Selbstverbuchungsstation registrieren lassen, damit für andere Wissenschaftler, die gleichzeitig über ein ähnliches Thema arbeiten, nachvollziehbar ist, auf welchem Pult sich ein Buch gerade befindet. Und wenn er das Haus verlässt, muss er der Aufsicht die Quittung mit den vollständig zurückgebuchten Büchern vorweisen. Aus dem Haus entliehen wird verständlicherweise gar nichts.

    An den Zulassungsbedingungen ist grundsätzlich wenig zu bemäkeln. Nur das nervige Verbuchen und Ausbuchen leuchtet überhaupt nicht ein. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen: An den Arbeitsplätzen fühlt man sich wie die Heringe in der Dose zusammengedrängt und vermisst ein bisschen die Gelassenheit, Großzügigkeit und kommunikative Atmosphäre der amerikanischen Forschungsbibliotheken. Dafür genießt man das Privileg, mitten im Zentrum des alten Europa, den Atem der Geschichte heiß im Nacken spürend, auf einen hervorragenden Bibliotheksbestand direkt zugreifen zu können. 300.000 Bände zur Kunstgeschichte Italiens! Welche Informationsdichte und -fülle! Alles, von den Geschichten der großen Familien über die Kataloge der Galerien bis hin zu achtseitigen Führern irgendeiner Pfarrkirche auf Sizilien ist hier zu finden. Hinzu kommen ca. 1000 Zeitschriften, auch aus den Nachbardisziplinen, die laufend ausgewertet und verzeichnet werden.

    Das Besondere sind die hervorragende Sacherschließung und systematische Aufstellung der überwiegend gedruckten Bestände, fast alles in Freihand. Wie in der Kunstgeschichte üblich, spielen E-Books und elektronische Zeitschriften nur eine untergeordnete Rolle – obwohl kein Benutzer ohne Notebook arbeitet. Alle lassen sich beim Einchecken ein tagesaktuelles Passwort geben (auch etwas überkontrolliert).

    Um die Kapazitäten des Palazzo Zuccari und des angrenzenden Palazzo Stroganoff zu erweitern, wurde in 13jähriger Schließzeit ein aufwendiger und ästhetisch gelungener Neubau des Bibliothekstrakts auf die kleine Fläche zwischen den Gebäuden gesetzt. Ein bestehender kleiner Hof durfte nicht überbaut werden. Um ihn herum gruppieren sich jetzt die Arbeitsplätze und offenen Büchermagazine in nach oben zurückspringenden Galerien. Technisch ruht das Gebäude zur Bewahrung der eines antiken Nymphäums auf 170 schmalen Stahlpfählen, die bis zu 50 Meter tief in die Erde reichen.

    Die modernen Nymphen und Wassergeister, die das Höllengesicht passiert, den Zerberus besänftigt und die RFID-Technik bezwungen haben, können sich in der Hertziana an den kräftig sprudelnden Quellen des Wissens laben.

    P.S. Das Institut ist übrigens neben der Herzogin Anna Amalia Bibliothek die einzige deutsche Bibliothek mit einem Frauennamen (Henriette Hertz 1846–1913).

    http:/​/​www.biblhertz.it/​home/​

    Michael Knoche