Candy Welz · Knoche 2016

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  • 17. September 2018 — Südtirol – ein Bibliothekswunderland

    Die Südtiroler Landesbibliothek "Dr. Friedrich Teßmann", Bozen-Gries

    In Bozen, westlich der Talfer, liegt der Stadtteil Gries mit 30.000 Einwohnern und dem Benediktinerkloster Muri-Gries. Nahe den alten Rebgärten jenseits der Klosteranlage, wo die autochthone Rebsorte Lagrein angebaut wird, gedeiht auch auf ein anderes bodenständiges Gewächs von unverwechselbarem Charakter, die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann.

    Eine Landesbibliothek in Italien? Alte Stadtbibliotheken gibt es in Hülle und Fülle, aber ein Bibliothekstyp, der in Deutschland meist aus ehemaligen Hofbibliotheken entstanden ist, so wie etwa die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ist in Italien unbekannt. Tatsächlich ist auch die Bozener Tessmann eine neuere Gründung: Als Landesbibliothek im engeren Sinne ist sie erst 36 Jahre alt. Ihre Entstehung hängt mit den kulturellen Selbstbestimmungsbestrebungen der Südtiroler zusammen, die sich nach dem Anschluss an Italien (1920) unterdrückt fühlten und alles daran setzten, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Dadurch sind Arbeit und Aufgaben der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann, der einzigen wissenschaftlichen Universalbibliothek Südtirols, geprägt. Ihre Dienstleistungen richten sich vorwiegend an die deutsche und ladinische Bevölkerung.

    Die Landesbibliothek verfügt über etwa 500.000 Bücher und andere Medien und sammelt vorwiegend deutschsprachiges Schrifttum aus den verschiedenen Wissensgebieten. Vollständigkeit strebt sie bei dem von Südtirolern verfassten, Südtirol betreffenden und in Südtirol erschienenen Schrifttum an. Besonders berücksichtigt werden auch Veröffentlichungen aus dem Raum des historischen Tirol. Es besteht ein Pflichtexemplarrecht, d.h. zwei Exemplare jeder in der Provinz erscheinenden Publikation müssen an die Teßmann bzw. an ihr italienisches Pendant abgeliefert werden.

    Ja, es gibt auch ein Gegenstück zur Teßmann, die italienische Landesbibliothek »Claudia Augusta« im Bozener Kulturzentrum Trevi. Sie ist deutlich jünger (gegründet 2000), kleiner (35.000 Bände) und hat auch keine koordinierenden Aufgaben. Aber da die Einwohnerschaft Bozens zu mehr als 60 Prozent italienschsprachig ist (auf Südtirol insgesamt bezogen, ist es umgekehrt), versteht man, dass es sie geben muss. Im übrigen gibt es in Bozen noch die Stadtbibliothek »Cesare Battisti« und die Bibliothek der Freien Universität sowie eine Reihe von Spezialbibliotheken.

    Ist dies schon eine sehr komfortable Bibliothekssituation, gerät man noch mehr ins Staunen, wenn man sich die Lage in den anderen Städten, in den Dörfern und Bergdörfern anschaut. Gab es früher in Südtirol nur vereinzelte, von kirchlichen Institutionen geführte, bescheidene Bibliotheken, finden wir heute in Brixen, Lana, Marling, Neumarkt, Riffian, Vahrn und wie die 116 Gemeinden alle heißen, geräumige, funktionelle und architektonisch gelungene Bibliotheken – öffentlich genutzte Bibliotheken, Schulbibliotheken oder Einrichtungen mit gemischter Nutzung. Jede Bibliothek ist in der Regel hauptamtlich geleitet, gut ausgestattet und präsentiert sich attraktiv.

    Dieser Errungenschaft verdankt sich einem Bibliotheksgesetz, das die autonome Provinz Bozen nach dem mühsam errungenen Autonomiestatut von 1972 beschließen konnte. In 17 von 25 EU-Staaten gibt es Bibliotheksgesetze. Die meisten ihrer Art sind zahnlose Tiger und enthalten nur Absichtserklärungen (z.B. das Thüringer Bibliotheksrechtgesetz vom 16.7.2008). Aber neben den Bibliotheksgesetzen Kataloniens (1993) und Dänemarks (2000) ist das Südtiroler Landesgesetz vom 7. November 1983 zur »Regelung der Weiterbildung und des öffentlichen Bibliothekswesens« eine rühmliche Ausnahme. Denn es sorgt dafür, dass die vorgeschriebenen Standards in Bezug auf Raumgrößen, Medienbestand und Öffnungszeiten tatsächlich umgesetzt werden. Das Land vergibt entsprechende Zuschüsse an die Gemeinden.

    Das ist aber noch nicht alles. 1990 wurde ein Schulbibliotheksgesetz erlassen, das das Bibliotheksgesetz ergänzt. Seither kann man sich auch eine Schule in Südtirol ohne Bibliothek nicht mehr vorstellen. Alle 29 Oberschulen haben eine Bibliothek – mit einem Medienbestand von jeweils mehr als 10.000 Einheiten und hauptamtlicher Leitung. Sogar die Hälfte aller 271 Grundschulen, die oft weniger als fünf Klassen haben, verfügt über eine jederzeit zugängliche Bibliothek, in der die Schüler einzeln, aber auch gruppen- oder klassenweise lernen können.

    Die Arbeit mit Schülern der Oberschulen bestimmt auch die Arbeit der Teßmann. Ständig sind Schulklassen zu Führungen und Schulklassen im Haus. Jetzt ist ein digitales »Schülerportal« in Planung, das den Vorzug hat, allen Schülern in Südtirol gleichermaßen zugute zu kommen. Mit dem Südtiroler Leseausweis können die Leser einer Bibliothek auch in einer anderen Bibliothek Medien ausleihen, ohne dort eingeschrieben zu sein. Jeder Leser kann sich auch bei Biblio24 anmelden und dann von welcher Almhütte aus auch immer eine große Bandbreite digitaler Medien wie E-Books, E-Zeitungen, E-Magazine, E-Audios und E-Videos ausleihen. Dies ist ein Angebot der Teßmann und des sehr professionell agierenden Amtes für Bibliotheken und Lesen in der Südtiroler Landesverwaltung.

    Für die Zukunft ist ein Bibliothekenzentrum geplant, dessen Standort sich unmittelbar gegenüber dem heutigen Bibliothekssitz der Teßmann befindet. Es soll unter einem Dach neben der Teßmann-Bibliothek auch die seit 1928 bestehende Stadtbibliothek Bozen und die italienische Landesbibliothek zu einer Südtiroler Verbundbibliothek zusammenschließen. Diese bleiben selbständig, betreiben aber bestimmte Serviceleistungen gemeinsam und präsentieren sich in einem Gebäude. Das wäre eine innovatives Modell, das kaum Vorbilder hat. Es würde eine zentrale wissenschaftliche Universalbibliothek für Südtirol mit 1.100.000 Medieneinheiten entstehen, aber auch ein Kultur- und Bildungszentrum für die Bevölkerung der Stadt Bozen.

    Die Planung ist schon 2014 abgeschlossen worden. Es liegt ein sehr guter Architektenentwurf des Büros Christoph Mayr-Zingerle vor. Zur Zeit gibt es Schwierigkeiten auf Seiten des Bauträgers. Aber man ist optimistisch, im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten beginnen und sie 2021 abschließen zu können. Dann wird man endgültig sagen müssen: Südtirol ist ein Bibliothekswunderland!

    http:/​/​www.tessmann.it/​de/​home.html

    Michael Knoche