Candy Welz · Knoche 2016

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  • 01. Oktober 2018 — Wie sich ein Privatverlag in der Sowjetischen Besatzungszone behauptete – Hermann Böhlau Nachf., Weimar

    Erinnerungstafel an Hermann Böhlau und seinen Verlag am heutigen Stadtarchiv Weimar, dem einstigen Verlagshaus (Kleine Teichgasse 6) Wikicommons

    Das Gebäude des Böhlau-Verlags in der Meyerstr. 50a, außerhalb der Weimarer Altstadt befindlich, war im Zweiten Weltkrieg zwar durch Bomben leicht beschädigt worden, aber benutzbar geblieben. Es gab keine Verluste an den Verlagsbeständen. Während die auf dem Firmengelände gelegene Druckerei Dietsch & Brückner, die mit Böhlau eng verbunden war, für Reparationszwecke demontiert wurde, konnte der Verlag seine Arbeit fortsetzen.

    Gegründet 1624 als Fürstliche Hofbuchdruckerei in Weimar, entwickelte sich die schon bald darauf privatisierte Druckerei mit angeschlossenem Verlagsbetrieb ab 1853 unter der Ägide des aus Halle/​Saale stammenden Buchhändlers Hermann Böhlau (1826–1900) zu einem der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Verlage in Deutschland.

    Seine Schwerpunkte waren Rechtsgeschichte, Literaturwissenschaft und Klassikerausgaben, darunter neben den beiden erwähnten Editionen der Schriften Luthers und Schillers die Sophienausgabe der Werke Goethes, später auch das Jahrbuch der Deutschen Dante-Gesellschaft und das Jahrbuch der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. In der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre übernahm einer der Autoren des Verlags, der Rechtswissenschaftler Professor Karl Rauch (1880–1953) den Verlag, später zusammen mit seinem Sohn Karl Wolfgang Rauch (1913–1963).

    Eine Enteignung, wie sie Privatfirmen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone unter bestimmten Bedingungen drohte, war in diesem Fall unwahrscheinlich, weil die Gesellschafter ausländische Staatsangehörige waren. Die Eigentümer, die nicht ins operative Geschäft eingreifen konnten, mussten sich ganz auf die dreiunddreißigjährige Leiva Petersen als Verlagsleiterin verlassen.

    Petersen nutzte ihre Präsenz vor Ort tatkräftig, um wenigstens Bücher aus den Lagerbeständen zu verkaufen, wenn schon die Produktion nicht leicht wieder in Gang zu bringen war. Ein Gratulant zu Leiva Petersens 70. Geburtstag berichtet, dass sie 1945 Böhlau-Bücher in die Rucksäcke gepackt hätte, um mit ihren Mitarbeitern über die thüringischen Dörfer zu ziehen und einen ambulanten Buchhandel zu betreiben.

    Leiva Petersen (1912–1992) hatte Klassische Philologie, Geschichte und Archäologie studiert und war 1937 an der Universität Frankfurt am Main promoviert worden. Nach ihrem Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen trat sie 1939 zunächst als Lehrling in den Verlag ein und legte ein Jahr später die Buchhändlergehilfenprüfung ab. Schon während des Krieges mit Leitungsaufgaben betraut, wurde sie offiziell am 1.10.1945 Verlagsleiterin und zwei Jahre später Mitgesellschafterin. Sie blieb bis 1983 die bestimmende Persönlichkeit des Verlags.

    Schon am 12. April 1946 hatte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) Leiva Petersen eine persönliche Verlagslizenz erteilt. Böhlau gehörte damit zu den ersten neun Privatverlagen, die in der Sowjetischen Besatzungszone eine Erlaubnis zum Weiterbetrieb erhielten. Die Lizenz wurde im Zuge der Umstellung der zuerst verliehenen Lizenzen am 10. Dezember 1947 erneuert. Nach Bildung des Amts für Literatur- und Verlagswesen der DDR musste die Erlaubnis abermals beantragt werden; von bisher aktiven 185 Verlagen wurden nur 65 neu lizenziert, darunter Böhlau. Es war die Zeit, in der ein vergleichbares Privatunternehmen wie der Felix Meiner Verlag vor den Schwierigkeiten kapitulierte, die DDR verließ und in Hamburg neu anfing.

    Karl Rauch hat vorausschauend bereits 1947 in Graz einen neuen Verlag gegründet, der später nach Wien verlegt wurde. Außerdem errichtete er in der Amerikanischen Besatzungszone einen weiteren Verlag (den Simons-Verlag in Marburg an der Lahn), in dem u.a. Zeitschriften wie das Archiv für Kulturgeschichte, das Deutsche Archiv für Erforschung des Mittelalters oder Euphorion weitergeführt wurden. Der Simons-Verlag wurde 1951 in Böhlau-Verlag umbenannt, nach Münster i. W. und schließlich nach Köln verlegt. Jahrzehntelang gab es also den Böhlau-Verlag mit den gleichen Haupteigentümern an drei Standorten in drei Ländern: Weimar, Köln und Wien.

    Schon vor der Lizenzerteilung durch die SMAD hat der Weimarer Böhlau Verlag nichts unversucht gelassen, um neue Bücher herauszubringen. So erschien bereits im Frühjahr 1946 eine Auswahl älterer russischer Lyrik mit Einzelgenehmigung der örtlichen SMAD. Auch eine 117 Seiten umfassende deutsche Gedichtanthologie (Tag- und Jahreszeiten im deutschen Gedicht) mit allein acht Gedichten Stefan Georges erschien als genehmigter Einzeltitel im selben Jahr. Die vermutlich erste Veröffentlichung des offiziell lizenzierten Verlages war ein kleiner Text von Hans-Georg Gadamer, damals Professor für Philosophie an der Universität Leipzig und 1946 zu ihrem Rektor gewählt, über Bach und Weimar. Die Schrift geht auf seine Rede auf den Bachtagen in Weimar im März 1946 zurück und umfasst einen Druckbogen.

    Der neuen Zeit zollte der Verlag in den Folgejahren auch mit Textausgaben russischer Klassiker und sogar einem Russisch-Sprachlehrbuch mit Wörterverzeichnissen und Abbildungen Tribut. Dass solche Kleinpublikationen, die bei einem niedrigen Preis für raschen Umsatz im näheren Umfeld sorgten, bevorzugt wurden, liegt auch daran, dass es erst ab 25. Juni 1947 offiziell möglich war, Drucksachen zwischen den vier Besatzungszonen auszutauschen.

    Der Verlag hat bis 1989 eine Sonderstellung eingenommen: Er gehörte lange Zeit zu den letzten verbliebenen Privatverlagen in der DDR, und er besaß eine hohe kulturpolitische Bedeutung als Verlag verschiedener deutsch-deutscher Gemeinschaftsprojekte, etwa der kritischen Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers, der Schiller-Nationalausgabe oder des Deutschen Rechtswörterbuchs. Böhlau zählte zu den kleinen bis mittleren Verlagen – mit zuletzt 24 Titeln pro Jahr und 20 Mitarbeitern. Er hatte Partnerverlage in Köln und Wien, mit denen er so eng wie kein anderer DDR-Verlag zusammenarbeitete. So konnte er für seine Verlagserzeugnisse einen hohen Exportanteil erwirtschaften, im Fall der Luther-Ausgabe z.B. 75 Prozent. Dadurch war er auch als Devisenbringer für die DDR-Wirtschaftspolitik interessant.

    Aus einer in Arbeit befindlichen verlagsgeschichtlichen Studie

    Michael Knoche