Candy Welz · Knoche 2016

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Aktuelle Einträge

  • 10. Dezember 2018 — Was ist nicht bestellbar? E-Books

    Studenten beim Lernen

    So heißt es kurz und knapp auf der Website der Staatsbibliothek zu Berlin, auf der die Wege der Dokumentenbeschaffung aus anderen Bibliotheken (Fernleihe) erläutert werden. Die UB Heidelberg informiert präziser und verbreitet ein klein wenig mehr Hoffnung: »Vollständige E-Books können (noch) nicht geliefert werden. Eventuell ist eine Kapitel- oder Aufsatzlieferung möglich. Das hängt vom jeweiligen Lizenzvertrag ab.« Offensichtlich auch vom jeweiligen Bibliotheksverbund. Elektronische Medien, für die Bibliotheken in der Regel nur begrenzte Nutzungsrechte für ihre eigenen Benutzer erwerben, sind die Stiefkinder der überregionalen Literaturversorgung.

    Bibliotheken gehen immer mehr dazu über, ausschließlich digitale Ausgaben zu erwerben, obschon zumindest in den Kultur- und Geisteswissenschaften fast immer auch parallele Printausgaben angeboten werden. Dadurch bekommt das Netz, das Bibliotheken bisher geknüpft haben, um ihren Nutzern nicht nur den eigenen Bestand, sondern das ganze Literaturreservoir der Republik zugänglich zu machen, immer größere Lücken. Ein theologisches Buch der Oxford University Press etwa steht nur der eigenen Fakultät zur Verfügung und kann den Forschern der Nachbaruniversität nicht freigeschaltet werden. Bibliotheksreisen wie im 18. Jahrhundert sind die einzige Alternative.

    Die DFG mit ihrer e-only-Politik für die neuen Fachinformationsdienste trägt das ihre zur Netzschwächung bei, obwohl gerade sie das Prinzip der Subsidiarität der Bibliotheken immer gefördert hat. Zwei DFG-Anträge der Bayerischen Staatsbibliothek mit dem Ziel, Verfahren zu entwickeln, um E-Books in die deutsche Fernleihinfrastruktur zu integrieren, wurden in den letzten Jahren abgelehnt. Mittlerweile versuchen die Bibliotheksverbünde, insbesondere in Bayern und Südwestdeutschland, eigene Lösungen zu entwickeln. Seit etwa drei Jahren werden für bayerische wissenschaftliche Bibliotheken bestimmte E-Book-Pakete freigeschaltet, die eine entsprechende Klausel in den Lizenzverträgen enthalten. Man kann nur hoffen, dass die anderen Bibliotheksverbünde bald nachziehen.

    Jenseits der Fernleihproblematik ist zu fragen, ob die deutschen Bibliotheken genug dafür tun, damit ihre E-Ressourcen einem möglichst breiten Benutzerkreis auch außerhalb der eigenen Hochschule zur Verfügung stehen. Immerhin: Die Zentralbibliothek für Medizin in Köln stellt elektronische Fachliteratur für registrierte Nutzer per Fernzugriff bereit. Sehr elegant die Lösung der Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich: Dort können sich registrierte externe Bibliotheksnutzer aus der ganzen Schweiz, die keine Angehörigen der Hochschule sind und wissenschaftliche E-Books elektronisch ausleihen wollen, ein Angebot von mehr als 67.000 Büchern freischalten lassen. Zurzeit ermöglichen die Verlage de Gruyter, Emerald, Morgan & Claypool, Springer und World Scientific die Ausleihe ihrer E-Books. Das Angebot soll ausgebaut werden.

    Der Fernzugriff auf elektronische Medien wird eine entscheidende Frage für die strategische Position der Bibliotheken sein.

    Michael Knoche

  • 03. Dezember 2018 — Warum wollen Bibliotheken sich nicht mehr Bibliotheken nennen?

    Scheres-Zieritzsche Bibliothek, eine Sondersammlung in der Landesbibliothek Coburg

    Viele Bibliotheken haben in den letzten Jahren den Begriff Bibliothek aufgegeben. Sie nennen sich zum Beispiel Kommunikations-, Informations- und Medienzentrum wie die zentrale Einrichtung der Universität Stuttgart-Hohenheim, der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg oder der Universitätsbibliothek Konstanz. Nun kennt man als Außenstehender nicht die Hintergründe, die im Einzelfall zur Umbenennung geführt haben. Manchmal hat wohl eine Rolle gespielt, dass die Bibliothek zusätzliche Aufgaben wie die Integration eines Medienzentrums übernommen hat. Warum aber der traditionsreiche Begriff Bibliothek als so eng empfunden wird, dass die Angliederung neuer Aufgaben ihn scheinbar obsolet macht, bleibt ein Rätsel. Andere Bibliotheken betreiben auch ein Medienzentrum, ohne dass dies im Namen zum Ausdruck kommt. Was steckt sonst noch hinter der Verleugnung des Begriffs Bibliothek?

    Dass Institutionen in der Krise sind, hat Jürgen Kaube einmal gesagt, merkt man daran, dass sie den Eindruck vermittelten, sie wären gerne etwas anderes. Es gäbe Theater, sagt er, die eigentlich lieber Diskussionsstätten, Museen, die lieber Ereignisveranstalter, oder Universitäten, die lieber nur Forschungsstätten wären.

    Auch Bibliotheken sind anscheinend von Selbstzweifeln geplagt. Bibliothekare fürchten wie der Teufel das Weihwasser, für gestrig gehalten zu werden. Sie sehen sich an der Spitze des technologischen Fortschritts und wollen unbedingt das Image von Bücherausleihern abstreifen, das ihnen mit dem Begriff Bibliothek noch verknüpft zu sein scheint. Was sie stattdessen sein wollen, wird jedoch durch die neue Begrifflichkeit nicht klarer.

    Vielleicht hilft bei der Klärung des Selbstverständnisses das Positionspapier des Deutschen Bibliotheksverbandes »Wissenschaftliche Bibliotheken 2025«, das im Februar 2018 erschienen ist. Dort heißt es auf S. 2: »Perspektivisch entwickeln sich Bibliotheken zu virtuellen Arbeitsumgebungen.« Diese Aussage führt in neue Untiefen. Denn virtuelle Arbeitsumgebungen haben keinen physischen Ort mehr, keine leibhaftigen Benutzer und kein Buch im Magazin. Weiß die verantwortliche Sektion IV des Bibliotheksverbandes, was sie da sagt? Muss man damit rechnen, dass sich die ersten Bibliotheken bald in »Virtuelle Arbeitsumgebung« der Universität XY umbenennen?

    Was ist die Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Bibliotheken? Meine These ist: Sie haben Verantwortung für die Verfügbarkeit von Veröffentlichungen. Das ist ihr Kerngeschäft. Dass Publikationen heute nicht mehr nur als fertige Produkte erscheinen, die Bibliotheken einfach erwerben können, sondern oft Resultat eines komplexen wissenschaftlichen Arbeitsprozesses sind, unterscheidet das Geschäft der Bibliotheken heute von dem vor fünfundzwanzig Jahren. Den Produktionszyklus von A bis Z (Forschungsdaten, Open Access, Publikationsgebühren etc.) zu begleiten, ist für Bibliotheken heute selbstverständlich. Endzweck von Bibliotheken ist, Auskunft zu ermöglichen über den jeweils erreichten Stand des Wissens.

    Der Begriff Bibliothek bürgert sich um 1500 in der deutschen Sprache ein und diente als Bezeichnung der unterschiedlichsten Büchersammlungen der Klöster, Städte, Privatleute, Höfe und Universitäten. Jede konkrete Bibliothek hat dem Begriff einen Bedeutungszuwachs beschert. Heute ist er nicht nur als Bezeichnung für eine Einrichtung zur planvollen Sammlung, Aufbewahrung, Erschließung und Vermittlung von Publikationen an einen Benutzerkreis gebräuchlich, sondern wird in vielen anderen Zusammenhängen gerne verwendet, etwa in der Informatik, wo es eine Grafikbibliothek oder eine JavaScript-Bibliothek gibt, oder in der Biochemie, die mit Gen-Bibliotheken arbeitet.

    Liebe Kollegen, schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus! Erweitert das Verständnis von Bibliothek, aber gebt den Begriff Bibliothek nicht auf!

    Michael Knoche

  • 26. November 2018 — Paradiesische Zustände in Princeton NJ

    Die Firestone Library der Pinceton University

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    Eine Kathedrale? Eine Burg? Eine Bibliothek! Die Hauptbibliothek der Princeton University, die Firestone Library. Die neogotische Anmutung des 1948 errichteten Gebäudes harmoniert perfekt mit der Universitätskirche nebenan. Aber im Innern kann man Überraschungen erleben, besonders jetzt, zum Abschluss der acht Jahre dauernden baulichen Modernisierung (bei laufendem Betrieb).

    Princeton hat das Problem gelöst, das die Vanderbilt University mit ihrem denkmalgeschützten Bibliotheksgebäude noch vor sich hat. Aus den finsteren, labyrinthartigen Gängen einer der größten Freihandbibliotheken der Welt (3,5 Mio. Bände) wurden weite, helle Räume mit natürlichem Licht und eleganten Ausstattungselementen. Jetzt findet man sich in den drei oberirdischen und drei unterirdischen Geschossen gut zurecht. Eine der wichtigsten Änderungen ist die intelligente Beleuchtung der Bibliothek. Wenn ein Benutzer die lange Reihe eines Bücherregals abläuft, schaltet sich die Beleuchtung dieses Abschnitts ein und dimmt wieder ab, wenn er sich entfernt.

    Generell zielten die Arbeiten in erster Linie darauf ab, die Haustechnik zu erneuern, die Lesesäle und Arbeitsmöglichkeiten zu verbessern und der Abteilung Sondersammlungen einen neuen Standort und mehr Raum zu bieten. Der sich über zwei Geschosse erstreckende Lesesaal mit den großen Fenstern zur Kirche im zweiten Stock ist das Schmuckstück geworden. Viele Elemente des ursprünglichen Bibliotheksdesigns wurden wiederverwendet, etwa Kronleuchter, Vorhänge, Wandteppiche und sogar die beliebten Carrels aus Metall. Aber ähnlich wie in der Bibliothek der Vanderbilt University haben diese Käfige auch hier für mich etwas Beklemmendes. Aus dem konvertierten Kartenkatalog, der keine bibliothekarische Funktion mehr hat, ist im Eingangsbereich der Bibliothek ein eindrucksvolles Wandkunstwerk entstanden.

    Die Firestone Library ist bei weitem nicht die größte Universitätsbibliothek der Welt, aber sie verfügt über mehr Bücher pro eingeschriebenem Studenten als jede andere Universität. Princeton hat aber auch das weltweit größte Pro-Kopf-Vermögen einer Universität überhaupt. Derzeit studieren hier 7500 Studenten, davon 5000 im Bacholorstudium. Zum Vergleich: An der Uni Münster studieren 45.000 Studenten. Die Kosten eines Studiums in Princeton betragen zurzeit insgesamt rund $ 64.000 pro Jahr inklusive Studiengebühren, Unterkunft und Verpflegung. Zwei Drittel der Studenten erhalten Finanzbeihilfen von der Universität oder anderen Geldgebern.

    Ungewöhnlich aus deutscher Sicht: Fast alle Institute der Universität verfügen über eigene Seminarräume in der Bibliothek. Es gibt hier auch ein Zentrum für Digital Humanities. Dort werden Lehrveranstaltungen abgehalten, Beratung angeboten und die ehrgeizigen eigenen Digitalisierungsbestrebungen der Bibliothek koordiniert.

    Die Sammlungen umfassen mehr als 7 Millionen gedruckte Werke, 7 Millionen Mikroformen und zahlreiche Handschriften und Nachlässe. Darüber hinaus abonniert die Bibliothek Tausende von elektronischen Ressourcen, darunter E-Books, elektronische Zeitschriften, digitale Karten, Tonaufnahmen und Bilder. Sogar die Tatort-Serie aus Weimar mit den Fällen der Ermittler Dorn und Lessing ist verfügbar.

    http:/​/​library.princeton.edu/​firestone

    Michael Knoche

  • 19. November 2018 — Shakespeare und doch ein Ende. Dieter Mehl zum Gedenken

    Dieter Mehl in Weimar 2014

    Dieter Mehl, geboren am 21. September 1933, ist am 3. September 2018 verstorben.

    Mit Dankbarkeit denke ich an viele anregende Begegnungen zurück. Das Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen hat uns zusammengebracht. Ich sehe noch, wie er im Frühjahr 1991 die Holztreppe des Verlagshauses von Erich Schmidt in der Berliner Genthiner Str. 30 G hochstieg. Ein gutes halbes Jahr zuvor war Ellinor Kahleyss (1927–1990) gestorben, die Verantwortliche des Verlags für die Publikationen im Bereich Philologie. Ihr durfte ich für einen kurzen Zeitabschnitt nachfolgen. Ich war schnell von Dieter Mehl, der Weite seines Blicks, seinem Qualitätsbewusstsein und seiner Entschlussfreude beeindruckt und fand Gefallen an seinen ironischen, oft selbstironischen Kommentaren, die von einem ganz speziellen Mienenspiel begleitet waren.

    Der Zufall wollte es, dass ich ihn kaum ein Jahr später in Weimar wiedertraf. Diesmal stieg er die herrschaftliche Steintreppe der Herzogin Anna Amalia Bibliothek hoch. Einen modernen Personenaufzug konnte ich meinem Besucher auch an der neuen Arbeitsstelle nicht bieten. Mehl war Mitglied des Vorstands der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die in diesem Haus die Shakespeare-Bibliothek unterhielt, und designierter erster Präsident der wiedervereinigten Gesellschaft. Auch in dieser Sache gab es viel zu besprechen. Hier waren es sein Organisationstalent, seine internationalen Verbindungen und sein diplomatisches Geschick, die ich als weitere Vorzüge an ihm schätzen lernte.

    Bevor ich Dieter Mehl kennenlernte, kannte ich seinen Vater – aus der Literatur. Denn Ernst Mehls »Deutsche Bibliotheksgeschichte« in Wolfgang Stammlers Deutsche Philologie im Aufriss war Pflichtlektüre für jeden jungen Bibliothekar. Der Sohn hat einmal bekannt: »Ich wurde wenige Gehminuten von der Bayerischen Staatsbibliothek entfernt als Sohn eines dieser Institution mit Leib und Seele verschriebenen Bibliothekars geboren. Zu meinen eindrucksvollsten Kindheitserinnerungen gehört eine Bombennacht 1944, in der die Bayerische Staatsbibliothek weithin sichtbar brannte und mein Vater noch im Morgengrauen die zwölf Kilometer von unserem Vorort in die Ludwigsstraße radelte, um dort unverzüglich die Rettung des Möglichen leiten und selbst bei der Bergung wertvoller Bestände Hand anzulegen.« Kein Wunder, dass ihn der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 2. September 2004 besonders aufgewühlt hat.

    Dieter Mehl ist in München geboren, zur Schule gegangen (Abitur 1952) und hat an der dortigen Universität das Studium der Anglistik, Germanistik und Geschichte aufgenommen. Vor dem Studienbeginn aber lag noch ein »Werksemester«, damals Bestandteil der Förderung durch das evangelische Studienwerk Villigst. Ein halbes Jahr lang arbeitete Mehl als Rohrleger auf und unter den Straßen Dortmunds und bekam Einblick in die harte Arbeitswelt der Nachkriegszeit.

    Nach Semestern an den Universitäten Durham und in Göttingen wurde er in München bei seinem hochgeschätzten Lehrer Wolfgang Clemen über das Thema Die Pantomime im Drama der Shakespearezeit promoviert und habilitierte sich bald. Von 1968 bis zu seiner Emeritierung 1998 war er Ordinarius am damaligen Englischen Seminar der Universität Bonn, wo er englische Literatur vom Mittelalter bis zur Neuzeit lehrte und viele Schüler hatte, die ihn verehrten und denen er selber unverbrüchlich die Treue hielt.

    Er verfasste neben Werkausgaben und Übersetzungen (Geoffrey Chaucer, Jonathan Swift, Charles Dickens) eine Fülle wissenschaftlicher Studien zu Shakespeare, zur englischen Literatur des Mittelalters, zu Lyrik und Drama der Renaissance und zur Literatur der Moderne (D. H. Lawrence). Mehl gehörte zu den nicht so zahlreichen deutschen Anglisten, die international rezipiert wurden. Schon im Shakespeare-Jahrbuch 1961 konnte Mehl einen ersten wissenschaftlichen Aufsatz über das elisabethanische Drama veröffentlichen.

    Seine mehr als 300 weiteren wissenschaftlichen Beiträge zusammengenommen erreichten aber nicht die Auflagenhöhe des Vorlesebuchs (Langewiesche-Brandt, 1954), das der junge Student mit zahlreichen in der Familie erprobten literarischen Texten, aber auch Neuentdeckungen herausbrachte. Zusammen mit einem Fortsetzungsband wurde es fast 100.000 mal verkauft.

    Mehl war bereits 1962, ein Jahr vor der Spaltung, der Shakespeare-Gesellschaft beigetreten und wurde später zusätzlich Mitglied der Bochumer West-Gesellschaft. Daher war er wie kein zweiter für die Präsidentschaft der wiedervereinigten Gesellschaft prädestiniert. Er amtierte neun entscheidende Jahre von 1993 bis 2002.

    Unter seiner Leitung vollzog sich das Zusammenwachsen der beiden Vereine nicht überstürzt, sondern Schritt für Schritt ohne Verwerfungen. Dabei hatte er als Präsident durchaus auch ein Gespür dafür, welche Konflikte ausdiskutiert und welche lange zurückliegenden Verwundungen nicht gerade in aller Öffentlichkeit tiefenpsychologisch bearbeitet werden sollten. Wenn es ihm zu bunt wurde, war er auch zu bissigen Bemerkungen (»Schmarr’n!«) oder scheinbar bewundernden Kommentaren fähig, die man nur ironisch verstehen konnte. Es wäre ihm zuzutrauen, dass er manchmal seinen Mantel absichtlich falsch zugeknöpft hat, um sich den Anschein eines liebenswürdigen zerstreuten Professors zu geben. Der Habitus war die perfekte Tarnung für seine geistige Souveränität, die er für das Gedeihen dieser ältesten noch aktiven literarischen Vereinigung eingesetzt hat.

    In Shakespeare’s Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark (I.2, 184–188), heißt es:

    Hamlet: My father — me thinks I see my father.
    Horatio: Where, my lord?
    Hamlet: In my mind’s eye, Horatio.
    Horatio: I saw him once; ›a was a goodly king.
    Hamlet: ›A was a man, take him for all in all, I shall not look upon his like again.

    (Gekürzte Fassung des Textes, der im Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 255, 2 (2018) S. 241–245 erschienen ist.)

    Michael Knoche

  • 12. November 2018 — Der schwarze Kristall in Freiburg/​Br.

    UB Freiburg/Br. (2015, Degelo Architekten)

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    In dem Kapitel »Bibliotheken als reale Orte« meines Buches Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft habe ich eine kleine Liste aufgestellt und neun Beispiele von aus meiner Sicht hervorragenden Bibliotheksgebäuden neueren Datums genannt. Diese Gebäude hatte ich mir alle angeschaut. Ich habe aber längst nicht alle interessanten Bauten neuer wissenschaftlicher Bibliotheken (nur um diesen Bibliothekstyp geht es hier) mit eigenen Augen gesehen. Ein schlechtes Gewissen hatte ich z.B. besonders gegenüber der Diözesanbibliothek Münster (Max Dudler, 2005) und der Universitätsbibliothek Freiburg/​Br., die ich nur von Abbildungen her kannte und deshalb nicht aufnehmen wollte. Jetzt aber habe ich endlich die UB Freiburg besichtigen und die Liste in der 3. Auflage der Idee gleich um dieses bemerkenswerte Gebäude ergänzen können.

    Das alte Gebäude der Bibliothek war ein funktionaler Betonbau der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als Teil des innerstädtischen Campus. Nach 30 Jahren intensiver Nutzung musste schon deswegen etwas geschehen, weil Asbestbefall festgestellt wurde und die Energiekosten für den schlecht isolierten Bau immens waren. Zunächst glaubte man, bei einer Sanierung das Betonskeletts, die Untergeschosse und die Treppentürme des alten Gebäudes wiederverwenden zu können. Aber während der Bauarbeiten zeigte sich die schlechte Qualität des Betons, so dass doch weitgehend ein Neubau realisiert werden musste. Die Entwurfsidee des renommierten Architekturbüros Degelo aus Basel bestand darin, dem Baukörper eine ungewöhnliche »skulpturale Kristallform« mit vierzehn dunkel verglasten Fassaden zu geben. Die Eröffnung war 2015.

    Die Form des so entstandenen schwarzen Kristalls am Rande der Altstadt Freiburgs ist in der Tat spektakulär, hat aber auch einen imperialen Gestus. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich in den riesigen Fensterfronten die Gebäude der Nachbarschaft spiegeln, etwa das Theater oder das zentrale Kollegiengebäude der Universität. Aber die Dimensionen des abstrakten Baukörpers sind so gewaltig, dass die Umgebung klein und bieder erscheint. An dem äußeren Bild des Gebäudes, das nachts, wenn es beleuchtet ist, viel freundlicher und transparenter wirkt als tagsüber, hat sich denn auch eine leidenschaftliche Diskussion unter den Bewohnern der Stadt Freiburg entzündet.

    Das Gebäude präsentiert sich im Innern ganz anders als außen. Man betritt es durch eine sehr große Drehtür und findet in dem hellen offenen Foyer links eine überdimensional große geschwungene Info-Theke aus edlem Holz, die den Eingang in die Lesebereiche markiert. Geradeaus liegt die lange Reihe der Schließfächer. Wendet man sich nach rechts, lockt das Cafè Libresso mit fast 200 Plätzen, ein Ort des ständigen Kommens und Gehens und fröhlichen »Hallos«. Von dort führt eine Treppe in das »Parlatorium« in den Stockwerken zwei bis fünf. Im ersten Obergeschoss befindet sich auch ein Veranstaltungsraum mit 200 Plätzen, im zweiten Schulungsräume, im dritten das Medienzentrum mit Studios für ein Campus-Radio und -Fernsehen, und vom fünften Obergeschoss sind die Büros der Bibliotheksverwaltung erreichbar.

    Das Parlatorium ist eine Freiburger Erfindung. Bibliotheken haben immer das Problem, dass es in ihren Räumen, vor allem in den Lesebereichen, zu laut ist, weil die Besucher miteinander reden wollen. Freiburg hat schon in seinem alten Gebäude daraus die Schlussfolgerung gezogen, jenseits der Lesebereiche einen eigenen Bereich für Kommunikation zu schaffen. Im neuen Haus ist das Parlatorium noch größer (500 Plätze) und viel attraktiver geworden, weil es überall unterschiedlich konzipierte Sitzmöglichkeiten für Arbeitsgruppen bietet: bequeme Sessel, edel gearbeitete lange Lederbänke mit Beistelltischen, konventionelle Tische mit Stühlen, Stehtische oder Kojen mit IT-Technik für kleine Arbeitsgruppen. Die Formensprache der Einrichtung ist klar und elegant. Diesem kommunikativen Sektor wurde ungewöhnlich viel Raum gegeben – offensichtlich zu Recht, denn bei meinem Besuch waren fast alle Plätze belegt und viele Studenten hatten es sich auf dem Teppich bequem gemacht.

    Aus dem Raumbedarfsplan für das Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek wurden Ende der 90er Jahre alle Flächen für »Kommunikation« als entbehrlich herausgestrichen, mit dem Effekt, dass man sich heute außer im Cafè, wenn es denn geöffnet hat, nirgendwo normal unterhalten kann, ohne dass andere Leser nervös aufblicken. Vielleicht fehlte uns damals, um das Finanzministerium zu überzeugen, nur ein schöner lateinischer Terminus wie Parlatorium für das natürliche Bedürfnis, in der Bibliothek andere Leute zu treffen und mit ihnen gemeinsam etwas zu erarbeiten.

    Die Freiburger Lesebereiche unterscheiden sich wenig von gut strukturierten Lesebereichen anderer Bibliotheken. Sie bieten neben 250.000 Bänden in Freihandaufstellung 1200 Arbeitsplätze, meist in Tischreihen mit Abschirmungen zum Gegenüber angeordnet. Zusätzlich stehen Sessel ohne Tisch zum individuellen Lesen mit Fensterblick zur Verfügung. Es gibt einen Sonderlesesaal für die Benutzung der wertvollen historischen Bestände des Hauses, darunter 4.000 Handschriften und Autographen und knapp 3.500 Inkunabeln. Insgesamt stehen in der UB Freiburg 4,6 Millionen Medieneinheiten, davon 3,5 Millionen Bücher, für die Leser bereit.

    Das Gebäude der UB Freiburg besticht durch seine überzeugende Konzeption im Innern. Räume der Kommunikation sind von Orten der Konzentration klar abgegrenzt. Das Haus scheint gut angenommen zu werden. In Spitzenzeiten verzeichnet die Bibliothek 12.000 Besuche täglich. Eine Online-Übersicht zeigt, wo man noch einen freien Arbeitsplatz finden kann.

    https:/​/​www.ub.uni-freiburg.de/​

    Michael Knoche