Abschied 2016 (Foto: Welz, Klassik Stiftung Weimar)

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  • 04. Juni 2018 — Also, nur ein Bild! In der Villa Massimo

    Villa Massimo, Rom

    Es ist eigentlich eine naheliegende Idee: Wenn man fast kein Geld hat und trotzdem eine Ausstellung machen will, darf sie auf keinen Fall zu groß und kompliziert gedacht werden. Vielleicht genügt ein einziges Werk eines Künstlers? Es müsste natürlich ein sehr, sehr gutes Werk eines bekannten Künstlers sein. Halt, noch besser wären vielleicht zwei Werke, wenn man schon in Rom ist und ein deutsches Künstlerhaus betreibt: eines von deutscher und eines von italienischer Seite. Das erzeugt ein Reibungsverhältnis, man interessiert das Publikum beider Länder, und am Ende geht es um mehr als nur ein Bild.

    Joachim Blüher, Direktor der Villa Massimo, schildert, wie er mit dem Kunstkritiker Pratesi zusammen diese Idee ausgebrütet hat: »Am Ende sagte Ludovico Pratesi: ‚Dunque, soltanto un quadro!› (Also, nur ein Bild) und ich bestätigte: ‚Al massimo!› (Höchstens!). Das war dann auch gleich der Titel Soltanto un quadro al massimo

    Die Ausstellungsreihe ist in Rom legendär geworden und erlebte 21 Auflagen in immer neuen Konstellationen: Von Enzo Cucchi/​Georg Baselitz über Mimmo Jodice/​Andreas Gursky bis zu Giuseppe Penone/​Isa Genzken. (Vgl. Joachim Blüher, Ludovico Pratesi: Soltanto un Quadro al Massimo, 2003–2013, Rom 2015)

    Das Ausstellungsformat veranschaulicht gut, wie die Villa Massimo heute ihre Arbeit versteht: Den Künstlerstipendiaten und Gästen Freiraum und Podium für ihre Arbeit zu schaffen und gleichzeitig die italienische Öffentlichkeit neugierig zu machen auf das, was in Deutschland passiert. Bei einer Vernissage kann daher zusätzlich zur Kunst auch mal deutsche Bratwurst, deutscher Doppelkorn oder äußerst gesundes Roggenbrot aus Sauerteig serviert werden. Seinen eigenen Landsleuten gegenüber preist Joachim Blüher aber auch mit beredten Worten, warum das löchrige Weißbrot aus Italien nicht zu verachten ist: In den Teigblasen kann man sehr gut eine kleine Tomate oder ein Stückchen Mozzarella platzieren. Man muss Brote ja nicht immer glatt mit Leberwurst bestreichen wollen.

    Neben den Ausstellungen richtet die Akademie auch Konzerte, Lesungen und Symposien aus – im selben Sportsgeist des Aufskornnehmens tief eingewurzelter Seh-, Hör- und Denkgewohnheiten. Im Juni steht das beliebte Sommerfest bevor, das Blüher diesmal deutlich verkleinern will. Die Herausforderung lautet: Von 6000 Gästen in den Vorjahren runter auf 1800, damit die Atmosphäre wieder stimmt. Aber vielleicht erleichtert die seit einigen Tagen amtierende neue Regierung den Prozess der Schrumpfung, indem sie das deutschlandkritische Klima im Land weiter befeuert und die Lust auf Begegnungen erschlaffen lässt.

    Im Zentrum der Arbeit stehen seit nunmehr einhundert Jahren Stipendiaten aus den Bereichen Bildende Kunst, Literatur, Komposition und Architektur. Jeweils zehn Personen für zehn Monate können kommen, zusätzlich versehen mit einer monatlichen Remuneration von 2500 €, damit die materiellen Sorgen draußen vor dem Portal bleiben können. Damit gehört das Villa Massimo-Stipendium zu den höchstdotierten, angesehensten und begehrtesten Kunstpreisen.

    Die Deutsche Akademie Rom Villa Massimo, wie sie heute offiziell heißt, ist nicht von der deutschen Kulturpolitik erfunden worden, sondern geht auf ein mäzenatisches Geschenk zurück. Eduard Arnhold (1849–1925), ein jüdischer Kaufmann aus Dessau, vermachte das Anwesen sowie ein beträchtliches Stiftungskapital im Jahr 1913 dem preußischen Staat. Der gesamte Akademiebetrieb einschließlich des im italienischen Villenstil erbauten Haupthauses und der Atelierhäuser wurde von Arnhold bereits angelegt. Zum Gelände gehört auch ein vier Hektar großer Park mit Steineichen, Zypressen, Rosmarinsträuchern, antiken Vasen und knirschenden Kieswegen.

    Rosso, der rothaarige Hauskater, der über die Dächer der Atelierwohnungen streift, ist das einzige Lebewesen, dessen Aufenthalt an diesem locus amoenus nicht befristet ist. Er ist wohl auch der einzige, dem das alles selbstverständlich vorkommt und der hier nach einem Wort von Sibylle Lewitscharoff noch nie unter Selbstzweifeln gelitten hat.

    http:/​/​www.villamassimo.de/​de (Wer am Tor klingelt, wird übrigens gerne eingelassen und kann sich im Park umsehen.)

    Michael Knoche z. Z. Rom