Candy Welz · Knoche 2016

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  • 08. Oktober 2018 — Sollen Bibliotheken auch in Zukunft Sammlungen anlegen?

    Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

    Die Finanzverantwortlichen in Hochschulen und Ministerien, die die Ausgaben der Bibliotheken kontrollieren, beklagen die angeblich spekulative Erwerbungspraxis der Bibliotheken. Sie werfen den Bibliotheken vor, Bücher und Medien für einen ungewissen Bedarf in der Zukunft zu kaufen, ohne dafür bürgen zu können, dass sie überhaupt gebraucht werden. Können Bibliotheken nicht einfach nur die wissenschaftliche Literatur besorgen, fragen sie, die in Lehre und Forschung gerade gebraucht wird? Dieses just in time-Prinzip habe sich in der Industrie längst bewährt. Die meisten wissenschaftlich relevanten Publikationen lägen doch in elektronischem Format vor.

    Für die Geisteswissenschaften trifft diese Annahme nicht zu. In Deutschland sind 2017 insgesamt 72.000 gedruckte Bücher in Erstauflage erschienen. Wieviele davon parallel in elektronischem Format herausgekommen sind, lässt sich nicht genau sagen. Der Umsatzanteil von E-Books auf dem deutschen Buchmarkt (eine andere Größenordnung) liegt im 1. Halbjahr 2018 jedenfalls bei 6,1 %. Von den Zeitschriften, die die Bayerische Staatsbibliothek abonniert, liegt nur ein gutes Drittel auch in einer elektronischen Ausgabe vor. Ausschließlich gedruckt erscheinen etwa die für die Musikwissenschaft so wichtige Zeitschriften wie »Die Musikforschung«, »Acta musicologica« oder »Musiktheorie«.

    Es wird leicht vergessen: Der größte Teil der urheberrechtlich geschützten Publikationen des 20. Jahrhunderts liegt nur gedruckt vor und ist nur zu einem kleinen Prozentsatz nach deutschem Recht illegal und unvollständig von Google Books ins Netz gestellt worden. Erst ab 2000 gibt es im nennenswerten Umfang legale (d.h. von den Verlagen lizenzierte) E-Book-Ausgaben parallel zur gedruckten Version. Auf die in Mehrzahl der nur in Druckform vorliegenden Literatur können die Kultur- und Geisteswissenschaften aber gar nicht verzichten.

    Für die Kultur- und Geisteswissenschaften ist es daher nötig (für die anderen Fächer ist es nur zu wünschen), dass Bibliotheken, die Relevanz für die Forschung haben, weiterhin Sammlungen aufbauen. Diese Sammlungen stellen eine Mischung aus gedruckten Büchern, anderen Medien und digitalen Ressourcen dar. Die physische Präsentation von gedruckten Büchern sollte idealerweise nach Fachgebieten geordnet erfolgen. Außerdem müssen Bücher wie alle anderen Medien in einem Katalogsystem angezeigt sein, das die Bestandteile der Sammlung nicht nur inventarisiert, sondern nach den Prinzipien von Standardisierung, Normierung, und Linked Open Data angelegt ist. Selbst wenn alle gedruckten Bücher maschinenlesbar durchsuchbar wären, würde die reine Stichwort-Suche zu inkonsistenten Ergebnissen führen. Nur durch die Kombination von systematischer Aufstellung und guter Erschließung ergibt sich die Chance, den Informationswert der Bücher adäquat auszuschöpfen.

    Wenn Bibliotheken an ihrem Sammelauftrag festhalten und weiterhin analoge und digitale Bestände aufbauen wollen, stehen sie vor großen logistischen Herausforderungen und unter besonderem finanziellen Druck. Sie können ihre Aufgabe für die Forschung nur erfüllen, wenn sie sehr viel arbeitsteiliger vorgehen als das früher der Fall war.

    Bibliotheken müssen sich abstimmen, welche Schwerpunkte sie in ihrer Sammlung setzen wollen: in Stadt, Region, Verbund, ggf. auch national und international. Im Grunde können alle Bibliotheksleistungen, nicht nur der Bestandsaufbau, sondern auch Nachweis, physischer Aufbewahrung, Speicherung digitaler Daten und Informationsvermittlung nur noch in abgestimmter Kooperation organisiert werden. Die Nutzer der Bibliotheken sind nicht mehr nur auf den lokal verfügbaren Bestand angewiesen, sondern brauchen einen umfassenden Zugriff auf Publikationen in allen Medienformen.

    Ein Beispiel soll das veranschaulichen: Um ein Sammelgebiet – sagen wir: die Geschichte Ungarns – abzudecken, müssen neben der gedruckten Literatur auch die von Verlagen bereitgestellten E-Books, Datenbanken und sonstigen elektronischen Ressourcen käuflich erworben werden. Sofern sie nur lizenziert werden können, steht zur Diskussion, wie die Bibliotheken den dauerhaften Zugriff organisieren wollen (das Hosting über Portico oder Clockss sind Möglichkeiten, die aber nicht ausreichen). Außerdem müssten die per Open Access zugänglichen Dokumente über die Geschichte Ungarns gespeichert und angeboten werden. Alle Medien brauchen darüber hinaus qualifizierte Metadaten, die in den Katalogen und Suchmaschinen sichtbar sein müssen.

    Das Beispiel soll zeigen, dass selbst bei einem scheinbar kleinen Sammelgebiet die Aufgabe riesengroß ist. Sie muss daher in Teilaufgaben zerlegt und von verschiedenen Partnern gemeinschaftlich erledigt werden. Die Fokussierung auf die eigene Sammlung reicht nicht mehr aus. Die eigene Sammlung muss als Teil eines Netzwerks begriffen werden. Bibliotheken funktionieren nur noch im System. Die Zukunft des Sammelns liegt im kollektiven Sammeln.

    Zum Thema: Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken. Herausgegeben von Michael Knoche, Wiesbaden: Harrassowitz 2017. Inhalt und Abstracts

    Michael Knoche