Candy Welz · Knoche 2016

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  • 03. Dezember 2018 — Warum wollen Bibliotheken sich nicht mehr Bibliotheken nennen?

    Scheres-Zieritzsche Bibliothek, eine Sondersammlung in der Landesbibliothek Coburg

    Viele Bibliotheken haben in den letzten Jahren den Begriff Bibliothek aufgegeben. Sie nennen sich zum Beispiel Kommunikations-, Informations- und Medienzentrum wie die zentrale Einrichtung der Universität Stuttgart-Hohenheim, der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg oder der Universitätsbibliothek Konstanz. Nun kennt man als Außenstehender nicht die Hintergründe, die im Einzelfall zur Umbenennung geführt haben. Manchmal hat wohl eine Rolle gespielt, dass die Bibliothek zusätzliche Aufgaben wie die Integration eines Medienzentrums übernommen hat. Warum aber der traditionsreiche Begriff Bibliothek als so eng empfunden wird, dass die Angliederung neuer Aufgaben ihn scheinbar obsolet macht, bleibt ein Rätsel. Andere Bibliotheken betreiben auch ein Medienzentrum, ohne dass dies im Namen zum Ausdruck kommt. Was steckt sonst noch hinter der Verleugnung des Begriffs Bibliothek?

    Dass Institutionen in der Krise sind, hat Jürgen Kaube einmal gesagt, merkt man daran, dass sie den Eindruck vermittelten, sie wären gerne etwas anderes. Es gäbe Theater, sagt er, die eigentlich lieber Diskussionsstätten, Museen, die lieber Ereignisveranstalter, oder Universitäten, die lieber nur Forschungsstätten wären.

    Auch Bibliotheken sind anscheinend von Selbstzweifeln geplagt. Bibliothekare fürchten wie der Teufel das Weihwasser, für gestrig gehalten zu werden. Sie sehen sich an der Spitze des technologischen Fortschritts und wollen unbedingt das Image von Bücherausleihern abstreifen, das ihnen mit dem Begriff Bibliothek noch verknüpft zu sein scheint. Was sie stattdessen sein wollen, wird jedoch durch die neue Begrifflichkeit nicht klarer.

    Vielleicht hilft bei der Klärung des Selbstverständnisses das Positionspapier des Deutschen Bibliotheksverbandes »Wissenschaftliche Bibliotheken 2025«, das im Februar 2018 erschienen ist. Dort heißt es auf S. 2: »Perspektivisch entwickeln sich Bibliotheken zu virtuellen Arbeitsumgebungen.« Diese Aussage führt in neue Untiefen. Denn virtuelle Arbeitsumgebungen haben keinen physischen Ort mehr, keine leibhaftigen Benutzer und kein Buch im Magazin. Weiß die verantwortliche Sektion IV des Bibliotheksverbandes, was sie da sagt? Muss man damit rechnen, dass sich die ersten Bibliotheken bald in »Virtuelle Arbeitsumgebung« der Universität XY umbenennen?

    Was ist die Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Bibliotheken? Meine These ist: Sie haben Verantwortung für die Verfügbarkeit von Veröffentlichungen. Das ist ihr Kerngeschäft. Dass Publikationen heute nicht mehr nur als fertige Produkte erscheinen, die Bibliotheken einfach erwerben können, sondern oft Resultat eines komplexen wissenschaftlichen Arbeitsprozesses sind, unterscheidet das Geschäft der Bibliotheken heute von dem vor fünfundzwanzig Jahren. Den Produktionszyklus von A bis Z (Forschungsdaten, Open Access, Publikationsgebühren etc.) zu begleiten, ist für Bibliotheken heute selbstverständlich. Endzweck von Bibliotheken ist, Auskunft zu ermöglichen über den jeweils erreichten Stand des Wissens.

    Der Begriff Bibliothek bürgert sich um 1500 in der deutschen Sprache ein und diente als Bezeichnung der unterschiedlichsten Büchersammlungen der Klöster, Städte, Privatleute, Höfe und Universitäten. Jede konkrete Bibliothek hat dem Begriff einen Bedeutungszuwachs beschert. Heute ist er nicht nur als Bezeichnung für eine Einrichtung zur planvollen Sammlung, Aufbewahrung, Erschließung und Vermittlung von Publikationen an einen Benutzerkreis gebräuchlich, sondern wird in vielen anderen Zusammenhängen gerne verwendet, etwa in der Informatik, wo es eine Grafikbibliothek oder eine JavaScript-Bibliothek gibt, oder in der Biochemie, die mit Gen-Bibliotheken arbeitet.

    Liebe Kollegen, schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus! Erweitert das Verständnis von Bibliothek, aber gebt den Begriff Bibliothek nicht auf!

    Michael Knoche