Candy Welz · Knoche 2016

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  • 05. November 2018 — Libraries are not about books, they are about people – Ex Libris, der Film

    Ex libris

    Wer geht schon gerne ins Kino, wenn der Film fast dreieinhalb Stunden dauert? Ich! Aber nur wenn er über Bibliotheken handelt. Jetzt ist, was es auf dem kommerziellen Weltfilmmarkt noch nie gegeben hat, tatsächlich ein solcher Bibliotheksfilm in die Kinos gekommen. Und er ist viel zu kurz, er hätte noch viel länger sein dürfen. Denn er fasziniert nicht nur durch sein Thema (nicht auszuschließen, dass nicht jeder meine Vorliebe teilt), sondern er fasziniert auch als Film: Ex Libris – Die Public Library von New York. 197 Minuten, deutsche Untertitel.

    Der Regisseur Frederick Wiseman, 88 Jahre alt, ist Cineasten ein Begriff als Großmeister des beobachtenden Dokumentarfilms. Für sein einflussreiches Schaffen, darunter seine Filme über das Ballett der Pariser Oper oder die Londoner National Gallery wurde er 2014 in Venedig mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der neue Film zeigt Szenen aus dem Alltag der New York Public Library, die mit ihren 92 Zweigstellen eine der größten der Welt ist, offen für Forscher, Normalmenschen und Obdachlose.

    Die erste Einstellung zeigt eine Außenansicht des jedem New York-Besucher vertrauten Hauptgebäudes der an der Fifth Avenue mit den beiden grimmigen Löwen. Man hört ein Autohupen, dann wird gleich in eine Podiumsdiskussion mit Richard Dawkins über Atheismus im Foyer der Bibliothek hineingeblendet. Schon hier fällt die ruhige Kameraführung auf, die nicht nur den Rednern Zeit und Raum lässt, um einen Gedanken zu entwickeln, sondern ganz unhektisch auch markante Gesichter des Publikums einfängt und lange bei ihnen verweilt. So viele nichtalltägliche Physiognomien jeden Alters, jeder Rasse und sozialen Schicht sieht man nur in einer einzigen Stadt der Welt, New York. Der Film ist auch ein Portrait der Stadt.

    Am Ende des Films hat man die Bekanntschaft mit Hunderten von Personen gemacht: Besuchern, Lesern, Jobsuchenden, Kursteilnehmern, Gehörlosen, Bibliothekaren, Kindern, Geldgebern, IT-Leuten, Blinden, Forschern sowie Patti Smith und Elvis Costello auf Veranstaltungen in der Bibliothek. Von den Prominenten erfährt man nicht einmal die Namen. Niemand gibt ein förmliches Interview, kein Sprecher aus dem Off kommentiert etwas, keine Filmmusik untermalt etwas. Man sieht nur, was Menschen in der Bibliothek tun.

    Den zahlreichen Benutzern der Bibliothek, die ins Bild kommen, stellt der Regisseur die Bibliothekare gegenüber, die in internen Besprechungen über die richtige Gewichtung von gedruckten Büchern und E-Books diskutieren oder mit ihrem Chef über das noch nicht gesicherte Budget des nächsten Jahres beraten.

    In einer der ersten Szenen führt uns die Kamera in das Callcenter der Bibliothek. Hier wird am Telefon die Leihfrist von Büchern verlängert, Auskunft über knifflige Sachfragen (das Einhorn im Mittelalter) gegeben oder Benutzungsmodalitäten erläutert. Eine Bibliothekarin sagt: »Oh, the Gutenberg Bible is temporarily unavailable for viewing.«

    Die Szenen werden strukturiert durch Außenaufnahmen des Hauptgebäudes, der Zweigstellen in der Bronx, Brooklyn usw. oder vom Schomburg Center for Research in Black Culture. Immer sind auch die Straßen, Häuser, Geschäfte der Nachbarschaft im Bild. Für einen Bibliotheksfilm wird sehr viel gehupt, manchmal rast ein Feuerwehrauto mit heulender Sirene vorbei, man ist halt mitten drin.

    Wie in einem Mosaik setzt sich allmählich im Kopf des Betrachters ein Gesamtbild von der Bibliothek als einem demokratischen Ort der Wissensvermittlung zusammen, der nicht nur die Bedürfnisse der spezialisierten Forscher, der lesenden Hausfrauen oder der Schüler, die ihre Schularbeiten machen müssen, zu erfüllen sucht, sondern auch den Ausgegrenzten der Gesellschaft einen Platz anbietet. »Respect« ist ein Begriff, der immer wieder fällt. »Libraries are not about books, they are about people,« sagt eine Architektin mitten im Film.

    Manchmal kann einen das Kino richtig froh machen. Auf dem Nachhauseweg finde ich alles gut: Den Film, den Regisseur, die New York Public Library, die Bibliotheken schlechthin. Ist doch schön, dass es diesen Ort Bibliothek gibt.

    Trailer des Films
    Website der New York Public Library
    Signaltöne der New Yorker Feuerwehr auf Youtube

    Michael Knoche

  • 29. Oktober 2018 — Die Bibliothek der Vanderbilt University in Nashville TN auf dem Weg nach oben

    Central Library Vanderbilt University aus dem Jahr 1941

    4 Bilder ›

    Die Vanderbilt University in Nashville TN gehört zu den angesehensten und reichsten Privatuniversitäten des Landes. An ihr werden mehr als 12.000 Studenten ausgebildet. Sie ist stolz auf sechs Nobelpreisträger in ihren Reihen, darunter Al Gore und Max Delbrück. Im Ranking der US-Hochschulen steht sie an 14. Stelle. Aber das Bibliothekssystem der Universität (Jean und Alexander Heard Libraries) liegt im Ansehen zurück und nimmt nur Platz 49 unter ihresgleichen ein. Eine Diskrepanz, die als Herausforderung empfunden wird, so fragwürdig die Bewertungskriterien der Ranglisten auch sein mögen.

    Die Zentralbibliothek liegt mitten auf dem mit alten und seltenen Bäumen bepflanzten idyllischen Campus und ist umgeben von zahlreichen Institutsgebäuden im neogotischen Stil des 19. Jahrhunderts. Das ansehnliche Gebäude stammt aus dem Jahr 1941 und wurde inzwischen erweitert und renoviert. Trotzdem wirkt es im Innern labyrinthisch, sobald man sich aus den weiträumigen Lesesälen in die Buchbereiche, genauer gesagt, in die offenen Magazine, begibt.

    Wie in der alten Bibliothèque nationale in Paris bewegt man sich in einem mehrgeschossigen Stahlskelettbau mit niedriger Deckenhöhe und ohne natürliche Belichtung. Da die Bücherregale konstruktive Bedeutung für den Bau haben, kann nichts Wesentliches verändert werden. Zwar findet der Leser alles, was er sucht. Die Bücher sind feinsystematisch nach der Library of Congress Classification aufgestellt. Aber die Atmosphäre ist die eines Lagerhauses, aus dem man schnell wieder ins Freie kommen möchte. Im Magazin gibt es auch Arbeitsplätze für sehr asketische Leser, sogenannte Carrels, die mit ihren Gittertüren an Gefängniszellen erinnern. Einige sind aus nostalgischen Gründen so belassen, wie sie sind, die meisten sind inzwischen etwas ansprechender gestaltet.

    Kein Wunder, dass die Bibliothek großen Wert auf elektronische Publikationen legt, zumal die Stellfläche für Bücher im Zentralgebäude schon lange erschöpft ist und große Teile des Bestands ausgelagert sind. Etwa Dreiviertel des Erwerbungsetats wird für Digitales ausgegeben. Die Leiterin des Bibliothekssystems, Professor Valerie Hotchkiss, eine Frühneuzeithistorikerin, legt dennoch Wert darauf, den Geisteswissenschaften alle gedruckten Bücher zur Verfügung zu stellen, die sie für Lehre und Forschung benötigen. Auch die Sondersammlungen möchte sie weiter pflegen und nennt zwei originelle Sammelgebiete, die es so nur an Vanderbilt gibt: Fiktionale Literatur, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzt, und Theorie und Praxis des Spiels.

    Vor drei Jahren hat sich ein universitätsinternes Komitee gebildet, das das Bibliothekssystems an Vanderbilt evaluiert hat. Professoren und Bibliothekare haben z.T. in gemeinsamen, z.T. getrennten Arbeitsgruppen ihre Bewertungen und Wünsche für eine Universitätsbibliothek der Zukunft formuliert. Herausgekommen ist ein bemerkenswert substantielles und unpolemisches Papier, das auf der Website der Bibliothek veröffentlicht ist.

    Zu den Forderungen des Komitees gehört, dass die Bibliothek mit höheren Mitteln für Erwerbungen und für Personal ausgestattet werden muss. Vor allem muss die Bibliothek aus Sicht der Evaluationsgruppe qualitativ hochwertige Räume für Studenten, Forschung und Zusammenarbeit anbieten können. Die letzte Renovierung der Zentralbibliothek im Jahr 2010 wird als nicht ausreichend betrachtet.

    Wie attraktiv Bibliotheken an der Vanderbilt aussehen können, zeigt sich z.B. in der Eskind Biomedical Library. Da ist die Integration der Bücher, Medien und sogar von Kunstwerken und wissenschaftlichen Artefakten in die Arbeitsumgebung perfekt gelungen. Eine solche Aufenthaltsqualität muss auch die Zentralbibliothek erreichen, will sie die Ranking-Differenz zwischen Platz 14 und Platz 49 eines Tages überwinden. Die Entschlossenheit dazu ist allenthalben spürbar. Eigentlich ist es egal, was den Willen zur Optimierung herausfordert.

    https:/​/​www.library.vanderbilt.edu/​

    Michael Knoche

  • 22. Oktober 2018 — Der denkwürdige 24. Oktober in den Jahren nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

    Fernsehsendung auf Arte am 24. Oktober 2007

    Seit der Umbenennung der Zentralbibliothek der deutschen Klassik in Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Jahr 1991 war der 24. Oktober, der Geburtstag von Anna Amalia, für die Bibliothek immer ein besonderes Datum. Hinzu kommt, dass seit eh und je am 24. Oktober in ganz Deutschland der Tag der Bibliotheken begangen wird – im Gedenken an den Gründer der ersten öffentlichen Stadtbibliothek in Deutschland (1833), an Karl Preusker aus Zwickau. In den neunziger Jahren hat die Herzogin Anna Amalia Bibliothek aus Anlass dieses Doppelereignisses fast immer eine spezielle Veranstaltung angeboten, ein Konzert mit Schubert-Liedern etwa, eine Lesung von Siegfried Unseld oder einen Vortrag von Walter Jens im Rokokosaal.

    Der 24. Oktober 2004 ist mir besonders deutlich in Erinnerung geblieben, weil der Brand der Bibliothek am 2. September erst wenige Wochen zurücklag. Schon in den ersten Tagen nach dem Unglück war uns klar, dass wir an diesem 24. Oktober etwas Besonderes organisieren müssten. Als der Bundespräsident den Stiftungspräsidenten Hellmut Seemann am 5. September anrief und zusagte, die Schirmherrschaft über die Spendenaktion der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu übernehmen, fragte ihn Hellmut Seemann auch gleich, ob er es einrichten könne, an einem möglichen Benefizkonzert in Berlin am 24. Oktober teilzunehmen. Der Bundespräsident versprachs, ohne sein Amt und seinen Terminkalender lange zu konsultieren.

    Für die anlaufende Unterstützungswelle war es wichtig, möglichst bald mit einer Veranstaltung in Berlin präsent zu sein. Die Staatskapelle Weimar stand für den Termin 24. Oktober zur Verfügung. Die Veranstaltung sollte auch dazu dienen, inhaltlich über das Brandunglück zu informieren. Dafür eine Form zu finden, war allerdings nicht leicht. Glücklicherweise konnte der findige Martin Kranz, der die Detailplanung übernommen hatte, Roger Willemsen dafür gewinnen, durch das Programm zu führen und verschiedene Personen zu interviewen, bevor die Musik begann.

    Roger Willemsen begrüßte um 20 Uhr charmant und informiert wie stets die ca. neunhundert Zuhörer und Ehrengäste und bat den Bundespräsidenten auf die Bühne. Horst Köhler warb um ein breites Engagement für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und fügte auf seine typische Art hinzu: »Deutschland als Kulturnation ist etwas, was wir brauchen, um diese Zeit der Strukturveränderungen gut zu überstehen.« Als Willemsen ihn fragte, warum er – sehr ungewöhnlich – bereits am 5. September so spontan am Telefon die Zusage für diesen Abend gegeben habe, erntete er mit seiner Antwort einen großen Heiterkeitserfolg: »Ich wusste, dass dieser Abend frei war, denn es ist mein Hochzeitstag.« Frau Köhler, die ebenfalls anwesend war, bekam später einen großen Blumenstrauß für ihre freundliche Duldung der Prioritäten. Dann begann das Konzert der Staatskapelle mit der Sopranistin Marietta Zumbült und dem inzwischen verstorbenen großen Schauspieler Ulrich Mühe als Sprecher. Aufgeführt wurde Ludwig van Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel Egmont op. 84 und nach der Pause die Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92.

    Ein Jahr später, am Nachmittag des 24. Oktober 2005, fand bereits das Richtfest für das im Wiederaufbau begriffene Historische Bibliotheksgebäude statt. Fertiggestellt waren neben der Dachkonstruktion bereits auch die Schalung sowie die insgesamt 15 Gauben des Mansardgeschosses. Im Inneren des Gebäudes wies das durch Löschwasser völlig durchnässte Mauerwerk in einzelnen Abschnitten immer noch eine Feuchte bis zu 100 Prozent auf. Hier wurde mit auf rund 200 Grad erhitzten Heizstäben, die im Abstand von ca. 40 Zentimetern jeweils rund 1,5 Meter tief in den Mauern steckten, der Trocknungsprozess beschleunigt.

    Die Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die entgegen der ursprünglichen Planung selber nach Weimar gekommen war, sagte in ihrer Rede auf dem Platz der Demokratie: »Wer Bücher liebt wie ich, vergisst die Bilder einer brennenden Bibliothek nie. Es ist kaum mehr als ein Jahr her, … noch ist der Schrecken nicht verflogen, da schwebt schon über neuem Dach der Richtkranz.« Noch war nicht abzusehen, ob der Fertigstellungstermin 24. Oktober 2007 eingehalten werden konnte.

    Der Architekt Walther Grunwald hatte damals in einer internen Arbeitsbesprechung gesagt, er werde froh sein, wenn er das Erdgeschoss und die beiden Ebenen des Rokokosaals sowie den Turm einige Tage vor der geplanten Eröffnung staubfrei übergeben könne. Für das restliche Haus sei dies nicht absehbar. Das hätte bedeutet, dass zu Anna Amalias Geburtstag 2007 allenfalls ein leeres Haus begehbar gewesen wäre. Erst im Dezember wurde der Zeitplan noch einmal überarbeitet und alles darangesetzt, den Termin zu halten und eine Bibliothek und nicht bloß ein Gebäude zu eröffnen.

    Dann konnte der große Wiedereröffnungstermin doch noch gehalten werden: Der Festakt am 24. Oktober 2007 fand um 11 Uhr in einem Festzelt auf der Reithaus-Wiese hinter der Bibliothek statt. 1200 geladene Gäste und fast eine Million Zuschauer der Live-Übertragung im Ersten Programm des Fernsehens verfolgten die Reden und das musikalische Programm der Staatskapelle Weimar. Die Rede des Bundespräsidenten zur Situation der Bibliotheken in Deutschland fand große Beachtung.

    Das Medienecho auf die Wiedereröffnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek war gewaltig: Fernsehsender, Rundfunkanstalten und Presse brachten nicht nur Agenturmeldungen, sondern zahlreiche Originalbeiträge. Hervorzuheben ist eine 26–seitige Sonderbeilage der Welt, die der Bibliothek zusätzlich eine sechsstellige Spende aus Anzeigeneinnahmen einbrachte. Auch die Zeitungsgruppe Thüringen brachte eine 20–seitige Sonderbeilage. Der Deutschlandfunk sendete in seiner poltischen Hauptnachrichtensendung einen Kommentar zur Wiederöffnung der Bibliothek, der Fernsehsender Arte strahlte zur besten Sendezeit am Abend eine 50–minütige Dokumentation über die »Buchretter von Weimar« aus, die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentierte das Ereignis am 25. Oktober auf ihrer Titelseite. Am 268. Geburtstag von Anna Amalia in ihrem 200. Todesjahr stand die Weimarer Bibliothek für einen kurzen geschichtlichen Moment im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

    Michael Knoche

  • 15. Oktober 2018 — Sammlungen in Sammlungen von Bibliotheken

    Puppen in der Puppe wie Sammlungen in der Sammlung

    Alte Bibliotheken setzen sich in der Regel aus ursprünglich autonomen Teilsammlungen zusammen. Nur zum geringsten Teil wurden Bücher in der Frühen Neuzeit durch regelmäßigen Kauf im Buchhandel erworben. Typisch war vielmehr die Integration ganzer Nachlässe, Sondersammlungen oder Privatbibliotheken in die öffentlichen Bibliotheken. »Wie bei der Puppe in einer Puppe stehen in einer Bibliothek zahlreiche ineinander verschachtelte Sammlungen« (Wulf D. v. Lucius).

    Nur in wenigen Fällen, etwa wenn es um mittelalterliche Handschriften oder Inkunabeln ging, konnten die Bibliotheken bisher Fragen nach dem Sammlungszusammenhang einzelner Bücher beantworten, weil das Wissen darüber bei diesen besonders wertvollen Objekten zum Standard gehörte. Aber Fragen nach der Herkunft ihrer übrigen Bestände konnten sie meistens nicht beantworten. Es war jahrhundertelang Hauptanliegen der Bibliothekare, die Bestände nach sachlichen Gesichtspunkten und nicht nach Provenienz zu präsentieren. Auch Johann Wolfgang Goethe hat als Chef der Weimarer Bibliothek etwa den privaten Büchernachlass von Herzogin Anna Amalia auf die verschiedenen Fächergruppen aufteilen lassen. So ist er in der Menge der Bestände unsichtbar geworden.

    Aber die kulturgeschichtliche Perspektive auf die eigenen Sammlungen der Bibliotheken setzt sich immer mehr durch. Jürgen Weber spricht von einer Wiederentdeckung der Sammlungen in den Bibliotheken. In den elektronischen Katalogen sind Provenienzdaten immer häufiger recherchierbar. Jetzt geht es darum, auch die Zugehörigkeit der verstreuten Objekte zu den ursprünglichen Teilsammlungen kenntlich zu machen. Für diese Sammlungsbeschreibungen gibt es schon vielversprechende Ansätze, aber noch kein allgemein anerkanntes und überall angewandtes Regelwerk.

    Zu den Ansätzen gehören die Sammlungsdatensätze, die die Herzogin Anna Amalia Bibliothek seit einigen Jahren anlegt. Sie folgen dem Dublin-Core-Standard und informieren u.a. über Inhalt, Umfang, rechtlichen Status, Benutzung, Sammler, Überlieferung und die Beziehung zu anderen Teilsammlungen. Beispiel: Der Datensatz für die Privatbibliothek Goethes

    Da Sammlungen nach bestimmten Prinzipien angelegt sind, sind sie kulturgeschichtliche Gebilde, die von der Forschung nach ihrer Genese und ihrer Bedeutung befragt werden können. Sammlungen geben Objekten einen bestimmten historischen Ort. Zweitens, thematische Sammlungen bestehen in der Regel aus Serien gleichartiger Objekte (z.B. Englische Romane des 18. Jahrhunderts). Die Materialdichte lässt das Typische und das Besondere hervortreten und erlaubt vergleichende Untersuchungen. So können auch für sich genommen wenig originelle Texte zum Sprechen gebracht werden. Drittens grenzen Sammlungen Objekte von der Außenwelt ab und helfen, die überwältigende Vielgestaltigkeit besser in den Griff zu bekommen.

    An einem Beispiel möchte ich erläutern, welchen Nutzen es hat, über die Zugehörigkeit von Objekten in Sammlungen Bescheid zu wissen. So kann ein ehemals tausendfach verbreitetes Reclam-Bändchen mit vier fehlenden Seiten aus der Privatbibliothek von Friedrich Nietzsche, die in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aufbewahrt wird, für ganz unterschiedliche Erkenntnisinteressen bedeutungsvoll sein. Nehmen wir die Verserzählung Der Gefangene im Kaukasus von Aleksandr Puškin aus dem Jahr 1875. Nietzsche hat es erworben und bei der Lektüre mit Anstreichungen versehen. Daher erlaubt dieses Bändchen z.B. dem Puškinforscher Erkenntnisse über Puškins Rezeption in Deutschland, dem Nietzscheforscher über Nietzsches Interesse an Puškin, dem Leseforscher über Nietzsches Lektürepraxis, nämlich seine Art, mit dem Bleistift zu lesen, oder dem Buchhistoriker Erkenntnisse über Herstellungsprozess und Haltbarkeit von preiswerten Leseausgaben. Aber auch dem Literaturfreund ist gedient, der nur lesen will, was Puškin in seinem Werk geschrieben hat.

    Das Bändchen ist ein gutes Beispiel für ein »boundary object« im Sinne von Susan Leigh Star. Es kann in verschiedenen Kontexten Bedeutung bekommen und von verschiedenen Akteuren interpretiert werden. Man stelle sich vor, welchen Verlust es an Erkenntnismöglichkeiten bedeutete, wenn die Herzogin Anna Amalia Bibliothek die Provenienz dieses für sich genommen wenig originellen kleinen Buches in ihrem Katalog nicht kenntlich gemacht hätte. Jedem, der es in die Hand nimmt, würde sich fragen, warum die Bibliothek ein so defektes Exemplar, das durch einen früheren Leser offensichtlich arg strapaziert wurde, überhaupt aufbewahrt.

    Kurzum: Bibliotheken haben erkannt, dass Sammlungen die Bedeutungsdimension der Einzelobjekte steigern. Sie sind dabei, ihre Bestände mit Kontextinformationen anzureichern.

    Michael Knoche

  • 08. Oktober 2018 — Sollen Bibliotheken auch in Zukunft Sammlungen anlegen?

    Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

    Die Finanzverantwortlichen in Hochschulen und Ministerien, die die Ausgaben der Bibliotheken kontrollieren, beklagen die angeblich spekulative Erwerbungspraxis der Bibliotheken. Sie werfen den Bibliotheken vor, Bücher und Medien für einen ungewissen Bedarf in der Zukunft zu kaufen, ohne dafür bürgen zu können, dass sie überhaupt gebraucht werden. Können Bibliotheken nicht einfach nur die wissenschaftliche Literatur besorgen, fragen sie, die in Lehre und Forschung gerade gebraucht wird? Dieses just in time-Prinzip habe sich in der Industrie längst bewährt. Die meisten wissenschaftlich relevanten Publikationen lägen doch in elektronischem Format vor.

    Für die Geisteswissenschaften trifft diese Annahme nicht zu. In Deutschland sind 2017 insgesamt 72.000 gedruckte Bücher in Erstauflage erschienen. Wieviele davon parallel in elektronischem Format herausgekommen sind, lässt sich nicht genau sagen. Der Umsatzanteil von E-Books auf dem deutschen Buchmarkt (eine andere Größenordnung) liegt im 1. Halbjahr 2018 jedenfalls bei 6,1 %. Von den Zeitschriften, die die Bayerische Staatsbibliothek abonniert, liegt nur ein gutes Drittel auch in einer elektronischen Ausgabe vor. Ausschließlich gedruckt erscheinen etwa die für die Musikwissenschaft so wichtige Zeitschriften wie »Die Musikforschung«, »Acta musicologica« oder »Musiktheorie«.

    Es wird leicht vergessen: Der größte Teil der urheberrechtlich geschützten Publikationen des 20. Jahrhunderts liegt nur gedruckt vor und ist nur zu einem kleinen Prozentsatz nach deutschem Recht illegal und unvollständig von Google Books ins Netz gestellt worden. Erst ab 2000 gibt es im nennenswerten Umfang legale (d.h. von den Verlagen lizenzierte) E-Book-Ausgaben parallel zur gedruckten Version. Auf die in Mehrzahl der nur in Druckform vorliegenden Literatur können die Kultur- und Geisteswissenschaften aber gar nicht verzichten.

    Für die Kultur- und Geisteswissenschaften ist es daher nötig (für die anderen Fächer ist es nur zu wünschen), dass Bibliotheken, die Relevanz für die Forschung haben, weiterhin Sammlungen aufbauen. Diese Sammlungen stellen eine Mischung aus gedruckten Büchern, anderen Medien und digitalen Ressourcen dar. Die physische Präsentation von gedruckten Büchern sollte idealerweise nach Fachgebieten geordnet erfolgen. Außerdem müssen Bücher wie alle anderen Medien in einem Katalogsystem angezeigt sein, das die Bestandteile der Sammlung nicht nur inventarisiert, sondern nach den Prinzipien von Standardisierung, Normierung, und Linked Open Data angelegt ist. Selbst wenn alle gedruckten Bücher maschinenlesbar durchsuchbar wären, würde die reine Stichwort-Suche zu inkonsistenten Ergebnissen führen. Nur durch die Kombination von systematischer Aufstellung und guter Erschließung ergibt sich die Chance, den Informationswert der Bücher adäquat auszuschöpfen.

    Wenn Bibliotheken an ihrem Sammelauftrag festhalten und weiterhin analoge und digitale Bestände aufbauen wollen, stehen sie vor großen logistischen Herausforderungen und unter besonderem finanziellen Druck. Sie können ihre Aufgabe für die Forschung nur erfüllen, wenn sie sehr viel arbeitsteiliger vorgehen als das früher der Fall war.

    Bibliotheken müssen sich abstimmen, welche Schwerpunkte sie in ihrer Sammlung setzen wollen: in Stadt, Region, Verbund, ggf. auch national und international. Im Grunde können alle Bibliotheksleistungen, nicht nur der Bestandsaufbau, sondern auch Nachweis, physischer Aufbewahrung, Speicherung digitaler Daten und Informationsvermittlung nur noch in abgestimmter Kooperation organisiert werden. Die Nutzer der Bibliotheken sind nicht mehr nur auf den lokal verfügbaren Bestand angewiesen, sondern brauchen einen umfassenden Zugriff auf Publikationen in allen Medienformen.

    Ein Beispiel soll das veranschaulichen: Um ein Sammelgebiet – sagen wir: die Geschichte Ungarns – abzudecken, müssen neben der gedruckten Literatur auch die von Verlagen bereitgestellten E-Books, Datenbanken und sonstigen elektronischen Ressourcen käuflich erworben werden. Sofern sie nur lizenziert werden können, steht zur Diskussion, wie die Bibliotheken den dauerhaften Zugriff organisieren wollen (das Hosting über Portico oder Clockss sind Möglichkeiten, die aber nicht ausreichen). Außerdem müssten die per Open Access zugänglichen Dokumente über die Geschichte Ungarns gespeichert und angeboten werden. Alle Medien brauchen darüber hinaus qualifizierte Metadaten, die in den Katalogen und Suchmaschinen sichtbar sein müssen.

    Das Beispiel soll zeigen, dass selbst bei einem scheinbar kleinen Sammelgebiet die Aufgabe riesengroß ist. Sie muss daher in Teilaufgaben zerlegt und von verschiedenen Partnern gemeinschaftlich erledigt werden. Die Fokussierung auf die eigene Sammlung reicht nicht mehr aus. Die eigene Sammlung muss als Teil eines Netzwerks begriffen werden. Bibliotheken funktionieren nur noch im System. Die Zukunft des Sammelns liegt im kollektiven Sammeln.

    Zum Thema: Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken. Herausgegeben von Michael Knoche, Wiesbaden: Harrassowitz 2017. Inhalt und Abstracts

    Michael Knoche