Candy Welz · Knoche 2016

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  • 01. Oktober 2018 — Wie sich ein Privatverlag in der Sowjetischen Besatzungszone behauptete – Hermann Böhlau Nachf., Weimar

    Erinnerungstafel an Hermann Böhlau und seinen Verlag am heutigen Stadtarchiv Weimar, dem einstigen Verlagshaus (Kleine Teichgasse 6) Wikicommons

    Das Gebäude des Böhlau-Verlags in der Meyerstr. 50a, außerhalb der Weimarer Altstadt befindlich, war im Zweiten Weltkrieg zwar durch Bomben leicht beschädigt worden, aber benutzbar geblieben. Es gab keine Verluste an den Verlagsbeständen. Während die auf dem Firmengelände gelegene Druckerei Dietsch & Brückner, die mit Böhlau eng verbunden war, für Reparationszwecke demontiert wurde, konnte der Verlag seine Arbeit fortsetzen.

    Gegründet 1624 als Fürstliche Hofbuchdruckerei in Weimar, entwickelte sich die schon bald darauf privatisierte Druckerei mit angeschlossenem Verlagsbetrieb ab 1853 unter der Ägide des aus Halle/​Saale stammenden Buchhändlers Hermann Böhlau (1826–1900) zu einem der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Verlage in Deutschland.

    Seine Schwerpunkte waren Rechtsgeschichte, Literaturwissenschaft und Klassikerausgaben, darunter neben den beiden erwähnten Editionen der Schriften Luthers und Schillers die Sophienausgabe der Werke Goethes, später auch das Jahrbuch der Deutschen Dante-Gesellschaft und das Jahrbuch der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. In der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre übernahm einer der Autoren des Verlags, der Rechtswissenschaftler Professor Karl Rauch (1880–1953) den Verlag, später zusammen mit seinem Sohn Karl Wolfgang Rauch (1913–1963).

    Eine Enteignung, wie sie Privatfirmen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone unter bestimmten Bedingungen drohte, war in diesem Fall unwahrscheinlich, weil die Gesellschafter ausländische Staatsangehörige waren. Die Eigentümer, die nicht ins operative Geschäft eingreifen konnten, mussten sich ganz auf die dreiunddreißigjährige Leiva Petersen als Verlagsleiterin verlassen.

    Petersen nutzte ihre Präsenz vor Ort tatkräftig, um wenigstens Bücher aus den Lagerbeständen zu verkaufen, wenn schon die Produktion nicht leicht wieder in Gang zu bringen war. Ein Gratulant zu Leiva Petersens 70. Geburtstag berichtet, dass sie 1945 Böhlau-Bücher in die Rucksäcke gepackt hätte, um mit ihren Mitarbeitern über die thüringischen Dörfer zu ziehen und einen ambulanten Buchhandel zu betreiben.

    Leiva Petersen (1912–1992) hatte Klassische Philologie, Geschichte und Archäologie studiert und war 1937 an der Universität Frankfurt am Main promoviert worden. Nach ihrem Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen trat sie 1939 zunächst als Lehrling in den Verlag ein und legte ein Jahr später die Buchhändlergehilfenprüfung ab. Schon während des Krieges mit Leitungsaufgaben betraut, wurde sie offiziell am 1.10.1945 Verlagsleiterin und zwei Jahre später Mitgesellschafterin. Sie blieb bis 1983 die bestimmende Persönlichkeit des Verlags.

    Schon am 12. April 1946 hatte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) Leiva Petersen eine persönliche Verlagslizenz erteilt. Böhlau gehörte damit zu den ersten neun Privatverlagen, die in der Sowjetischen Besatzungszone eine Erlaubnis zum Weiterbetrieb erhielten. Die Lizenz wurde im Zuge der Umstellung der zuerst verliehenen Lizenzen am 10. Dezember 1947 erneuert. Nach Bildung des Amts für Literatur- und Verlagswesen der DDR musste die Erlaubnis abermals beantragt werden; von bisher aktiven 185 Verlagen wurden nur 65 neu lizenziert, darunter Böhlau. Es war die Zeit, in der ein vergleichbares Privatunternehmen wie der Felix Meiner Verlag vor den Schwierigkeiten kapitulierte, die DDR verließ und in Hamburg neu anfing.

    Karl Rauch hat vorausschauend bereits 1947 in Graz einen neuen Verlag gegründet, der später nach Wien verlegt wurde. Außerdem errichtete er in der Amerikanischen Besatzungszone einen weiteren Verlag (den Simons-Verlag in Marburg an der Lahn), in dem u.a. Zeitschriften wie das Archiv für Kulturgeschichte, das Deutsche Archiv für Erforschung des Mittelalters oder Euphorion weitergeführt wurden. Der Simons-Verlag wurde 1951 in Böhlau-Verlag umbenannt, nach Münster i. W. und schließlich nach Köln verlegt. Jahrzehntelang gab es also den Böhlau-Verlag mit den gleichen Haupteigentümern an drei Standorten in drei Ländern: Weimar, Köln und Wien.

    Schon vor der Lizenzerteilung durch die SMAD hat der Weimarer Böhlau Verlag nichts unversucht gelassen, um neue Bücher herauszubringen. So erschien bereits im Frühjahr 1946 eine Auswahl älterer russischer Lyrik mit Einzelgenehmigung der örtlichen SMAD. Auch eine 117 Seiten umfassende deutsche Gedichtanthologie (Tag- und Jahreszeiten im deutschen Gedicht) mit allein acht Gedichten Stefan Georges erschien als genehmigter Einzeltitel im selben Jahr. Die vermutlich erste Veröffentlichung des offiziell lizenzierten Verlages war ein kleiner Text von Hans-Georg Gadamer, damals Professor für Philosophie an der Universität Leipzig und 1946 zu ihrem Rektor gewählt, über Bach und Weimar. Die Schrift geht auf seine Rede auf den Bachtagen in Weimar im März 1946 zurück und umfasst einen Druckbogen.

    Der neuen Zeit zollte der Verlag in den Folgejahren auch mit Textausgaben russischer Klassiker und sogar einem Russisch-Sprachlehrbuch mit Wörterverzeichnissen und Abbildungen Tribut. Dass solche Kleinpublikationen, die bei einem niedrigen Preis für raschen Umsatz im näheren Umfeld sorgten, bevorzugt wurden, liegt auch daran, dass es erst ab 25. Juni 1947 offiziell möglich war, Drucksachen zwischen den vier Besatzungszonen auszutauschen.

    Der Verlag hat bis 1989 eine Sonderstellung eingenommen: Er gehörte lange Zeit zu den letzten verbliebenen Privatverlagen in der DDR, und er besaß eine hohe kulturpolitische Bedeutung als Verlag verschiedener deutsch-deutscher Gemeinschaftsprojekte, etwa der kritischen Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers, der Schiller-Nationalausgabe oder des Deutschen Rechtswörterbuchs. Böhlau zählte zu den kleinen bis mittleren Verlagen – mit zuletzt 24 Titeln pro Jahr und 20 Mitarbeitern. Er hatte Partnerverlage in Köln und Wien, mit denen er so eng wie kein anderer DDR-Verlag zusammenarbeitete. So konnte er für seine Verlagserzeugnisse einen hohen Exportanteil erwirtschaften, im Fall der Luther-Ausgabe z.B. 75 Prozent. Dadurch war er auch als Devisenbringer für die DDR-Wirtschaftspolitik interessant.

    Aus einer in Arbeit befindlichen verlagsgeschichtlichen Studie

    Michael Knoche

  • 24. September 2018 — Der verwünschte 2. September: Das Brasilianische Nationalmuseum brennt

    Brand des Brasilianischen Nationalmuseums, im Vordergrund das Denkmal Kaiser Pedros II.  [Foto: Felipe Milanez, Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72403076)]

    Als ich am 2. September 2018 an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vor genau 14 Jahren zurückdachte und meinen Blogbeitrag »Die Menschenkette in der Brandnacht« vorbereitete, ahnte ich nicht, dass sich im selben Moment in 10.000 km Entfernung eine andere, vielleicht noch schrecklichere Brandnacht ereignete. In Mitteleuropa kam die Nachricht erst mit Verspätung an und wurde in den Zeitungen unter »Vermischtes« oder im »Feuilleton« gemeldet: Das Brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro ist am 2. September 2018 weitgehend abgebrannt.

    Betroffen sind 20 Mio. Museumsstücke, von denen man heute noch nicht weiß, wie viele davon geborgen werden konnten. Aber wenn man die Berichte über das Unglück liest und die Bilder davon sieht, muss man befürchten, dass von diesem umfangreichen Bestand nicht viel übrig geblieben ist. Zum Vergleich: Beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ging es um 200.000 Objekte, die durch den Brand beschädigt oder vernichtet worden waren (der Gesamtbestand umfasste knapp 1 Mio. Einheiten). Das Desaster von Rio ist von biblischem Ausmaß. Es berührt die ganze Welt.

    Das Brasilianische Nationalmuseum ist das größte Naturkunde-Museum Südamerikas und eines der ältesten in der Welt. Das Museum war nicht nur ein einzigartiges Forschungszentrum, sondern auch eine Bildungsstätte für unzählige Schüler- und Studentengenerationen. Es enthielt Artefakte, die für das kulturelle Selbstverständnis des Landes und des Kontinents und das historische Gedächtnis der Menschheit wichtig waren. So befand sich in dem ehemaligen Schloss des portugiesischen Königs und der kaiserlichen brasilianischen Familie etwa das älteste jemals in Amerika gefundene Skelett mit dem Kosenamen »Luzia«. Es soll mindestens 11.000 Jahre alt sein.

    Die Sammlung wurde in mehr als zwei Jahrhunderten durch Expeditionen, Ausgrabungen, Erwerbungen, Schenkungen und Tauschgaben geformt und in sieben Bereichen ausgebaut: Geologie, Paläontologie, Botanik (mit botanischem Garten), Zoologie, Anthropologie, Archäologie (mit einem besonders wertvollen altägyptischen Bestand) und Ethnologie. Das Museum beherbergte neben einem historischen Archiv auch eine der größten Spezialbibliotheken Brasiliens mit knapp 500.000 Bänden und 2.400 seltenen Werken, die allerdings separat untergebracht war und verschont geblieben zu sein scheint.

    Viele Details erinnern mich an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. In Rio war das Feuer kurz nach Schließung des Gebäudes für die Besucher um 19.30 Uhr ausgebrochen (in Weimar ebenfalls zum Ende der Öffnungszeit um 20.25 Uhr). Hier wie dort waren schnell viele Mitarbeiter zur Stelle und haben aus dem brennenden Haus Objekte gerettet. Dabei wurden sie von einer sehr engagierten Feuerwehr unterstützt, die erkannt hatte, welche Werte auf dem Spiel standen. Hier wie dort wurden in den Vorjahren Reparaturen durch Spendenmittel (in Rio durch Crowdfunding) finanziert, weil die regelmäßige Bauunterhaltung finanziell nicht abgesichert war. Jahrelange Klagen der Direktion über den maroden Zustand des Gebäudes waren vorausgegangen und der Einbau eines modernen Brandschutzsystems angemahnt worden. In beiden Fällen war die Sanierung des Gebäudes aber beschlossen.

    Man kann sich leicht vorstellen, wie verzweifelt die Museumsleute in Rio jetzt sind, die nicht nur mitansehen müssen, wie ihre eigene kuratorische Arbeit, sondern die vieler Vorgängergenerationen in Rauch aufgegangen ist. Es ist zu vermuten, dass die brasilianischen Kollegen mit guten Tipps und Patentrezepten aus aller Welt überflutet werden und zum Trost auch gleich die trivialsten Ersatzobjekte, meistens in wohlmeinender Absicht, geschenkt bekommen. Ich habe eine Woche nach dem Brand ein Paket mit Trödelware (angestoßener Kaffeekanne, Zuckerdose etc.) zugesandt bekommen mit der Empfehlung, diese Dinge doch zu verkaufen und mit dem erlösten Geld die Bücherrestaurierung zu finanzieren. Die Gefahr, dass die unmittelbar Betroffenen alle Anstrengungen als sinnlos betrachten, ist groß. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig in den ersten Tagen nach dem Unglück Anteilnahme und Solidaritätsbekundungen sind.

    Besonders hilfreich sind natürlich auch finanzielle Zuwendungen, weil man Planungen darauf aufbauen kann. Willkommen waren in Weimar auch Beratungsangebote zu Spezialfragen, etwa zum Vorgehen bei der Restaurierung brandgeschädigter Buchobjekte. Aber wirksam werden konnte das Expertenwissen erst nach einer bestimmten Zeit. Im Moment müssen die Fachleute in Rio de Janeiro unter hohem Handlungsdruck eine Unzahl an Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen treffen – ohne Rücksprache mit der Fachcommunity oder langwierige Literaturrecherchen. Die Anforderungen an ihre persönliche Kompetenz und psychische Belastbarkeit sind immens.

    Die deutsche Bundesregierung hat richtig reagiert und 1 Mio. € als Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Außerdem ist im Außenministerium im Referat »Kultur- und Medienbeziehungen Afrika, Asien, Australien/​Pazifik, Lateinamerika« ein Koordinierungsbüro eingerichtet worden, das am 21. September verschiedene deutsche Experten nach Berlin eingeladen hat.

    Die herrschende Gedankenlosigkeit im Umgang mit der kulturellen Überlieferung kann die Fliehkräfte in den Gesellschaften verstärken. Wenn es keinen gemeinsamen Bezugspunkt auf die Geschichte mehr gibt, weil sich ihre materielle Basis aufgelöst hat, bleibt wenig übrig, woran sich eine Gesellschaft orientieren kann. Die offensichtlich durch Fahrlässigkeit begünstigten Katastrophen von Weimar und Rio jeweils am Unglückstag des 2. September dürfen sich nicht wiederholen! Der biblische König Belsazar brauchte nur ein einziges Menetekel, um zu verstehen, dass seine Herrschaft gefährdet war.

    Aktuell und informativ: https:/​/​en.wikipedia.org/​w/​index.php?title=National_Museum_of_Brazil&uselang=de#2018_fire

    Michael Knoche

  • 17. September 2018 — Südtirol – ein Bibliothekswunderland

    Die Südtiroler Landesbibliothek "Dr. Friedrich Teßmann", Bozen-Gries

    In Bozen, westlich der Talfer, liegt der Stadtteil Gries mit 30.000 Einwohnern und dem Benediktinerkloster Muri-Gries. Nahe den alten Rebgärten jenseits der Klosteranlage, wo die autochthone Rebsorte Lagrein angebaut wird, gedeiht auch ein anderes bodenständiges Gewächs von unverwechselbarem Charakter, die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann.

    Eine Landesbibliothek in Italien? Alte Stadtbibliotheken gibt es in Hülle und Fülle, aber ein Bibliothekstyp, der in Deutschland meist aus ehemaligen Hofbibliotheken entstanden ist, so wie etwa die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ist in Italien unbekannt. Tatsächlich ist auch die Bozener Tessmann eine neuere Gründung: Als Landesbibliothek im engeren Sinne ist sie erst 36 Jahre alt. Ihre Entstehung hängt mit den kulturellen Selbstbestimmungsbestrebungen der Südtiroler zusammen, die sich nach dem Anschluss an Italien (1920) unterdrückt fühlten und alles daran setzten, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Dadurch sind Arbeit und Aufgaben der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann, der einzigen wissenschaftlichen Universalbibliothek Südtirols, geprägt. Ihre Dienstleistungen richten sich vorwiegend an die deutsche und ladinische Bevölkerung.

    Die Landesbibliothek verfügt über etwa 500.000 Bücher und andere Medien und sammelt vorwiegend deutschsprachiges Schrifttum aus den verschiedenen Wissensgebieten. Vollständigkeit strebt sie bei dem von Südtirolern verfassten, Südtirol betreffenden und in Südtirol erschienenen Schrifttum an. Besonders berücksichtigt werden auch Veröffentlichungen aus dem Raum des historischen Tirol. Es besteht ein Pflichtexemplarrecht, d.h. zwei Exemplare jeder in der Provinz erscheinenden Publikation müssen an die Teßmann bzw. an ihr italienisches Pendant abgeliefert werden.

    Ja, es gibt auch ein Gegenstück zur Teßmann, die italienische Landesbibliothek »Claudia Augusta« im Bozener Kulturzentrum Trevi. Sie ist deutlich jünger (gegründet 2000), kleiner (35.000 Bände) und hat auch keine koordinierenden Aufgaben. Aber da die Einwohnerschaft Bozens zu mehr als 60 Prozent italienschsprachig ist (auf Südtirol insgesamt bezogen, ist es umgekehrt), versteht man, dass es sie geben muss. Im übrigen gibt es in Bozen noch die Stadtbibliothek »Cesare Battisti« und die Bibliothek der Freien Universität sowie eine Reihe von Spezialbibliotheken.

    Ist dies schon eine sehr komfortable Bibliothekssituation, gerät man noch mehr ins Staunen, wenn man sich die Lage in den anderen Städten, in den Dörfern und Bergdörfern anschaut. Gab es früher in Südtirol nur vereinzelte, von kirchlichen Institutionen geführte, bescheidene Bibliotheken, finden wir heute in Brixen, Lana, Marling, Neumarkt, Riffian, Vahrn und wie die 116 Gemeinden alle heißen, geräumige, funktionelle und architektonisch gelungene Bibliotheken – öffentlich genutzte Bibliotheken, Schulbibliotheken oder Einrichtungen mit gemischter Nutzung. Jede Bibliothek ist in der Regel hauptamtlich geleitet, gut ausgestattet und präsentiert sich attraktiv.

    Dieser Errungenschaft verdankt sich einem Bibliotheksgesetz, das die autonome Provinz Bozen nach dem mühsam errungenen Autonomiestatut von 1972 beschließen konnte. In 17 von 25 EU-Staaten gibt es Bibliotheksgesetze. Die meisten ihrer Art sind zahnlose Tiger und enthalten nur Absichtserklärungen (z.B. das Thüringer Bibliotheksrechtgesetz vom 16.7.2008). Aber neben den Bibliotheksgesetzen Kataloniens (1993) und Dänemarks (2000) ist das Südtiroler Landesgesetz vom 7. November 1983 zur »Regelung der Weiterbildung und des öffentlichen Bibliothekswesens« eine rühmliche Ausnahme. Denn es sorgt dafür, dass die vorgeschriebenen Standards in Bezug auf Raumgrößen, Medienbestand und Öffnungszeiten tatsächlich umgesetzt werden. Das Land vergibt entsprechende Zuschüsse an die Gemeinden.

    Das ist aber noch nicht alles. 1990 wurde ein Schulbibliotheksgesetz erlassen, das das Bibliotheksgesetz ergänzt. Seither kann man sich auch eine Schule in Südtirol ohne Bibliothek nicht mehr vorstellen. Alle 29 Oberschulen haben eine Bibliothek – mit einem Medienbestand von jeweils mehr als 10.000 Einheiten und hauptamtlicher Leitung. Sogar die Hälfte aller 271 Grundschulen, die oft weniger als fünf Klassen haben, verfügt über eine jederzeit zugängliche Bibliothek, in der die Schüler einzeln, aber auch gruppen- oder klassenweise lernen können.

    Die Arbeit mit Schülern der Oberschulen bestimmt auch die Arbeit der Teßmann. Ständig sind Schulklassen zu Führungen und Schulklassen im Haus. Jetzt ist ein digitales »Schülerportal« in Planung, das den Vorzug hat, allen Schülern in Südtirol gleichermaßen zugute zu kommen. Mit dem Südtiroler Leseausweis können die Leser einer Bibliothek auch in einer anderen Bibliothek Medien ausleihen, ohne dort eingeschrieben zu sein. Jeder Leser kann sich auch bei Biblio24 anmelden und dann von welcher Almhütte aus auch immer eine große Bandbreite digitaler Medien wie E-Books, E-Zeitungen, E-Magazine, E-Audios und E-Videos ausleihen. Dies ist ein Angebot der Teßmann und des sehr professionell agierenden Amtes für Bibliotheken und Lesen in der Südtiroler Landesverwaltung.

    Für die Zukunft ist ein Bibliothekenzentrum geplant, dessen Standort sich unmittelbar gegenüber dem heutigen Bibliothekssitz der Teßmann befindet. Es soll unter einem Dach neben der Teßmann-Bibliothek auch die seit 1928 bestehende Stadtbibliothek Bozen und die italienische Landesbibliothek zu einer Südtiroler Verbundbibliothek zusammenschließen. Diese bleiben selbständig, betreiben aber bestimmte Serviceleistungen gemeinsam und präsentieren sich in einem Gebäude. Das wäre eine innovatives Modell, das kaum Vorbilder hat. Es würde eine zentrale wissenschaftliche Universalbibliothek für Südtirol mit 1.100.000 Medieneinheiten entstehen, aber auch ein Kultur- und Bildungszentrum für die Bevölkerung der Stadt Bozen.

    Die Planung ist schon 2014 abgeschlossen worden. Es liegt ein sehr guter Architektenentwurf des Büros Christoph Mayr-Zingerle vor. Zur Zeit gibt es Schwierigkeiten auf Seiten des Bauträgers. Aber man ist optimistisch, im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten beginnen und sie 2021 abschließen zu können. Dann wird man endgültig sagen müssen: Südtirol ist ein Bibliothekswunderland!

    http:/​/​www.tessmann.it/​de/​home.html

    Michael Knoche

  • 10. September 2018 — West-Literatur in Ost-Bibliotheken

    Zensurvermerk auf einer Katalogkarte der Zentralbibliothek der deutschen Klassik, Weimar (Vorläuferin der Herzogin Anna Amalia Bibliothek)

    Wie gut war die westdeutsche Literaturproduktion während der 50er und 60er Jahre in wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR präsent?

    Der Beschaffung von Literatur aus dem Westen standen zwei wesentliche Hindernisse entgegen: Zum einen waren die finanziellen Ressourcen, insbesondere die Devisen, für den Ankauf westdeutscher Literatur äußerst begrenzt. Zum anderen bezweifelte die Sozialistische Einheitspartei (SED) die Notwendigkeit, Bücher und Zeitschriften des »Klassenfeindes« in größerem Umfang überhaupt zugänglich zu machen.

    Auf jeden Fall sollten Texte ausgeschlossen sein, die »militaristischen«, »imperialistischen«, »revisionistischen«, »revanchistischen« oder »klerikalfaschistischen« Inhalts – so die Terminologie, wenn vom »Klassenfeind« die Rede war – oder die gegen die Freundschaft mit der Sowjetunion gerichtet waren. Irgendeiner dieser Vorwürfe traf auf nahezu jede westliche Publikation zu. Nur die technisch-wissenschaftliche Literatur war davon ausgenommen: Sie ließ in der Regel keine politische Tendenz erkennen.

    Die Erwerbungen, die die 15 wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR getätigt haben, sind zwischen 1955 und 1963 von 76.585 auf 102.997 Titel insgesamt gestiegen. Da aber die Gesamterwerbungen noch kräftiger gewachsen sind, fällt der Anteil der Erwerbungen aus Westdeutschland und Berlin von 29 auf 24 Prozent. Auch in der späteren DDR-Zeit wird die Quote der fünfziger Jahre nicht mehr erreicht. In den fünfziger Jahren war die Lage noch vergleichsweise gut.

    Gleichzeitig muss man in Rechnung stellen, dass die durchschnittlichen Ausgaben für den Bücherkauf bei einer ostdeutschen Universitätsbibliothek im Jahr 1963 bei 202.000 M lagen. Im Vergleich dazu hat eine westdeutsche Universitätsbibliothek im selben Jahr durchschnittlich 471.000 DM ausgegeben. Dieses Geld konnte uneingeschränkt auch für den Erwerb auf dem internationalen Buchmarkt verwendet werden. Die Kaufkraft der ostdeutschen Universitätsbibliotheken war vergleichsweise niedrig.

    Ein anderer Maßstab zur Beurteilung der Frage, ob 24 % Westpublikationen nun viel oder wenig sind, ist die Anzahl der Neuerscheinungen des Buchhandels in Ost und West. Im Osten stieg die Titelproduktion von 2.480 (1950) allmählich auf 6.073 (1989) an, im Westen von 13.181 (1950) auf 65.980 (1989). Wollten die Bibliotheken also den gleichen repräsentativen Ausschnitt aus dem Buchmarkt in ihren Buchbeständen widerspiegeln, hätte dem Wachsen der westdeutschen Produktion um das Fünffache viel stärker Rechnung getragen werden müssen.

    Gemessen am starken Interesse auf Seiten der Benutzer und gemessen an der Fülle erwerbungswürdiger Literatur, die keine abzulehnende politische Tendenz hatte, kann man nicht davon sprechen, dass die Bibliotheken der DDR einen ausreichenden Bestand an West-Publikationen angeboten hätten.

    Die Bibliothekare saßen zwischen allen Stühlen: den Erwartungen der Partei, der grotesken Bürokratie und den enttäuschten Lesern. Ihrem Berufsethos hätte es entsprochen, den Lesern ein vielfältiges Literaturangebot unzensiert anzubieten. Aber bei dem Versuch, Publikationen aus dem westlichen Deutschland zu beschaffen, gerieten sie unweigerlich mitten hinein in die ideologischen Kämpfe um den »Sieg des Sozialismus«. Im Ergebnis hatten die Benutzer der DDR-Bibliotheken nur stark eingeschränkte Möglichkeiten, über den staatlich definierten Tellerrand hinauszublicken.

    Ausführlich nachzulesen bei Michael Knoche: West-Literatur in Ost-Bibliotheken. Die Präsenz der westdeutschen Literaturproduktion in wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR. In: Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder. Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949–1965). Herausgegeben von Klaus Kempf und Sven Kuttner. Wiesbaden: Harrassowitz 2018, S. 73–85 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen Bd. 63)

    Michael Knoche

  • 02. September 2018 — Die Menschenkette in der Brandnacht

    Brandnacht 2. September 2004 (Foto: Maik Schuck©Klassik Stiftung Weimar)

    Immer wieder, besonders aber wenn sich der 2. September 2004 jährt, muss ich an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zurückdenken. Von einer einzigen Episode will ich berichten.

    Nachdem zahlreiche Bibliothekare und Restauratoren schon gegen 20.40 Uhr am Unglücksort eingetroffen waren und mit der Evakuierung von Kunstwerken und Büchern aus dem brennenden Gebäude begonnen hatten, kam es etwa 90 Minuten später zu einer völligen Sperrung des Hauses durch die Feuerwehr. Der Einsatzleiter Hartmut Haupt befürchtete, der Brand unter dem Dach könne das gesamte Haus in sich zusammenbrechen lassen.

    Gegen 23 Uhr fand vor dem brennenden Gebäude ein seltsames Kolloquium statt. Ich verwende das Wort Kolloquium bewusst, weil der Austausch der Argumente durchaus wissenschaftlichen Charakter hatte. Es waren die Baufachleute, die mit der Begutachtung des Gebäudes beauftragt gewesen waren und die jetzt mit der Einsatzleitung der Feuerwehr über die Gebäudestatik diskutierten. Es war ein Glück, dass das Haus in den Wochen zuvor so intensiv wie noch nie in seiner Geschichte analysiert worden war. Die Ingenieure konnten die Feuerwehr davon überzeugen, dass die Holzbalkendecke aus dem 16. Jahrhundert, über der im 2. Obergeschoss das Feuer ausgebrochen war, stabil sei und in den nächsten Stunden nicht einbrechen werde. Es handelte sich um eine sogenannte Mann-an-Mann-Decke, die im Gegensatz zur Holzbalkendecke keine Zwischenräume zwischen den einzelnen Holzbalken hat und dank der massiven Baumstämme eine besonders hohe Tragfähigkeit besitzt.

    Und dann geschah das Erstaunliche: Die Einsatzleitung der Feuerwehr ging das Risiko ein, die Fortsetzung der Bücherbergung zu erlauben. Die Feuerwehrleute halfen dabei mit an vorderster Front. Auch die anderen vor dem Haus wartenden Helfer stürmten sofort wieder in das brennende Haus und begannen, wahllos Bücher aus den Regalen zu holen und ins Tiefmagazin herunterzutragen. Auf der Treppe behinderte man sich gegenseitig durch den Gegenverkehr.

    Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, und ich, die wir anfangs ebenfalls rauf und runter gelaufen waren, fanden diese Methode bald zu ineffektiv und versuchten, die aufgeregten Menschen auf einem bestimmten Punkt auf der Treppe zum Stehenbleiben zu zwingen. Das war nicht leicht, denn das bedeutete für viele Helfer eine Phase der Tatenlosigkeit, die sie glaubten besser nutzen zu sollen. Schließlich waren die Kommandos von Hellmut Seemann so lautstark und überzeugend, dass endlich, anfangs lückenhaft, aber dann immer dichter, eine Menschenkette zustande kam, über die ein Buchstapel nach dem anderen oder auch ganze Umzugskisten weitergereicht werden konnten. Auf diese Weise konnten im Laufe der Nacht riesige Mengen von Büchern geborgen werden. Außerdem wurden die Menschen ruhiger und weniger hektisch, es verbreitete sich plötzlich das Gefühl eines vereinigten sinnvollen Tuns.

    Immer wenn es in den politischen Diskussionen über die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland nicht vorangeht, denke ich an diese Nacht des 2. September 2004 zurück und daran, dass es einerseits mutige Entscheidungen, wie sie damals die Feuerwehr getroffen hat, und andererseits eine solche Menschenkette braucht. Nur dann kann es gelingen, die gefährdete schriftliche Überlieferung von Generation zu Generation weiterzugeben. Sorry für die Emotion.

    Michael Knoche