Candy Welz · Knoche 2016

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Aktuelle Einträge

  • 01. April 2019 — Eine große Bibliothek ist besser als zehn kleine – die Universitätsbibliothek Marburg/​L.

    UB Marburg, 2018 eröffnet

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    Michael Knoche

  • 25. März 2019 — Was ist eine Forschungsbibliothek? Die 80/​20–Regel

    Jean und Alexander Heard Libraries der Vanderbilt University, Nashville TN

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    Michael Knoche

  • 18. März 2019 — Ein kaltrechnender Geschäftsmann? Zum 50. Todestag von Karl Jaspers

    Jaspers-Bücher im Freihandbestand einer Universitätsbibliothek (Marburg/L.)

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    Michael Knoche

  • 11. März 2019 — Bitte melden Sie Ihren Austritt! Eine Studie über die Goethe-Gesellschaft im NS-Staat

    Theaterplatz in Weimar mit dem eingerüsteten Goethe- und Schiller-Denkmal (Foto: Schäfer, Stadtarchiv Weimar)

    Die Straße, an der das Weimarer Goethe- und-Schiller-Archiv liegt, hieß bis vor kurzem Hans-Wahl-Straße. Hans Wahl, noch vom Großherzog ernannt, war Archivdirektor über vier Gesellschaftssysteme hinweg bis zu seinem Tod 1949. Außerdem war er das einflussreichste Vorstandsmitglied der Goethe-Gesellschaft und Herausgeber ihrer Zeitschrift. 2016 fasste der Weimarer Stadtrat einen Umbenennungsbeschluss. Seitdem lautet die Anschrift des Archivs wie früher: »Über dem Kegeltore«.

    Es waren die historischen Arbeiten der jüngsten Zeit, die zu dem – übrigens knappen – Stadtratsbeschluss geführt haben. Wer Zweifel an seiner Richtigkeit gehabt haben sollte, kann sie nun nach Lektüre der grundlegenden Untersuchung von Daniel Wilson über die Goethe-Gesellschaft in der Zeit des Dritten Reiches fahren lassen. Auch früher schon konnte niemand die Nähe von Hans Wahl zu den Regierenden, vor allem zu den Nationalsozialisten übersehen. 1937 wurde er Mitglied der Partei. Seine Fürsprecher entschuldigten sein Verhalten als unvermeidliches Zugeständnis, um ein höheres Ziel zu erreichen: die Weimarer Goethe-Stätten und die Goethe-Gesellschaft unversehrt durch die Zeiten zu bringen. Nun wird klar, dass weder der Vizepräsident Hans Wahl noch die Präsidenten Julius Petersen und sein Nachfolger Anton Kippenberg lediglich im Sinn hatten, den humanen Goethe vor Partei und Staat in Schutz zu nehmen.

    Vielmehr haben sie Goethe so tief braun eingefärbt, dass er in das Weltbild von Hitler, Heß, Goebbels und Sauckel perfekt hineinpasste. Sie präsentierten Goethe als Nationalisten, Judenfeind und Propheten der Hitlerbewegung. Der Preis war hoch: Goethe, der Humanist, wurde verraten. Die einmal aufgetragene Farbe erwies sich als schwer wieder abzukratzen.

    Die Auswertung der 200 Akten der Goethe-Gesellschaft im Goethe- und-Schiller-Archiv und diverser anderer Bestände etwa in Marbach und Berlin, die Daniel Wilson als erster in diesem Umfang vorgenommen hat, zeigt, dass die Vorstandsmitglieder der Goethe-Gesellschaft ihren braun eingefärbten Goethe nicht nur nach außen vertreten haben. Ihre interne Kommunikation und ihre Korrespondenz offenbart bei allen persönlichen Unterschieden keine andere Einstellung. Allerdings waren sie geschickt darauf bedacht, sich nicht in ihre Angelegenheiten hineinreden zu lassen, und hatten durchaus ihre Kontroversen mit Vertretern des Staates oder der Partei.

    So ist es der Goethe-Gesellschaft durch die Integration prominenter Nationalsozialisten in den Vorstand gelungen, die Selbständigkeit zu wahren und die Einordnung in einen größeren Verband, etwa die NS-Kulturgemeinde, zu vermeiden. Hinsichtlich der »Judenfrage« verhielt man sich den Machthabern gegenüber weniger gefügig als vergleichbare Vereine wie etwa die Kleist-Gesellschaft. Die Goethe-Gesellschaft hatte auf Grund ihrer zahlreichen ausländischen Mitglieder eine privilegierte Stellung. Bei offenen Maßnahmen gegen Juden in ihren Reihen war ein Prestigeverlust im Ausland zu befürchten, den sowohl Regime wie Verein vermeiden wollten. Doch ging man in den Ortsvereinigungen, in denen sich ein großer Teil des Vereinslebens abspielte, manches Mal rabiater vor. So wurden in Berlin der Antiquar Fritz Homeyer, der Lehrer Kurt Levinstein, der Islamwissenschaftler Arthur Liebert und der Journalist Max Osborn aus dem dortigen Vorstand ausgeschlossen. Die Muttergesellschaft wurde erst nach den Pogromen 1938 aktiv, auf rechtlich zweifelhafter Grundlage. Man erfand eine »Ausführungsbestimmung« zu § 5 der Satzung und bat »diejenigen unserer Mitglieder, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen, uns sofort ihren Austritt zu melden«.

    Immerhin zählte man Anfang 1939 noch 41 jüdische Mitglieder. Wenn die Goethe-Gesellschaft nach dem Krieg stolz darauf verwies, dass sie ihre Satzung nicht verändert habe, darf die Praxis der Ortsvereine und das satzungswidrige Verhalten ab 1938 nicht unterschlagen werden. Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft unternahm zum Beispiel gar nichts gegen ihre jüdischen Mitglieder.

    W. Daniel Wilson, Germanist amerikanischer Herkunft mit Professur in London, gibt in diesen Passagen des Buches den Verfolgten eine Stimme, die ihnen in den bisherigen Darstellungen gefehlt hat. Zu seinen weiteren Verdiensten gehören die Analyse des zunächst sehr schwankenden Goethebildes der NS-Ideologen und die Einbeziehung der auswärtigen Kulturpolitik. So ist eine spannend zu lesende Darstellung entstanden, die viele neue Zusammenhänge sichtbar macht.

    Und doch kann dies nicht die abschließende Studie zum Thema sein. Das kecke Urteil, dass »einiges am braunen Goethebild Hand und Fuß hatte«, Goethe also tatsächlich anti-jüdisch eingestellt war, entspringt der schon öfter erprobten Provokationslust des Autors und ist gänzlich überzogen. Aber das betrifft nicht den Kern seiner Untersuchung. Gravierender ist: Wilson interessiert sich wenig für die Motive und Handlungsspielräume seiner Protagonisten. Schnell spricht für ihn aus einem Dokument, »eine regelrechte Gier, sich dem Regime anzupassen«.

    Aber statt einer moralischen Beurteilung aus sicherem historischen Abstand erführe man gern, an welcher Stelle der Handlungskette ein andere Option möglich gewesen wäre. Ein bisschen weniger Textinterpretation und ein bisschen mehr historische Konstellationsanalyse würden verstehen helfen, wie sich eine literarische Gesellschaft unter den Bedingungen einer Diktatur besser hätte bewähren können.

    W. Daniel Wilson: Der faustische Pakt. Goethe- und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich. DTV, München 2018. 367 Seiten, 28 Euro.

    Zuerst in: Süddeutsche Zeitung vom 6.3.2019, S. 12.

    Michael Knoche

  • 04. März 2019 — Bitte nicht komplett in Schwarz – der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln vor zehn Jahren

    Das eingestürzte Stadtarchiv Köln 1 (Fotos: Michael Knoche CC BY-SA 3.0 DE)

    8 Bilder ›

    Als am 3. März vor zehn Jahren das Kölner Stadtarchiv eingestürzt war, lud mich der WDR zu einer Fernsehdiskussion nach Köln ein. Man glaubte, dass ich beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek einschlägige Katstrophenerfahrungen gesammelt hätte und etwas Einsichtiges auch zum Kölner Unglück sagen könnte. In der neunzigminütigen Talk-Sendung west.art am sonntag sollte ich u.a. auf Bettina Schmidt-Czaia, die Direktorin des betroffenen Archivs, treffen. Da ich sowieso vor Ort erfahren wollte, wie die Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit ihren Restauratoren helfen könnte, habe ich gerne zugesagt.

    Fast hätte ich es bereut, als mir die Produktionsfirma noch eine »Kostümempfehlung« hinterhersandte, in der Dinge standen wie: »Bitte kein rein weißes oder cremefarbenes Outfit. Bitte keine kleinen Musterungen wie Pepita, Karo oder schmal gestreifte Stoffe. Bitte nicht komplett in Schwarz, da das Set schon sehr dunkel ist.« Die Gefahr, dass ich auf die Idee kommen könnte, einen schwarzen Anzug zu tragen, war tatsächlich gegeben. Denn die Lage war ernst: Nicht nur das Gebäude des Historischen Archivs mit nicht weniger als 27 laufenden Kilometern Archivalien war im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen für die künftige U-Bahn eingestürzt. Auch zwei benachbarte Wohngebäude waren mit in den Abgrund gesunken, und dabei haben zwei Menschen ihr Leben verloren.

    Ich habe in der Sendung von einer »Heimsuchung von biblischem Ausmaß« gesprochen. Beim Einsturz des Stadtarchivs seien unwiederbringliche Unikate aus tausend Jahre Geschichte in den »Höllenschlund« gerutscht. Vielleicht war die Wortwahl unter dem Eindruck des Unglücks etwas zu dramatisch gewählt. Aber nach dem Elbe-Hochwasser in Dresden 2002 und dem Brand der Weimarer Bibliothek 2004 schienen sich solche Unglücksfälle wie in einer Kettenreaktion zu ereignen. Innerhalb von sieben schrecklichen Jahren ist die schriftliche Überlieferung in Deutschland um wertvolles Kulturgut dezimiert worden. Das versetzte mich sozusagen in einen Kassandra-Modus.

    Ich hatte die beiden Tage vor der Sendung – es war Tag 10 nach dem Einsturz – zunächst nutzen können, um das Erstversorgungszentrum für das geborgene Archivgut in einem ehemaligen Möbelhaus in Köln-Porz zu besichtigen. Dort, wo Hunderte von Helfern zusammenarbeiteten, gab es schon einen durchorganisierten Workflow zur Bearbeitung des per LKW angelieferten Materials.

    Noch mehr beeindruckte mich die Besichtigung der Unglücksstelle in der Innenstadt zusammen mit dem Kölner Kulturdezernenten Georg Quander. Am weiträumig abgesperrten Ort des eingestürzten Archivs kletterten immer noch Männer in Schutzkleidung der Kölner Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks auf den hoch aufgetürmten Berg aus Betonteilen, Stahlträgern, Schutt und Archivalien, um Gegenstände einzusammeln, die wie Archivgut aussahen.

    In einem benachbarten geräumten Schulgebäude nahe des Unglücksorts fand anschließend eine Pressekonferenz statt. Ich wurde unter anderem nach den Unterschieden zwischen dem Weimarer und Kölner Desaster gefragt. Was ich damals gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Laut Kölner Stadtanzeiger soll ich mich auch zum Wetter geäußert haben: die Helfer hätten nach dem Brand der Anna Amalia Bibliothek Glück mit dem Wetter gehabt, denn »damals herrschte strahlender Sonnenschein.« Das klingt ein bisschen abstrus, war aber nicht ganz unwichtig, denn als der Kölner Schuttberg noch kein Schutzdach hatte, regnete es immer wieder auf das noch nicht geborgene Archivmaterial.

    Heute würde ich die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten folgendermaßen auf den Punkt bringen:

    • Es ging in Weimar nicht um Menschenleben, sondern ausschließlich um Kulturgut.
    • In Köln hat die weitaus schlimmere und quantitativ größere Katastrophe stattgefunden (die zehnfache Menge des Schriftguts ist gefährdet oder verloren).
    • In Köln waren überwiegend Akten, Urkunden, Nachlässe usw., d.h. Unikate, betroffen, in Weimar überwiegend Druckschriften, die manchmal allerdings auch Unikatcharakter und stets einen Ensemblewert und eine besondere Provenienzgeschichte hatten.
    • Die wassergeschädigten Bücher von Weimar konnten binnen 48 Stunden ins Tiefkühlhaus gebracht und eingefroren werden. Die Bergung der Bestände verlief unvergleichlich schneller, als dies in Köln möglich war, eine wichtige Voraussetzung für die spätere Restaurierung.

    Warum war die Spendenkampagne in Weimar erfolgreicher als in Köln?

    • Weimar wird eher als Köln als gesamtdeutsche Kulturstadt wahrgenommen, für die sich Bürger aus allen Teilen des Landes und darüber hinaus engagieren.
    • Der stark in Mitleidenschaft gezogene Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek war kulturgeschichtlich bedeutender und im Bewusstsein vieler Menschen stärker verankert als der Kölner Archivzweckbau. Schon vor dem Brand kamen jedes Jahr mehr als 10.000 Touristen die Bibliothek.
    • Eine brennende Bibliothek hat höhere theatralische Qualität als ein Gebäude, das sekundenschnell in ein Loch rutscht.
    • Die Stadtverwaltung Köln mit seinem Klüngel-Image genoss weniger Vertrauen als die Klassik Stiftung Weimar, die Trägerin der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
    • Die Stadtverwaltung Köln hat kein gutes Katastrophenmanagement betrieben. So durften städtische Angestellte, auch wenn es sich um auskunftsfähige Fachleute handelte, in der ersten Phase oft nicht mit der Presse sprechen. Die Öffentlichkeit hatte keinen Ansprechpartner.
    • Die vom Rat der Stadt Köln gegründete Stiftung StadtGedächtnis, die eine finanzielle Unterstützung in unglaublichen Dimension einsammeln sollte, hat nicht immer glücklich operiert.

    Die gute Nachricht lautet: Das neue Gebäude des Historischen Archivs soll Ende 2020 funktionsfähig sein.

    Mein Erlebnisbericht in der Süddeutschen Zeitung vom 19.3.2009

    Pressemitteilung der Stadt Köln zum aktuellen Sachstand

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    Michael Knoche