Candy Welz · Knoche 2016

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Aktuelle Einträge

  • 07. Januar 2019 — Die »Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten« weiterentwickeln!

    Durch den Bibliheksbrand von 2004 versehrtes Exemplar einer Erstausgabe von Nikolaus Kopernikus (Foto: C. Welz©Klassik-Stiftung Weimar)

    Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, hat noch im Dezember bekannt gegeben, dass die finanziellen Mittel, um national wertvolles schriftliches Kulturgut zu erhalten, deutlich aufgestockt werden. Die Ausstattung des Sonderprogramms wurde von 1 Mio. Euro (2017) auf nunmehr 4,5 Mio. Euro (2019) erhöht. Das Geld kommt Projekten der Bibliotheken und Archive von Bund, Ländern und Kommunen zu Gute. Voraussetzung ist, dass sie zu 50 Prozent gegenfinanziert werden. Eine gute Weihnachtsbotschaft!

    Dieser bedeutende Schritt in die richtige Richtung wäre nicht möglich gewesen, wenn sich nicht 2001 zwölf Archive und Bibliotheken mit großen historischen Beständen zur Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten zusammengeschlossen und Lobbyarbeit für die Erhaltung der schriftlichen Überlieferung betrieben hätten. Veröffentlichungen, Veranstaltungen, die Ausrichtung von Aktionstagen, die Übergabe der Denkschrift Zukunft bewahren an den Bundespräsidenten, der Ausbau koordinierter Notfallprogramme und die Einrichtung einer Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts (KEK) zählen zu ihren Erfolgen. 2015 wurden auf der Basis einer gründlichen Bestandsanalyse Bundesweite Handlungsempfehlungen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in seiner originalen Medienform vorgelegt. Die Zusammenarbeit von Archiven und Bibliotheken untereinander und mit Restauratoren und Dienstleistern der Bestandserhaltung wurde gestärkt.

    Die Mitglieder der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten, bislang ein in Eigeninitiative entstandener Zusammenschluss ohne Rechtsstatus, haben auf ihrer Sitzung am 15. März 2018 in Berlin vereinbart, der Arbeitsgemeinschaft eine neue Form zu geben, um die nächsten Ziele effektiver und schneller zu erreichen.

    In einem Thesenpapier zu diesem Thema schlagen Thomas Bürger und ich vor, die Allianz in eine schlagkräftige Expertengruppe, etwa in einen Rat zur Sicherung der schriftlichen Überlieferung, umzuwandeln. Die Expertengruppe sollte in Abstimmung mit den beteiligten öffentlichen Stellen durch die Staatsministerin für Kultur und Medien einberufen werden und die strategischen Leitlinien und Prioritäten der Bestandserhaltung fortschreiben. Neben den engeren Fragen der Bestandserhaltung sollte sie auch die Kontexte (Digitalisierung, Verbesserung der Datenbankinformationen zu Provenienzen und Sammlungen, zum konservatorischen Zustand der Objekte) berücksichtigen.

    Die dringendste Aufgabe des neu aufgestellten Gremiums wäre es, Schritte zur Umsetzung der – im Auftrag von Bund und Ländern erarbeiteten und von der Koordinierungsstelle zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) vorgelegten – Bundesweiten Handlungsempfehlungen zu priorisieren.

    Weiterentwicklung der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten – Ein Impulspapier zur Selbstverständigung. Stand 26.8.2018. Von Thomas Bürger und Michael Knoche

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    Michael Knoche

  • 31. Dezember 2018 — Glückwunsch

    Der Weimarer Bibliothekar Reinhold Köhler als Adressat des Gedichts
    Guten Tag und gute Tage, stets noch schönre Morgen morgen,
    Möge Dein Geschick geschickt für Geld und wenig Sorgen sorgen,
    Mögen Leiden um die Stirn Dir nur wie flüchtge Fliegen fliegen,
    Mögest Du die schönste Feindin in der Liebe Kriegen kriegen,
    Mög um Dich ein Glück des Lebens, das nicht zu verscherzen, scherzen,
    Mögen Dich die schönsten Arme inniglich von Herzen herzen,
    Möge man den Kranz des Wissens dir, dem Ruhmesreichen, reichen,
    Dein Vermögen möge Rothschilds oder Seinesgleichen gleichen,
    (Welch ein Glück, du würdest Gold mir wie aus vollen Pumpen pumpen,
    Und wir beide, Freund, wir ließen uns von keinem Lumpen lumpen!)
    Mög die Mitwelt deine Bücher, feil zu höchsten Preisen, preisen
    Und auf dich noch späte Nachwelt, als gelehrten Weisen, weisen!

    Man kann nicht übersehen, dass die Verse, holprig schön, ursprünglich an einen männlichen Intellektuellen gerichtet waren. Adressat war Reinhold Köhler (1830–1892), Oberbibliothekar der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar. Der Titel des Gedichts lautet lapidar: An R. K. Zum Geburtstag.

    Der Autor Peter Cornelius (1824–1874) war Komponist und Dichter, ein Neffe des gleichnamigen bekannten Malers. Seine Oper Der Barbier von Bagdad war 1858 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt worden. Diese Vorstellung bildete den Anlass für den Rücktritt Franz Liszts als Leiter der Hofkapelle, weil Gegner Liszts die Aufführung gestört hatten. Über Cornelius fand Köhler Zugang in den Kreis des »Neuweimar-Vereins« und traf dort außer mit Liszt auch mit den Schriftstellern Friedrich Hebbel, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben u.a. zusammen. Der Verein hatte sich eine kulturelle Erneuerung in Frontstellung gegen das »Alt-Weimar« zum Ziel gesetzt.

    Cornelius war immer in Geldnot, aus der ihm Köhler gelegentlich heraushalf. Darauf spielt der Ausdruck »pumpen« im Vers 9 an. Der Angesprochene hatte allerdings von seinem nicht üppigen Gehalt auch seine beiden älteren Schwestern mitzuversorgen, mit denen er, der Junggeselle, in einer Mietwohnung am Weimarer Graben Nr. 33 zusammenlebte. Köhler war zunächst Bibliothekar, ab 1882 Direktor der Großherzoglichen Bibliothek, der Vorläuferin der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. 1864 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Vor allem war Köhler, der »Ruhmesreiche«, ein europaweit bekannter Volkskundler und Märchenforscher, der zahllose wissenschaftliche Publikationen verfasst hatte.

    Das spektakulärste Ereignis in Köhlers ereignisarmem Leben war das Unglück, das zu seinem Tode führte. »Am 11. Oktober 1890, also noch keine vierzehn Tage nach seiner Ankunft,« berichtet Jutta Hecker in ihrem Buch Rudolf Steiner in Weimar, »ging Steiner vom Schloss den kurzen Weg in die Bibliothek hinüber, um sich ein Buch auszuleihen, das Goethe für seine botanische Arbeit einmal benutzt hatte. Selten gefordert, stand es in der oberen Etage ganz hoch in einem Regal. Der hilfreich zuvorkommende Köhler machte sich sofort selber auf, obwohl eigentlich ein Gehilfe dafür zur Verfügung stand, dieses Buch herbeizuholen, damit Steiner es gleich mitnehmen könne. Steiner wartete, und als Köhler nach überlanger Zeit nicht zurückkehrte, ging man nachzusehen und fand ihn mit gebrochenem Bein und schwerem Schock neben der umgestürzten Leiter. Köhler hat sich von diesem Unfall nie wieder erholt und starb nach schmerzhaftem Krankenlager am 15. August 1892.«

    Das Gedicht »An R.K.« wirkt so komisch, weil die einfachen Paarreime (Verse nach dem Reimschema aa bb cc) durch Binnenreime (z.B. »Gleichen gleichen«) in ihrer Wirkung noch einmal verstärkt werden. Eigentlich sind dies gar keine Reime mehr, sondern phonetisch gleiche Wörter, die am Schluss eines Verses doppelt vorkommen. Von ihrer semantischen Bedeutung sind sie teils unterschiedlich (»Weisen, weisen«), teils unterschiedslos (»Herzen, herzen«), haben aber eine unterschiedliche Funktion im Satzgefüge z.B. als Substantiv oder Verb.

    Aus: Thüringer Anthologie. Eine poetische Reise. Hrsg. von Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann. Weimar: Weimarer Verlagsges. 2018, S. 175. € 18

    Michael Knoche

  • 24. Dezember 2018 — Parallelverlage im geteilten Deutschland. Eine Buchbesprechung

    Zwei Fenster

    Die Bibliotheca Teubneriana, die berühmte Reihe mit verlässlichen Texten antiker Autoren, wurde seit 1850 bei B. G. Teubner publiziert. In der Zeit der deutschen Teilung gab es zwei Teubner-Verlage, in Leipzig und in Stuttgart. Beide betrachten sich als einzig legitime Nachfolgerin des Traditionsverlags und wollten die Reihe in eigener Regie weiter herausgeben. Auf eine gemeinsame Fortführung konnte man sich nicht einigen. Zur Verwirrung der Kunden und des Buchhandels erschienen Neuauflagen und Nachdrucke vergriffener älterer Ausgaben ab 1958 nicht nur in Leipzig, sondern auch in Stuttgart, wobei sich das Stuttgarter Haus den Hinweis erlaubte, dass man hier auch die Leipziger Ausgaben beziehen könne.

    Das Buch von Anna-Maria Seemann Parallelverlage im geteilten Deutschland. Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage, Berlin 2017 untersucht das Phänomen systematisch und zeichnet die Entwicklung der Verlage bis in die frühen sechziger Jahre hinein nach. Unter dem Begriff »Parallelverlage« werden Unternehmen verstanden, die ihren Sitz ursprünglich auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR hatten und die in den westlichen Zonen bzw. der Bundesrepublik Deutschland Zweigstellen gründeten oder ihren Sitz dorthin verlagerten, wobei der Betrieb am alten Standort weiterexistierte. Dies betraf mehr als 30 Firmen.

    Die Autorin wählt für ihre Erlanger Dissertation die acht Wissenschaftsverlage aus, die hauptsächlich auf den Gebieten Naturwissenschaften, Technik und/​oder Medizin tätig waren: die Akademische Verlagsgesellschaft (Geest & Portig) in Leipzig, Johann Ambrosius Barth in Leipzig, Gustav Fischer in Jena, S. Hirzel in Leipzig, Carl Marhold in Halle/​S., Theodor Steinkopff in Dresden, B. G. Teubner und Georg Thieme (beide in Leipzig). Zum Teil hatten diese Verlage auch geisteswissenschaftliche und andere Literatur im Programm.

    Die acht wissenschaftlichen Parallelverlage werden in knappen Einzelporträts vorgestellt. Der einzige Verleger aus diesem Kreis, der mit seiner Familie in dem legendären Autobus saß, den die Amerikaner am 12. Juni 1945 von Leipzig nach Wiesbaden schickten, um ausgewählten Buchproduzenten Schutz vor den Russen und bessere Arbeitsmöglichkeiten in der Amerikanischen Besatzungszone anzubieten, war der Thieme-Chef Bruno Hauff. Von Wiesbaden zog er einige Monate später nach Stuttgart weiter, wo sich bald ein neues Buchhandelszentrum bildete. Das Hauptinteresse der anderen ostdeutschen Verleger konzentrierte sich zunächst darauf, die Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) zur Weiterarbeit vor Ort zu bekommen. Die Einzellizenzen wurden zwischen August 1946 und Juni 1947 erteilt – allerdings nicht dem Verlag Georg Thieme, der unter Treuhandschaft gestellt wurde.

    Ausschlaggebend für die Gründung eines westdeutschen Standortes war nicht etwa, dass der Verlag im Osten enteignet worden wäre. Die Enteignung war allenfalls eine Folge, nicht die Ursache für die Verlagerung. Vielmehr waren die Zweigstellengründungen eine Reaktion auf die Unsicherheit bezüglich der weiteren politischen und verlagspolitischen Entwicklungen. »In Volkseigentum überführt« wurden Anfang der fünfziger Jahre von den untersuchten Verlagen nur Thieme, Marhold und Fischer. Bei weiteren drei Verlagen erfolgte im weiteren Verlauf eine staatliche Beteiligung (Teubner, Akademische Verlagsgesellschaft und Hirzel). Steinkopff wurde 1978 aufgelöst, Barth blieb formal ein Privatunternehmen.

    Die Autorin untersucht auch die Strategien, mit denen die Verlage versucht haben, die Konflikte zu lösen. Das Handeln war eben auch sehr stark von den internen Gegebenheiten der Firma und der Persönlichkeit des Verlegers bestimmt. In einigen Fällen suchten die Beteiligten die Verständigung. So gab es zwischen dem enteigneten Verlag Gustav Fischer Jena und Gustav Fischer Stuttgart Absprachen über Lizenzen und Gemeinschaftsauflagen. Auch bei Barth und Steinkopff herrschte über viele Jahre ein kooperatives Verhältnis. In anderen Fällen (beispielsweise B. G. Teubner) kam es zur scharfen Konfrontation mit (fruchtlosen) gerichtlichen Auseinandersetzungen und dem Versuch, die Einfuhr umstrittener Titel aus der DDR in die Bundesrepublik zu verhindern oder wenigstens über Stuttgart zu steuern. Gleichwohl: So, wie die beiden deutschen Staaten die Legitimität des jeweils anderen leugneten und doch zusammenarbeiteten, lässt sich an den Parallelverlage studieren, dass sie selbst in den heißen Phasen der Auseinandersetzung die Verbindung zueinander nicht abgebrochen hatten – zum Teil aus politisch-ideologischem Interesse (Vision Wiedervereinigung), zum Teil aus ökonomischen Gründen.

    Insgesamt kann Anna-Maria Seemann die Vorstellung von zwei voneinander abgeschotteten Buchmärkten, die den Regeln des Kalten Krieges unterworfen wären, aufbrechen und zeigen, wie vielfältig die Beziehungen zwischen den Verlagen in Ost und West tatsächlich waren. Sie präsentiert zahllose neue Fakten, die nicht nur für die einzelne Firmengeschichte relevant sind, sondern zum besseren Verständnis der Wirtschafts-, Buchhandels- und Wissenschaftsgeschichte der Zeit beitragen.

    Anna-Maria Seemann: Parallelverlage im geteilten Deutschland. Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage. Berlin: deGruyter Saur 2017. 595 S. Preis 99.95 € (Schriftmedien – Kommunikations- und buchwissenschaftliche Perspektiven. Band 6)

    Ungekürzte Fassung der Besprechung in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 170 (2018) 255. Bd., S. 400–403.

    Michael Knoche

  • 17. Dezember 2018 — Warum wollen Bibliotheken sich nicht mehr Bibliotheken nennen? 2. Folge

    Scheres-Zieritzsche Bibliothek, eine Sondersammlung der Landesbibliothek Coburg

    Das Blog vom 3.12.2018 »Warum wollen sich Bibliotheken nicht mehr Bibliotheken nennen?« hat ein überraschend breites Echo gehabt. U.a. lief eine Korrekturmeldung aus Cottbus ein, und am Fachbereich Archiv- und Bibliothekswesen Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern wurde eine Online-Umfrage gestartet.

    Die »Lesewolke« aus Cottbus stellt klar:
    »Ich glaube, die Darstellung, dass sich Bibliotheken umbenennen, weil sie selbst den Begriff nicht mehr mögen, ist nicht so ganz richtig. Dazu eine kleine Erläuterung am Beispiel der Universitätsbibliothek der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Die Bibliothek gibt es nach wie vor und zwar auch unter dieser Bezeichnung. Strukturell gehört sie zum Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum. Das gilt auch für das Multimediazentrum (erstellen/​bearbeiten Fotos/​Videos für die gesamte Uni, koordinieren den Internetauftritt und sind für das E-Learning verantwortlich). Der IT-Service (Netze, Server, Hard- und Software) ist ebenfalls ein Teil des IKMZ. Für Verwirrung sorgt manchmal die Bezeichnung IKMZ für das Gebäude am Zentralcampus Cottbus. Ist das nun DIE Bibliothek? Wer das Gebäude besucht, wird es vielleicht so sehen, denn sie nimmt den größten Bereich ein. Das Multimediazentrum sitzt auf einer öffentlich nichtzugänglichen Etage. Die IKMZ-Leiterin hat ihr Büro im IKMZ-Gebäude. Gemeinsam nutzen wir die Beratungs- und Schulungsräume. Warum man es in den 90er Jahren so entschieden hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es heißt, dass erst das (zu dieser Zeit) innovativ klingende Konzept endlich zur Genehmigung des notwendigen Neubaus führte. Es gibt übrigens noch ein Beispiel in Cottbus. Die Stadt- und Regionalbibliothek und die Volkshochschule bilden gemeinsam das »Lernzentrum Cottbus«. Kurz: Neue Bezeichnungen bilden eher Strukturen ab. Wenn man ein Medienzentrum der Bibliothek zuordnet, wird es dann wahrscheinlich zur Abteilung Medienzentrum innerhalb der Bibliothek. Ansonsten vermute ich, dass es sich meistens um das Geld dreht. Geldgeber müssen überzeugt werden, und zwar vor allem solche Menschen, die selbst keine Bibliotheken (mehr) nutzen, sondern die Einrichtung eher mit Kindheits- und Studienerinnerungen verbinden.«

    Die Münchener Online-Umfrage wird folgendermaßen eingeführt:

    »Ein neuer Trend im Bibliothekswesen ist der, dass manche Bibliotheken nicht mehr Bibliothek genannt werden wollen – beispielsweise heißt die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin offiziell ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften. Doch wieso ist das so? Mit dieser Fragestellung hat sich auch der Bibliothekar Michael Knoche auf seinem Blog auseinandergesetzt: Ein Argument für eine Umbenennung liegt auf der Hand – Bibliotheken sind heutzutage weit mehr als die »Bücheraufbewahrungsstätten«, für die sie früher oft gehalten wurden. Elektronische Medien, Datenbanken, Informationskompetenz, und so weiter. All das ist vom aktuellen Erscheinungsbild der Bibliotheken nicht mehr wegzudenken. Doch rechtfertigt dieser Gesichtspunkt alleine eine Umbenennungswelle? Das Problem liegt nicht an der Wandlung der Aufgaben einer Bibliothek, sondern viel mehr am Image, das sich immer noch als leicht angestaubt zusammenfassen lässt. Es soll nicht darum gehen, krampfhaft einen neuen Begriff zu definieren, um Bibliotheken attraktiver zu machen – sie sind es schon, und genau das muss man den Leuten bewusst machen! Doch jetzt seid Ihr gefragt – Seht Ihr den Umbenennungstrend positiv oder nicht?«

    Die überwältigende Beteiligung von 20 Abstimmenden hat folgendes Zwischenergebnis:

    • Ja, denn zu einer Bibliothek gehört viel mehr als nur Bücher! 3
    • Nein, der Begriff passt, das Image ist das Problem! 13
    • Jede Bibliothek soll das selbst entscheiden! 4

    »Luis« kommentiert die Umfrage:

    »… Eine Namensänderung bringt nichts, wenn sich die Bibliothek, die Arbeit und Motivation dahinter nicht ändern. Dann ist das wie eine schlechte Neueröffnung, von außen macht alles viel her, aber innen passiert noch immer das gleiche. Also erst Denken und Arbeiten ändern, dann den Namen…? ;) Übrigens kommt Knoche ja dann zu dem Ergebnis, dass man den Namen eben nicht ändern soll, sondern nur das TUN!«

    Aus meiner Sicht besteht in der Tat kein Anlass zur Sorge: Die Begriffe »Veränderung« und »Bibliothek« werden allmählich zu einem Synonym. Wenn in Hochschulen oder Kommunen etwas Neues entstehen soll, ist die Bibliothek gefragt, sagt Konstanze Söllner, die VDB-Vorsitzende zur Eröffnung des Bibliothekartages 2018 sinngemäß. In dieser Situation wäre es verhängnisvoll, den Marke »Bibliothek« aufzugeben.

    Michael Knoche

  • 10. Dezember 2018 — Was ist nicht bestellbar? E-Books

    Studenten beim Lernen

    So heißt es kurz und knapp auf der Website der Staatsbibliothek zu Berlin, auf der die Wege der Dokumentenbeschaffung aus anderen Bibliotheken (Fernleihe) erläutert werden. Die UB Heidelberg informiert präziser und verbreitet ein klein wenig mehr Hoffnung: »Vollständige E-Books können (noch) nicht geliefert werden. Eventuell ist eine Kapitel- oder Aufsatzlieferung möglich. Das hängt vom jeweiligen Lizenzvertrag ab.« Offensichtlich auch vom jeweiligen Bibliotheksverbund. Elektronische Medien, für die Bibliotheken in der Regel nur begrenzte Nutzungsrechte für ihre eigenen Benutzer erwerben, sind die Stiefkinder der überregionalen Literaturversorgung.

    Bibliotheken gehen immer mehr dazu über, ausschließlich digitale Ausgaben zu erwerben, obschon zumindest in den Kultur- und Geisteswissenschaften fast immer auch parallele Printausgaben angeboten werden. Dadurch bekommt das Netz, das Bibliotheken bisher geknüpft haben, um ihren Nutzern nicht nur den eigenen Bestand, sondern das ganze Literaturreservoir der Republik zugänglich zu machen, immer größere Lücken. Ein theologisches Buch der Oxford University Press etwa steht nur der eigenen Fakultät zur Verfügung und kann den Forschern der Nachbaruniversität nicht freigeschaltet werden. Bibliotheksreisen wie im 18. Jahrhundert sind die einzige Alternative.

    Die DFG mit ihrer e-only-Politik für die neuen Fachinformationsdienste trägt das ihre zur Netzschwächung bei, obwohl gerade sie das Prinzip der Subsidiarität der Bibliotheken immer gefördert hat. Zwei DFG-Anträge der Bayerischen Staatsbibliothek mit dem Ziel, Verfahren zu entwickeln, um E-Books in die deutsche Fernleihinfrastruktur zu integrieren, wurden in den letzten Jahren abgelehnt. Mittlerweile versuchen die Bibliotheksverbünde, insbesondere in Bayern und Südwestdeutschland, eigene Lösungen zu entwickeln. Seit etwa drei Jahren werden für bayerische wissenschaftliche Bibliotheken bestimmte E-Book-Pakete freigeschaltet, die eine entsprechende Klausel in den Lizenzverträgen enthalten. Man kann nur hoffen, dass die anderen Bibliotheksverbünde bald nachziehen.

    Jenseits der Fernleihproblematik ist zu fragen, ob die deutschen Bibliotheken genug dafür tun, damit ihre E-Ressourcen einem möglichst breiten Benutzerkreis auch außerhalb der eigenen Hochschule zur Verfügung stehen. Immerhin: Die Zentralbibliothek für Medizin in Köln stellt elektronische Fachliteratur für registrierte Nutzer per Fernzugriff bereit. Sehr elegant die Lösung der Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich: Dort können sich registrierte externe Bibliotheksnutzer aus der ganzen Schweiz, die keine Angehörigen der Hochschule sind und wissenschaftliche E-Books elektronisch ausleihen wollen, ein Angebot von mehr als 67.000 Büchern freischalten lassen. Zurzeit ermöglichen die Verlage de Gruyter, Emerald, Morgan & Claypool, Springer und World Scientific die Ausleihe ihrer E-Books. Das Angebot soll ausgebaut werden.

    Der Fernzugriff auf elektronische Medien wird eine entscheidende Frage für die strategische Position der Bibliotheken sein.

    Michael Knoche