Candy Welz · Knoche 2016

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Aktuelle Einträge

  • 27. August 2018 — Wenn alles im Digitalen verschwimmt

    In der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

    Während früher ein gedrucktes Buch, eine Urkunde oder eine Akte jahrhundertelang unverändert Auskunft über einen bestimmten Wissensstand geben konnten, ist die Belegbarkeit des Wissens im digitalen Kontext zu einem fast unlösbaren Problem geworden. Digitale Quellen sind nicht dauerhaft erreichbar – und wenn sie es sind, sind sie nicht unbedingt authentisch, sondern können auch manipuliert sein. Dem System Wissenschaft, das zunehmend auf Digitalität setzt, droht ein verhängnisvoller Kontrollverlust.

    Digitale Objekte sind leicht zu verändern, permanent zu aktualisieren, ja geradezu fluid. Manchmal handelt es sich um laufend aktualisierte Textkonglomerate, die gar keine lineare Struktur mehr haben, oder um Medien jenseits des klassischen Publikationsbegriffs, in die auch Bildergalerien, Video- und Audio-Files integriert sind. Die elektronischen Distributionswege haben außerdem dazu geführt, dass die wissenschaftlichen Verlage zumindest im Bereich Naturwissenschaft, Technik und Medizin ihre E-Journals und E-Books nicht mehr verkaufen, sondern nur noch lizenzieren. Die Bibliotheken erwerben also nur ein begrenztes Zugriffsrecht und stellen diese Zugänge ihren Nutzern zeitlich befristet zur Verfügung. Die Dateien bleiben Eigentum der Verlage.

    Die Bibliotheken in Deutschland untersuchen zur Zeit verschiedene Lösungsmodelle für eine zentrale Speicherung elektronischer Ressourcen (»Hosting«). Es geht darum, einen stabilen Zugriff auf sämtliche lizenzierte und lizenzfreie digitale Publikationen in Deutschland zu gewährleisten. In den USA gibt es die Agentur Portico, die das ansatzweise leistet und sich aus Gebühren von Verlagen und Bibliotheken finanziert. Die von Verlagen zugelieferten elektronischen Dokumente werden gespeichert und können im Notfall von den Bibliotheken abgerufen werden. Aber Portico ist nicht das Ei des Kolumbus. Die Server stehen in einem Land, das den Datenschutz weniger ernst nimmt als Deutschland. Vor allem: Das System sichert nur die Mainstream-Dokumente der großen Verlage, die sich dem Unternehmen angeschlossen haben.

    Wenn sich die deutschen Bibliotheken über ein Konsortium an Portico beteiligen, wie dies jetzt wahrscheinlich ist, müssen sie auch Vorkehrungen für die Publikationen schaffen, die von dieser Agentur nicht abgedeckt sind. Daher wird zusätzlich ein anderes Hostingmodell geprüft: Bei LOCKSS handelt es sich um eine Open Source Technologie zur Speicherung von Objekten auf verschiedenen Festplatten, die weltweit verteilt sind, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren. So können z.B. Zeitschriften kontinuierlich mit den Servern der Mitgliedsbibliotheken auf Authentizität abgeglichen werden. Ziel ist der Aufbau eines nationalen Netzwerks in Deutschland, um insbesondere die Produkte kleinerer Verlage und von Open Access Publikationen abzusichern. Bis dahin wird es aber noch eine Zeit dauern.

    Die große Crux beider Modelle ist: Eine umfassende Langzeitarchivierung ist damit nicht verbunden. Langzeitarchivierung bedeutet, dass Dateiinhalte in ihrer originalen Nutzungsumgebung authentisch verfügbar gehalten werden. Das ist eine vertrackte Sache, weil die Betriebssysteme ebenso veralten wie die Hard- und Software. Die Langzeitarchivierung ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein organisatorisches und finanzielles Problem. Der amerikanische Experte für Langzeiterhaltung Jeff Rothenberg charakterisiert die Lage sarkastisch: »Digital documents last forever – or five years, whichever comes first.«

    In immer kürzeren Abständen müssen die Speicherkonzepte für die Langzeitsicherung überprüft und angepasst werden. Die besten Repositorien streben eine Aufbewahrungsperspektive von fünfundzwanzig Jahren an, aber ohne Gewähr. Im Kompetenznetzwerk Nestor arbeiten Bibliotheken, Archive, Museen sowie führende Experten gemeinsam am Thema Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Quellen. Aber eine ausgereifte und von den Bibliotheken gut nachnutzbare Lösung steht noch aus.

    Die gedruckten Medien garantieren die Überlieferung vorläufig noch besser als die digitalen. Papier lässt sich im Zweifel kostengünstiger und einfacher restaurieren, als bits and bytes haltbar zu machen. Aber an dem Versuch und entsprechenden Pilotprojekten führt kein Weg vorbei. Das ungelöste Thema brennt den Bibliothekaren auf den Nägeln und wird sie in den nächsten Jahren immer stärker beschäftigen. Noch völlig offen ist derzeit, welche Instanz die dafür nötigen finanziellen Mittel bereitstellt, jenseits befristeter Projekte.

    Es ist Sache der Bibliotheken, in den Fluss des Wissens immer wieder Staustufen einzubauen, damit sein Stand verlässlich und dauerhaft referenziert werden kann. Heute sind sie unverdrossen dabei, die Probleme der im Netz bereitgestellten Publikationen pragmatisch anzugehen – sie zu lösen, davon kann nicht die Rede sein. Die Wissenschaft braucht ein ausreichend vielfältiges Angebot und die größtmögliche Stabilität für wissenschaftliche Publikationen auch im digitalen Zeitalter.

    Am 26. August 2018 fand auf dem Erlanger Poetenfest eine Diskussion zum Thema statt. Unter der Leitung von Florian Felix Weyh diskutierten Peter Glaser, Christoph Kappes und Michael Knoche.

    Michael Knoche

  • 20. August 2018 — Thüringer Literaturlandschaft

    Schloss Kromsdorf mit Büsten im Garten (hier Skanderbeg?)

    Angenommen, Herr K. muss zum Urologen, kommt ins Wartezimmer und stellt fest, da sitzen schon zwölf Patienten. Wenn Herr K. dann noch merkt, dass er vergessen hat, sich für die Wartezeit eine vernünftige Lektüre einzustecken, droht eine ernsthafte Krise. Doch es gibt einen letzten Ausweg für den modernen Menschen: Er kann mit seinem Handy oder Tablet spielen. In dieser Situation empfehle ich, einmal die Website des Literaturlandes Thüringen aufzurufen. Man vergisst sofort seine Niere, das Wartezimmer, die Zeit.

    Literaturland? Der Begriff wird hier wörtlich genommen, denn alle Informationen sind auf einer Landkarte geographisch verortet. Man kann sich also statt für einzelne Themen gleich für einen bestimmten Ort mit seinen literarischen Bezügen interessieren. Bei Weimar ist das sinnlos, denn hier ballen sich die Informationen so zusammen, dass man den Überblick verliert. Aber im Fall von Kromsdorf ist es schon sehr aufschlussreich sich anzuschauen, warum diese kleine Gemeinde ein Literaturort sein soll. Da liest man dann etwas über einen gewissen Gaspard Corneille Mortaigne de Potelles (1609–47), einem Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, und seinem Sohn Johann Theodor, der den Schlossgarten mit 64 Büsten berühmter Personen der Weltgeschichte ausgestattet hat (32 aus dem Orient, 32 aus dem Okzident). In der Erzählung »Die Großfürstin und der Rebell« (2002) von Albrecht Börner gehört der Park zu den Schauplätzen. Aha.

    Geographisch gegliedert sind außerdem die Spezialseiten zu Dichtergräbern in Thüringen, zu Literarischen Denkmalen, zu Museen und Gedenkstätten und zu zwei Friedhöfen, die im Hinblick auf tote Dichter so ergiebig sind, dass sie einzeln vorgestellt werden müssen: Der Historische Friedhof Weimar und der Nordfriedhof Jena. Wer also vergessen haben sollte, wo genau Christian August Vulpius begraben ist, findet hier rasche Belehrung.

    Noch interessanter als der Einstieg über die Orte ist der Einstieg über Themen. Hier weiß man gar nicht, wo man anfangen soll: Bei der Reihe Gelesen & Wiedergelesen vielleicht? Dort finden sich Rezensionen zu aktuellen Titeln und klassischen Texten aus und über Thüringen. Auf der Seite Thüringen im literarischen Spiegel liest man, was Wilhelm von Kügelgen auf dem Weg nach Hummelshain so alles erlebt hat, wo Hans Fallada die Sense schwang und andere literarische Kabinettstückchen. Buchhändlerinnen und Buchhändler im Gespräch erlaubt Einblicke in die aktuelle Situation der Literaturvermittlungsarbeit in der Provinz.

    In verschiedenen Epochenschnitten werden Einzelaspekte der Thüringer Literaturgeschichte beleuchtet. Dort kann man über Gabriele Reuter in Weimar lesen (Annette Seemann), Jakob van Hoddis in Thüringen (Wulf Kirsten), Pier Paolo Pasolinis Besuch der »Weimar-Festspiele der deutschen Jugend« 1941 (Wolfgang Haak) oder über Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz (Volker Hanisch). An die exzellent recherchierten Informationen, die oft nur an dieser Stelle publiziert sind, schließt sich ein Spaziergang an die jeweiligen Schauplätze an.

    Auf der Seite Literatur und Wandern sind zehn Texte von Schriftstellern aus dem Jahr 2017 versammelt. Jan Röhnert ist z.B. die 40 km von Weimar nach Rudolstadt abgelaufen – »Unterwegs über Großkochberg, mit Goethe ohne Charlotte«.

    Die Rubrik Nachrufe & Gedenken enthält u.a. bewegende Erinnerungen an den vor ein paar Monaten verstorbenen Hans Arnfrid Astel von Christoph Schmitz-Scholemann, der den Dichterkollegen einmal im Omnibus auf der Fahrt nach Rudolstadt (schon wieder! ein sehr literarischer Ort!) kennengelernt hat. Von Astel, der in Weimar aufgewachsen ist, stammt das unvergessliche Gedicht:

    Die Amsel fliegt auf.
    Der Zweig winkt ihr nach.

    Neben dem nützlichen und gut gepflegten Veranstaltungskalender (samt Archiv) stellt die Personensuche die vierte Großrubrik dar. Hier können 400 Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart, die etwas mit Thüringens Literatur zu tun haben, aufgerufen werden. Mit den bio-bibliographischen Angaben verbunden sind oft Originaltexte der Autoren, wie etwa Peter Gülkes Liebeserklärung »Auf Weimarer Parkwegen«.

    Trotzdem findet man hier nicht alle Thüringer Gegenwartsautoren. Das Autorenlexikon auf der Seite des Thüringer Literaturrates scheint kompletter zu sein. Dort entdeckt man auch die wunderbare Audiobibliothek, eine allmählich wachsende Anthologie zeitgenössischer Lyrik und Prosa aus Thüringen, gesprochen von den Schriftstellern selber. Sie würde auch auf die Seite der Thüringer Literaturandschaft passen.

    Beide Websites werden vom Thüringer Literaturrat e.V. betrieben, dessen Vorsitzender Christoph Schmitz-Scholemann ist. Derjenige, der die Seiten mit Inhalt füllt, ist Jens Kirsten, den man dafür nicht genug loben und preisen kann. Die Seite des Literaturlandes Thüringen ist sensationell gut gemacht und steht auch im bundesweiten Vergleich an der Spitze. Die Wartezeit beim Urologen kann gar nicht lang genug sein.

    http:/​/​www.literaturland-thueringen.de/​

    Michael Knoche

  • 13. August 2018 — Sechs Fragen, sechs Antworten

    Biblioteca Casanatense, Rom

    Herr Knoche, historisch gesehen waren Bibliotheken immer dafür zuständig, Wissen zu sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute macht das Internet der Öffentlichkeit Wissen jederzeit und überall zugänglich. Trotzdem stellen Sie in Ihrem Buch die These auf, dass die Idee der Bibliothek nach wie vor unbedingt notwendig sei. Warum braucht es aus Ihrer Sicht auch in der Zukunft weiterhin analoge Bibliotheken?

    Internet und Bibliothek sind kein Gegensatz. Wenn man schnell Auskunft über bestimmte Fakten braucht, ist das Internet das geeignete Medium. Aber vieles gibt es gar nicht digital, oder es gab es mal und ist wieder verschwunden, anderes ist hinter Bezahlschranken versteckt. Daher braucht es Bibliotheken. Sie stellen das gesamte Spektrum an Medien bereit: Bücher, elektronische Zeitschriften, Musiknoten, Bildbände und Datenbanken, kurzum: alles von Relevanz für Wissenschaft, Bildung und demokratische Öffentlichkeit. Bibliotheken als physische Orte bieten einen geordneten Überblick über dieses Spektrum, Beratung, Möglichkeiten zur Interaktion mit anderen, Inspiration.

    Geschichte und Diskurse finden aber heute zusehends in sozialen Netzwerken statt, auch weltgeschichtlich relevante Ankündigungen – dafür reicht ein Blick in den Twitter-Account von Donald Trump. Wäre es nicht die Aufgabe von Bibliotheken, diese für die Recherche und die Nachwelt bereitzustellen, auch analog?

    Wenn die Bibliotheken damit anfingen, auch die Kommunikation der Menschen zu dokumentieren, würden sie ihren Zweck verfehlen. Sie sind ja keine gewaltigen Spiegelbilder unseres alltäglichen Lebensvollzugs. Bibliotheken konzentrieren sich auf Wissen, das einen gewissen Reifegrad erreicht hat und z.B. in Buchform oder in seriösen elektronischen Quellen vorliegt. Ihr Objekt ist die Publikation, nicht die Kommunikation. Übrigens werden die Twitter-Meldungen von Donald Trump von den National Archives and Records Administration, Washington D.C., gespeichert.

    In Ihrem Buch formulieren Sie die These, dass die Idee der Bibliothek durch die elektronischen Medien nicht gefährdet, sondern – ganz im Gegenteil –, noch machtvoller werde. Inwiefern unterstützen elektronische Medien die Macht der Bibliothek?

    Na ja, Macht ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Aber Bibliotheken besetzen eine Lücke, um die sich sonst niemand kümmert: das Problem der dauerhaften Zugänglichkeit aller Medien, sowohl der gedruckten Überlieferung, als auch der digitalen Publikationen. Jedenfalls interessiert das die Hersteller nur in zweiter Linie. Bibliotheken haben dafür zu sorgen, dass das Wissen umfassend, neutral, verlässlich und weitgehend kostenfrei zugänglich bleibt, auch langfristig. Kann man sich im Ernst eine Gesellschaft vorstellen, zumindest eine, in der man leben möchte, die dies für verzichtbar hält?

    Sollten Bibliotheken sich in Zukunft weiterhin auf Bücher und klassische Print-Datenträger beschränken oder müssen sie, wie beispielweise das Goethe-Institut in Bratislava, neben Büchern auch andere Gegenstände zum Ausleihen bereitstellen, wie z.B. Kinderspielzeug?

    Aber Bibliotheken beschränken sich schon lange nicht mehr auf gedruckte Bücher! Sie ergreifen nicht Partei für das eine und gegen das andere Medium. Sie sollten sich aber auf Medien des Wissens beschränken. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Ansonsten besteht die Gefahr, sich zu verzetteln.

    Blicken wir einmal jenseits der Debatte um die Digitalisierung: Sie plädieren für Bibliotheken in einem System, für eine Vernetzung untereinander. Dies ist mit der Fernleihe aber doch beispielsweise schon gegeben. Was haben die Bibliotheken und deren Nutzer von dem geforderten Bibliothekssystem?

    Keine Bibliothek kann angesichts der Fülle des produzierten Wissens ohne das Netzwerk anderer Bibliotheken auskommen. Wir leben nicht mehr im 18. Jahrhundert, wo man vielleicht noch hoffen konnte, dass eine Bibliothek alle für ein bestimmtes Fachgebiet relevante Publikationen vorrätig hält. Das Wissen ist heute global unterwegs, sodass sich Bibliotheken abstimmen müssen, wer sich um was kümmert. Es fehlt in Deutschland eine kluge Koordinierung durch die Politik. Die Bibliotheken gehören meist den Bundesländern oder den Städten. Im Bund gibt es keine Instanz, die den Anstoß zu gemeinsamer Planung und Zusammenarbeit gibt. So werden die Gemeinschaftsaufgaben vernachlässigt, und eine Arbeitsteilung unter den Bibliotheken findet viel zu wenig statt. Die einzelnen Nutzer würden davon profitieren, wenn die Bibliotheken im System leistungsfähiger würden.

    In der Wirtschaft spricht man gerne von »Best-Practice-Beispielen«, wenn etwas besonders gut und nachahmenswert erscheint. Wie sieht dies in der Bibliothekslandschaft aus: Wer ist da deutschland- und weltweit für Sie ein Musterschüler?

    In Deutschland macht die Bayerische Staatsbibliothek z.B. eine sehr gute Arbeit. International ist die Library of Congress in Washington D.C. vielleicht die stärkste Bibliothek. Aber nicht nur die ganz Großen, auch die innovativen spezialisierten Bibliotheken sind wichtig. Wenn man mir den Hinweis in (ehemals) eigener Sache nicht übelnimmt: Ich finde, dass auch die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar beachtenswert ist. Mein Tipp: Gehen Sie in jede Bibliothek hinein, die Ihnen in die Quere kommt und interessant erscheint. Bibliotheken sind öffentlich. Schauen Sie sich um! Wenn Sie lange keine Bibliothek mehr von innen gesehen haben, werden Sie staunen, wie sehr sich Bibliotheken gewandelt haben und was sie alles zu bieten haben.

    Die Fragen stellte Franziska Sieb für das Murmann-Magazin

    Michael Knoche

  • 06. August 2018 — Immer wach – die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

    ULB Darmstadt (neues Zentralgebäude)

    Die Öffnungszeiten der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt (ULB) kann man sich leicht merken: Immer. Jedenfalls in sechs Monaten des Jahres. Da gibt es keine Schließzeit, auch nicht an Sonn- und Feiertagen. In den anderen sechs Monaten schon: Da ist um 1.00 Uhr Schluss mit Lesen. Das hängt mit den Prüfungs- und Examensvorbereitungszeiten zusammen. Aber jetzt, im August, kann man um 4.00 Uhr morgens in der Bibliothek schon mal 50 unermüdliche Leser an den insgesamt 850 Leseplätzen antreffen.

    Ungewöhnlich: Man darf auch Wasserflaschen, Mäntel und Taschen (und in den Taschen vielleicht ein Kopfkissen?) mit in die Lesebereiche nehmen – im Vertrauen auf die metallenen Sicherheitsstreifen, mit denen die Bücher ausgerüstet sind und die bei dem Versuch einer Entführung manchmal Alarm auslösen. Man kann aber um Mitternacht auch ganz legal ein Buch ausleihen, weil es Selbstverbuchungsautomaten gibt.

    Die Bibliothek ist so gut besucht, dass das Haus gelegentlich wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Aber nicht immer sitzen alle Leser an den Plätzen, die sie mit ihren persönlichen Unterlagen belegt haben. Manchmal geht es zu, wie am Strand: Erst mal wird ein großes Handtuch ausgebreitet, dann geht man in Ruhe ein Eis essen. In Darmstadt und an anderen Bibliotheken wurden daher Pausenscheiben eingeführt. Sie sehen aus wie Parkscheiben und funktionieren auch so. Wer eine Pausenscheibe aufstellt, wenn er den Platz verlässt, ist für eine kleine Weile sicher: »Die Pausenzeit beträgt zwischen 12:00 Uhr und 14:00 Uhr 60 Minuten, zu anderen Zeiten 30 Minuten.« Ist die Frist abgelaufen, muss man damit rechnen, dass ein anderer Leser die eigenen Sachen beiseiteschieben darf und sich am Leseplatz einrichtet.

    Die Anmeldung als Leser ist bemerkenswert einfach. Ausleihberechtigt sind alle Personen ab 15 Jahren, die in Deutschland für die Dauer von mindestens drei Monaten wohnen, arbeiten oder studieren. Externe Nutzer brauchen nur ihren Personalausweis und ein Lichtbild vorzulegen und werden ohne weitere Gebühren zugelassen. Dann können sie auf die etwa 1 Million Bände im Freihandbereich direkt zugreifen oder Bestellungen auf 1,4 Millionen Bände im geschlossenen Magazin abgeben. Insgesamt werden im Bibliothekssystem mehr als 4 Mio. Bücher, Zeitschriften und elektronische Ressourcen angeboten. Überall im Haus sind hochwertige Auflichtscanner aufgestellt, an denen man Dokumente oder Teile von Publikationen selbst kopieren und auf einem USB-Stick speichern kann. Das kostet nichts.

    Das Gebäude in der Magdalenenstrasse 8, die ULB Stadtmitte, wurde entworfen vom Architekturbüro Bär, Stadelmann und Stöcker aus Nürnberg und 2013 bezogen. Im selben Jahr wurde – eine logistische Meisterleistung – auch auf dem Campus Lichtwiese eine neue Bibliothek eröffnet, in der die Bestände von zehn Institutsbibliotheken zusammengeführt wurden. Das vom Frankfurter Architekturbüro Ferdinand Heide errichtete Campus-Gebäude mit 300 Leseplätzen ist architektonisch vielleicht noch gelungener als das zentrale Bauwerk, das jedoch alle Bibliotheksfunktionen übersichtlich darbietet.

    Die ULB hat eine lange Vorgeschichte als Privatbibliothek der hessischen Landgrafen und feierte im vergangenen Jahr ihr 450jähriges Jubiläum. Sie wurde aber erst 1817 für das Darmstädter Publikum geöffnet, deutlich später als andere Fürstenbibliotheken der Zeit. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte sie zu den größten und bedeutendsten Landesbibliotheken in Deutschland. Nach schweren Kriegsverlusten (400.000 von 720.000 Bände) wurde sie 1948 mit der Bibliothek der Technischen Hochschule vereinigt und ist heute eine zentrale Einrichtung der Technischen Universität Darmstadt.

    Seit einem Dreivierteljahr leitet Thomas Stäcker (früher: Wolfenbüttel) die Bibliothek. Er hat viele Pläne für ein Haus, das in den letzten Jahren darauf konzentriert war, sich räumlich völlig neu zu organisieren. Das betrifft Themen wie Open Access (auch im Hinblick auf die dauerhafte Bereitstellung), Forschungsdaten, digitale Angebote für Studierende (e-Learning, Semesterapparate), Katalogkonversion (die Bibliotheksbestände vor 1986 sind noch nicht im OPAC zu finden) sowie Erhaltung, Vermehrung und Sichtbarkeit der sehr beachtenswerten historischen Buchbestände. Drittmittelprojekte sollen ausgebaut und vielleicht eine eigene Organisationseinheit »Forschung und Entwicklung« nach dem Vorbild der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen eingerichtet werden.

    https:/​/​www.ulb.tu-darmstadt.de/​service/​start/​index.de.jsp

    Michael Knoche

  • 30. Juli 2018 — 15 Jahre mit Freunden – die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek

    Der aktuelle GAAB-Vorstand mit  (von links) Petra Seelig, Dr. Annette Seemann, Wolfgang Haak, Maria Socolowsky

    Wenn die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V. in diesem Jahr ihr 15jähriges Bestehen begeht, kann man sich mit Recht fragen, warum wird eigentlich nicht schon das 25. Gründungsjahr gefeiert? Wäre ein Freundeskreis für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek nicht etwa schon kurz nach der Wende dringend erforderlich gewesen?

    In der Tat hätte Herzogin Anna Amalia Bibliothek schon 1993 die Unterstützung von engagierten Privatleuten dringend gebraucht, ideell und materiell. Es war das Jahr, in dem der japanische Tenno die Bibliothek besuchte, die ersten Computer die Buchbearbeitung erleichterten, das erste Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Katalogisierung der mittelalterlichen lateinischen Handschriften) anlief, die Expressionismus-Sammlung Rothe angeschafft, eine Ausstellung über Bibliothekszensur zur Zeit der DDR gezeigt (»Der rote Punkt«) und Schülerseminare in der Faust-Sammlung durchgeführt wurden. Für die Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit, für wissenschaftliche Projekte oder für die Erwerbung wäre das Engagement von Privatleuten sehr willkommen gewesen.

    Dass die Gründung damals nicht zustande kam, lag daran, dass die Leitung der Stiftung Weimarer Klassik eine andere Position vertrat. Man hegte die Befürchtung, Freundeskreise für einzelne Häuser der Stiftung (Bibliothek, Goethe- und Schiller-Archiv etc.) würden den Zusammenhalt der Stiftung gefährden. Daher sollte ein Freundeskreis für die ganze Stiftung angestrebt werden. Ein solcher kam aber nie zustande. Erst als Hellmut Seemann 2001 die Stiftungsleitung übernahm, wurde diese Selbstblockade aufgelöst. Heute gibt es in der Klassik Stiftung sieben Freundeskreise. Sie ermöglichen allen Interessierten, Anteil zu nehmen und mitzuhelfen, das kulturelle Erbe Weimars für die Zukunft zu erhalten.

    Die Unterstützung der neuen Stiftungsleitung bei der Gründung der Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek im Frühjahr 2003 ging so weit, dass der Vorschlag für den Namen des neuen Vereins von Hellmut Seemann selbst kam. Er sagte, es würden engagierte Bürger gesucht, die sich für die Realisierung der der Ziele der Bibliothek einsetzten. Insofern sei es folgerichtig, wenn sich der Verein einen Namen gäbe, der das Wort »Herzogin« im Bibliotheksnamen durch das Wort »Gesellschaft« ersetze. Das fand im Gründungsvorstand am 15. Mai 2003 ebenso Beifall wie die Bereitschaft von Annette Seemann, die Amtspflichten der Vorsitzenden zu übernehmen.

    Annette Seemann hat dazu in einem Interview rückblickend gesagt: »Ich habe schon damals fast täglich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek gearbeitet. Dass ich dann sogar den Vorsitz übernommen habe, war ein ziemlicher Zufall, zumal ich bis dahin außer in einem Segelclub noch nie Mitglied in irgendeinem Verein war. Diesen Verein zu unterstützen entsprach aber meiner vollkommenen Überzeugung, dass man für diese Bibliothek etwas tun muss.« Heute leitet sie die Geschicke des Freundeskreises seit 15 Jahren.

    In der Pressemitteilung zur ersten Mitgliederversammlung im Herbst 2003 heißt es zu den Aufgaben der neuen Gesellschaft: Die »Bibliothek steht vor großen Aufgaben: Der über Jahrzehnte vernachlässigte unvergleichliche Buchbestand ist nur zu retten, wenn neben die öffentlichen Zuwendungen eine breite private Unterstützung tritt. Auch für den Erwerb kulturhistorisch bedeutender Objekte und die Durchführung wissenschaftlicher und kultureller Veranstaltungen ist die Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf mäzenatische Hilfe angewiesen. Zum Jahresende 2004 ist der Bezug des Erweiterungsgebäudes im Herzen Weimars geplant. Anschließend soll das historische Bibliotheksgebäude mit dem berühmten Rokokosaal saniert werden. Auch bei der Suche nach Geldgebern für dieses große Vorhaben will der Verein Hilfestellung leisten.«

    Kurz darauf aber kam alles ganz anders: Der unvergleichliche Buchbestand ist am 2. September 2004 zum Teil in Flammen aufgegangen. Man darf sich gar nicht vorstellen, wenn es den Verein in dieser Ausnahmesituation nicht schon gegeben hätte. Wer hätte der Bibliothek sonst mit aktiver Hilfe, Organisationsstruktur und Vereinskonto zur Seite stehen können? Die Spendengelder mussten ja nicht nur verbucht werden, sondern die Geber erwarteten auch einen Dank und eine Information über den Stand der Arbeiten. Auf Veranstaltungen, Presseterminen und speziellen Benefizaktionen musste berichtet und um weitere Mittel geworben werden. Schon nach zwei Monaten hatte die Spendensumme, die allein bei der GAAB eingegangen war, die Millionengrenze überschritten. In all diesen Dingen hat der Vorstand – dazu gehörten auch Eberhard Neumeyer, Joachim Rieck und Jörg Teschner – die Bibliothek entscheidend unterstützt.

    Das Aushängeschild und vielgeliebte Schmuckstück des Vereins ist die Zeitschrift Supralibros, deren 21. Heft gerade erschienen ist. Aktuell steht die Organisation und Finanzierung eines neuen Schülerseminars von Weimarer Schülern in der Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek bevor. Auch eine neue Spendenaktion ist geplant. Sie wird sich auf die Visualisierung des Historischen Bibliotheksgebäudes anhand eines Architekturmodells beziehen.

    Neue Freunde sind jederzeit willkommen. Der Jahresbeitrag beläuft sich auf 40 € und bringt eine ganze Reihe Vergünstigungen bei einem Besuch in Weimar sowie eine enge Verbindung zur Bibliothek mit sich. Aber ein Vereinsbeitritt ist in erster Linie ein mäzenatischer Akt. Kein Kulturinstitut kann heute blühen ohne einen Freundeskreis. Schrecklich die Zeit, in der es die Freunde nicht gab!

    www.gaab-weimar.de

    Michael Knoche