Candy Welz · Knoche 2016

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  • 02. Juli 2018 — Thomas Bürger – Auszüge aus einer Laudatio

    Thomas Bürger am 30.9.2016 in Weimar. Foto Candy Welz © Klassik Stiftung Weimar
    Zum Abschied aus dem Amt des Generaldirektors der Sächsischen Landesbibliothek/​Staats- und Universitätsbibliothek Dresden am 2. Juli 2018

    Ich weiß, dass Thomas Bürger Sorge hat, dass heute zu viel von seiner Person die Rede sein werde. Deshalb habe ich mir für die folgenden Ausführungen die allgemeine Fragestellung zu erörtern vorgenommen, welche Eigenschaften ein Bibliothekar eigentlich mitbringen oder allmählich ausbilden muss, um in seinem Amt erfolgreich zu sein. Wenn ich dabei doch an der einen oder anderen Stelle auf die Person Bürgers zurückkommen muss, liegt das in der Natur der Sache. Beginnen wir also die induktive Analyse dieser allgemeinen Fragestellung bei der Berufswahl.

    Nun ja, der Einfachheit halber halten wir uns hier schon an das Beispiel Thomas Bürgers. Er schildert sein Erweckungserlebnis als Bibliothekar so:
    »Als ich Ende 1975 als studentische Hilfskraft zur Vorbereitung der Ausstellung Simplicius Simplicissimus – Grimmelshausen und seine Zeit zeitgenössische Barockliteratur in Wolfenbüttel ermitteln sollte, zeigte mir [Martin Bircher] prompt die Widmungsexemplare der Barockautoren an Herzog August von Braunschweig-Lüneburg, den Patenjungen des Dresdner Kurfürsten August, sämtlich aus dem 17. Jahrhundert, und – als sei das noch nicht eindrucksvoll genug – auch noch die Regale mit Lessings Schriften, auf denen kurioserweise Lessings Spazierstock lag. Dies war für einen an Reclam-Hefte gewöhnten Studenten einer Massenuniversität eine Sternstunde, in der ich mir plötzlich vorstellen konnte, Bibliothekar zu werden – was ich bis dahin für einen unvorstellbar schrecklichen Beruf hielt.«

    2013 sagt Bürger in einem Interview auf die Frage: »Wofür würden Sie Ihren Job an den Nagel hängen?« »Wahrscheinlich für nichts. Die Vielseitigkeit entschädigt für die Anstrengungen.« Was soll dieses »Wahrscheinlich« heißen? Es hört sich befremdlich an, aber man darf es nicht missverstehen. In dem »Wahrscheinlich« klingt keineswegs ein Zweifel an der eigenen Berufung an, sondern nur der intellektuell gebotene Vorbehalt, dass man nie alle Konstellationen der Zukunft vorhersehen kann. Wahrscheinlich wollte sich Thomas Bürger nur die Möglichkeit offenhalten, ggf. auch Late Night Show Master zu werden oder Kurienkardinal, Thomas Kardinal Bürger, wenn das entsprechende Angebot kommt.

    Zum Beruf des Bibliothekars kam Bürger also von den materialbezogenen Fragestellungen seiner literaturgeschichtlichen Studien. Er betrachtete die Bibliothek als Instrument, um seine wissenschaftlichen Fragen beantworten zu können. Kein Wunder, dass seine erste Anstellung an einer Forschungsbibliothek und nicht an einer Universitätsbibliothek erfolgte, und zwar zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, erst später als wissenschaftlicher Bibliothekar. An der Herzog August Bibliothek hat er sich am 46bändigen Katalog der Deutschen Drucke des Barock beteiligt und mit dem legendären Martin Bircher so manches andere schöne Projekt ausgeheckt. Doch in Wolfenbüttel hatte er gar nicht viel Zeit für seine germanistischen Forschungsinteressen.

    Sein literaturwissenschaftliches Interesse gab seinem bibliothekarischen Tun von Anfang an eine klare Ausrichtung. Er litt ja nicht unter irgendeinem Ordnungszwang, den er ausleben musste und dessen Bibliothekare früher gerne verdächtigt wurden. Vielmehr wollte er etwas mit der Bibliothek erreichen. Als erste wesentliche Voraussetzung für ein erfolgreiches Wirken als Bibliothekar kann also festgehalten werden: Man braucht eine klare Vorstellung davon, was die Bibliothek können soll und was nur die Bibliothek leisten kann. Man braucht eine Idee der Bibliothek.

    Berührungsängste kennt Bürger nicht: Er kann auf Menschen zugehen, ihre Befindlichkeiten ernst nehmen, ihnen Mut machen, ihnen aber auch die Meinung sagen, – wie ich das in dieser Kombination vorher nur bei einem erlebt habe: seinem Mentor und Freund Paul Raabe. Wenn Bürger zornig wird, was selten einmal passiert, merkt man ihm an, dass er es eigentlich gar nicht sein will und nur nicht umhin kommt. Viel lieber ist er gut gelaunt. Im Gegenzug wird er nicht nur geachtet, sondern gemocht. Auch deshalb konnte das Wunder geschehen, dass aus diesem anfänglich bürokratischen Monstrum Sächsische Landesbibliothek/​Staats- und Universitätsbibliothek Dresden – allmählich könnte man einmal einen schöneren Namen finden – dass aus diesem Gebilde ein funktionierendes Ganzes geworden ist.

    Wenn wir nun Punkt 2 einer Voraussetzung für einen erfolgreichen Bibliothekar verallgemeinern wollen, würde ich sagen: Der Akteur darf nicht zu selbstbezogen sein, sonst versperrt er sich den Blick für die Menschen, mit denen er es zu tun hat (und in einer Bibliothek geht es entgegen anderslautender Behauptungen immer um Menschen). Er muss geradezu Lust haben, sich auf sie einzulassen. Nur eine Zusammenarbeit, die solcherart beseelt ist, funktioniert wirklich, wie man hier sehen kann.

    Leider, lieber Thomas, hilft auch für die weitere Untersuchung der Blick auf Deinen Lebensweg am besten. Was für Bürger ab 2003 im neuen Amt des Generaldirektors hinzukam, war die Aufgabe, den Nutzen der vereinigten Bibliotheken für die Universität, das Land und darüber hinaus zu steigern und die SLUB – auch die Abkürzung geht mir kaum über die Lippen – wieder auf einen Champions League-Platz in der Bundesliga der Wissensinstitutionen zu führen. Dazu mussten die internen Strukturen so angepasst werden, dass die Innovationsfreude auf allen Ebenen begünstigt, Dienstleistungen verbessert und Drittmittelprojekte in großem Stil ermöglicht werden konnten.

    Das alles hatte unter den deprimierenden Umständen eines wieder und wieder gekürzten Stellenplans zu geschehen, eine Bedingung, wie sie keiner anderen deutschen Bibliothek bei gleichzeitig so hohen Erwartungen von Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft auferlegt war, und die auch keine andere tatsächlich geschultert hätte. Man darf sich aber auch einen Moment der Vorstellung hingeben, was ohne dieses Handicap darüber hinaus in Dresden möglich gewesen wäre.

    Bürger hat wesentliche Impulse dafür gegeben, dass die deutsche Barockliteratur und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts der Forschung mit neuen Konzepten zugänglich gemacht, die Erhaltung der historischen Bestände in den deutschen Bibliotheken und Archiven auf die Tagesordnung gesetzt, Kulturgutschutz und Notfallvorsorge ernstgenommen, die Digitalisierung der Zeitungen systematisch begonnen wurden, der deutsch-russische Bibliotheksdialog nicht zum Erliegen kam, die sächsischen Bibliotheken besser als in anderen Bundesländern zusammenwirken, die Informationsinfrastrukturen in Deutschland weiterentwickelt werden und vieles anderes mehr, was in der Aufzählung ermüdet, aber im Einzelnen von großer Wichtigkeit war und von der Weite seines Blickes zeugt.

    Er hat sich auch nicht gescheut, politisch Position gegen Pegida, Fremdenfeindlichkeit und geschlossene Weltbilder zu beziehen, wenn etwa wissenschaftlich begründete Warnungen vor dem Klimawandel geleugnet werden. Auf dem March for Science hat er öffentlich seine Grundüberzeugung vertreten:

    »Alle Menschen auf allen Kontinenten sollen freien Zugang zum Wissen erhalten, denn sonst wird die Kluft zwischen arm und reich, zwischen Gebildeten und digitalen Analphabeten nicht kleiner, sondern größer. Information ist eine öffentliche Aufgabe, sie bedarf mehr denn je demokratischer Kontrolle und Transparenz. Information darf weder zur Ware noch zur Propaganda verkommen.«

    Die dritte Eigenschaft, die einen erfolgreichen Bibliothekar ausmacht und die wir hier in nuce vor uns haben, scheint mir die Fähigkeit zum strategischen Denken zu sein, und zwar was die Position der eigenen Institution, aber auch die Welt des Wissens insgesamt betrifft. Denn wir sehen Thomas Bürger in verschiedenen Zusammenhängen als einen politisch denkenden Bibliothekar, dem praktische Urteilskraft und kluge Folgenabschätzung gleichermaßen zu Gebote stehen.

    Aber wirklich erfolgreich kann ein Bibliothekar nur sein, wenn zu den drei Voraussetzungen noch ein kleine Zutat hinzukommt, das Tüpfelchen auf das i, so wie das beste italienische Essen nichts ist, wenn es nicht durch ein gutes Dessert, ein mit leichter Hand serviertes Tiramisu gekrönt wird: Das sind Selbstironie, Humor und Witz. Erst diese Eigenschaften machen den Umgang mit ihm zu einem Vergnügen, das jedermann sucht.

    Bürger verfügt über diese Eigenschaften, selbst in feierlich-staatstragenden und objektiv-traurigen Situationen. Ich vergesse nicht, wie er in seiner Grabrede auf den Erzprotestanten Paul Raabe die Trauergemeinde hat erblassen lassen, als er von den Engeln im Himmel sprach, die sich nun darauf freuten, durch einen kompetenten Sterblichen ihr himmlisches Bibliothekswesen neu organisiert zu bekommen, was dann zum Weinen und Lachen gleichermaßen angestiftet hat.

    Ich komme zum Schluss. Wir haben im allgemeinen untersuchen wollen, welche Eigenschaften nötig sind, um als Bibliothekar erfolgreich zu sein, und sind dabei immer wieder auf das Beispiel Bürger zurückgefallen, wie die Kugel beim Kegeln, die doch lieber in die Seitenrille rollt, als auf der Bahn zu bleiben. Wir haben gesehen, wie er zunächst als Wissenschaftler eine Idee von der Bibliothek ausgebildet und sodann eine glückliche Hand bewiesen hat, mit Menschen umzugehen. Schließlich hat er seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, strategisch und politisch zu denken, ohne dabei bierernst zu werden. So hat Thomas Bürger gezeigt, was es heißt, im Beruf des Bibliothekars erfolgreich zu sein. Man kann dabei auf den Gedanken kommen, dass es sich eigentlich um einen sehr schönen Beruf handelt.

    Aber wenn wir ganz aufrichtig sein wollen, müssen wir noch auf ein Geheimnis zu sprechen kommen, das sich nicht auf den ersten Blick enthüllt: Thomas Bürger hat den Beruf des Bibliothekars nämlich gar nicht ausgeübt, er hat ihn verkörpert. Person und Sache bilden bei ihm eine Einheit. Das ist auch der Grund für die besondere Dankbarkeit, die wir ihm heute schuldig sind.

    Michael Knoche

  • 25. Juni 2018 — Elegie auf den roten Briefkasten

    Roter Briefkasten in Termini, Rom

    Für jeden, der früher Italien bereist hat, war der rote Briefkasten der italienischen Post ein Gegenstand froher Aufmerksamkeit. Er war schön anzuschauen in seiner leuchtend roten, leicht konvexen, gusseisernen Erscheinung mit seinen beiden Öffnungen (eine für die innerstädtische Post, eine für alles andere), die so konstruiert sind, dass man nichts mehr herausbekommt, was je durch den Spalt geschoben wurde. Der rote Briefkasten war auch das wichtigste Bindeglied zur Heimat.

    Um späteres verzweifeltes Suchen zu vermeiden, achtete man tunlichst schon beim Bummeln durch die Straßen darauf, wo sich ein solcher Apparat befand, dem man später einmal die noch zu schreibenden Ansichtskarten anvertrauen könnte. Wenn man sich den Standort nicht rechtzeitig gemerkt hatte, hielt man klugerweise in der Nähe von Bars oder Tabakläden Ausschau danach. Das Nachfragen bei Passanten scheiterte meist daran, dass einem die richtige Vokabel (cassetta postale) nicht einfiel.

    Wenn dann die Ansichtskarten durch den Schlitz ins Innere des Kastens gesteckt werden konnten, war die Erleichterung groß über die Erledigung dieser kleinen Bußübung für jede Entfernung von daheim. Man konnte hoffen, dass die Postkarten nach gebührendem Zeitablauf nunmehr durch einen anderen Schlitz, den des privaten Briefkastens, beim Empfänger landen und so ihre geheimnisvolle Reise durch auf- und zuschnappende Münder überstanden haben würden.

    In manchen leidenschaftlichen Fällen wurde dem roten Briefkasten sein Rang zwar durch die Telefonzelle streitig gemacht. Aber das Telefonieren von Italien nach Deutschland war lange Zeit nichts, was man ohne Not tat. So schnell, wie es nötig war, konnte man die Telefonmünzen gar nicht in den gefräßigen Apparat werfen, und alle Liebesschwüre hatten etwas Gehetztes oder wurden gar übertönt durch das dauernde Klacken der Gettoni.

    Nun ist es eine Trivialität festzustellen, dass das Ansichtskartenschreiben und das Telefonieren aus Telefonzellen wie alles andere analoge Tun aus der Mode kommt. Es ist bekannt, dass man heute, wenn überhaupt, lieber eine E-Mail oder WhatsApp mit Selfie aus dem Urlaub verschickt. Die Aktionen haben gar nichts Pflichtbewusst-Protestantisches mehr, sondern sind Marketingaktionen in eigener Sache. Aber verwunderlich ist doch, dass im heutigen Italien die Ansichtskarten noch allgegenwärtig sind.

    Es ist die Handlungskette, um sie zu versenden, die nicht mehr funktioniert. Briefmarken und Briefkästen sind in der Krise. Früher konnten die Briefmarken zusammen mit der Ansichtskarte im autorisierten Tabakladen gekauft werden. Aber entweder dürfen dies die Händler nicht mehr, oder es lohnt sich nicht mehr für sie – jedenfalls gibt es in keinem Tabakladen mehr Briefmarken.

    Die »stamps«, die man an den Kiosken oder in den Mini-Supermärkten bekommt, sind solche eines privaten Zustelldienstes (GPS), die ein Drittel teurer sind als die der italienischen Post. Wenn man sich diese hat verkaufen lassen, muss man außerdem noch begreifen, was einem Kurzzeit-Touristen selten gelingt, dass die so frankierten Karten nur in die firmeneigenen gelben Boxen geworfen werden dürfen. Die Boxen sehen ganz erbärmlich aus und haben nichts von der Würde der roten Briefkästen. Die Ansichtskarten dieses Dienstes erreichen laut Erfahrungsberichten im Netz ihre Empfänger in mehr als 50 Prozent der Fälle.

    Will man Briefmarken der offiziellen Poste Italiane kaufen, begibt man sich in ein Postamt. In den größeren Einrichtungen muss man am Eingang an einem Automaten ein Ticket mit einer Nummer lösen: und zwar ein Ticket der Kategorie Servizi Corrispondenza e pacchi. Es ist ganz normal, wenn man zunächst die falsche Kategorie, etwa Poste Impresa oder Servizi Finanziari, gewählt hat, dann reiht man sich eben von neuem in die Warteschlange ein. Einmal am Schalter, kann man seine Postkarte einfach da lassen. Aber wehe, man kauft Briefmarken auf Vorrat und schreibt die Karten erst später. Dann geht die Suche nach einem Ort, wo sie aufzugeben sind, noch einmal los.

    Zwar findet man die vertrauten roten Kästen, wenn man archäologisch geschult ist. Aber oft sind sie mit Graffiti bemalt, von Vandalen zerbeult, mit Reklame beklebt, verborgen von der benachbarten Vegetation, in der Farbe verblasst und fast rosa geworden. Manchmal steht Fuori servizio auf den Klebebändern, die sie umschließen. Wenn der Hinweis fehlt, hängt es allein von der persönlichen Einschätzung des Liebhabers dieser obsoleten Kulturtechnik ab, ob es sich um einen lebendigen oder toten Briefkasten handelt. Der Empfänger der Ansichtskarte ahnt gar nicht, welcher Dornenpfad hinter den fröhlichen Grüßen steckt.

    In Deutschland gibt es ebenfalls ein Briefkastensterben – so pathetisch muss man das Phänomen benennen. Hier montiert man die Kästen aber ab, während in Italien die Pietät vor dem einstigen zentralen Kommunikationsmittel, das ja nicht nur Grüße aufnahm, sondern manchmal auch unsere Hoffnungen, Lieben, Freuden und Sorgen davon trug, sehr ausgeprägt ist. Die roten Briefkästen werden nicht verschrottet, sie werden in einen Zustand der Agonie versetzt. Wir können sie noch finden und ein letztes Mal zärtlich berühren. Aber das Totenglöckchen kann man schon hören.

    Am 3. Juli erhöht die italienische Post erneut die Preise für einige Versendungsformen. Briefe und Postkarten kosten dann 1,10 € statt bisher 95 Cent. Lieber alter roter Briefkasten, was wird aus dir?

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 18. Juni 2018 — Die Zukunft der Vergangenheit. Eine Tagung an der Vatikanischen Bibliothek

    Hebrew Bible 1476

    Während der Papst an diesem heißen Frühsommertag auf dem Petersplatz Pilgergruppen aus indigenen Völkern traf, kamen in Rufweite davon entfernt Wallfahrer ganz anderer Art zusammen: 250 Wissenschaftler und Bibliothekare, die sich für das Thema Digitization and libraries: The future of the past interessierten. Je pointierter die Titel solcher Tagungen formuliert sind, desto trockener fallen meist die Vorträge aus. Fachlich nüchtern ging es tatsächlich zu. Trotzdem waren die sieben Stunden am 30. Mai im Konferenzzentrum des Institutum Patristicum Augustinianum keine verlorene Zeit.

    Die Tagung wurde von der Vaticana und der Bodleian Library (Oxford) gemeinschaftlich veranstaltet. Auch das vorgestellte Digitalisierungsprojekt wurde von 2012 bis 2017 gemeinschaftlich durchgeführt. Beide Bibliotheken haben ihre wichtigsten hebräischen und griechischen Manuskripte sowie Inkunabeln mit Texten antiker Autoren nach allen Regeln der Kunst fotografiert und frei ins Netz gestellt. Umfang: 1,5 Mio. Seiten. Gerade diese Bestände beider Bibliotheken sind in der Wissenschaft bekannt und vielgefragt.

    Warum aber betreiben zwei Bibliotheken aus verschiedenen Ländern ein Projekt zur Digitalisierung jeweils eigener Bestände gemeinsam? Vermutlich wäre es finanziell günstiger und organisatorisch einfacher gewesen, die Arbeiten auf eigene Faust durchzuführen. Aber in diesem Fall scheint der Sponsor Leonard Polonsky, ein Finanzinvestor, es so gewollt zu haben. Er hat nicht zweimal eine Million Britische Pfund, sondern 2 Millionen für das Gemeinschaftsprojekt bereitgestellt. Seine Polonsky Foundation hat schon andere geisteswissenschaftliche Projekte an den Universitäten von Oxford und Cambridge sowie Digitalisierungskampagnen an verschiedenen Bibliotheken weltweit gefördert.

    Aber der kluge Dr. Polonsky, der schon hochbetagt ist und in Rom von seinem Sohn vertreten wurde, hat sich etwas dabei gedacht. Obwohl der Scanvorgang in Eigenregie vor Ort erledigt werden muss, wird das Framing solcher Projekte, wie der modische Fachausdruck heute lautet, immer wichtiger: die Auswahl nach klaren Kriterien, die Auffindbarkeit für die Wissenschaft, die Anwendung hoher Standards in der Technik der Digitalisierung, der Metadaten und der Präsentation auf der Website (das International Interoperability Framework, kurz IIIF), die projektspezifische Öffentlichkeitsarbeit. Denn die reine Verfilmung ist der kleinste Teil der Arbeit. Neunzig Prozent des Aufwands geht in die vor- und nachbereitenden Arbeitsvorgänge.

    Faktoren wie Auswahl, Auffindbarkeit oder gleiche Standards wurden auch von Seiten der Forschung deutlich eingefordert. Im Eröffnungsvortrag sagte der Historiker Anthony Grafton, Princeton University, dies sei essentiell in einer Zeit, in der kein Wissenschaftler sich mehr mit den an einem Ort vorhandenen Quellen begnüge, sondern zum Vergleich Zugang zu Digitalisaten aus einer Vielzahl von Bibliotheken benötige.

    Unter den eigentlichen Fachvorträgen war eine Präsentation von Emma Stanford (Oxford) besonders anschaulich. Sie ist für das Projektmarketing zuständig – ihre Jobbezeichnung lautet Data Curator – und spricht die Wissenschaftlergemeinschaft u.a. über die sozialen Netzwerke an. So postet sie Bilder aus den digitalisierten Manuskripten (vgl. die Abbildung oben mit Tierbuchstaben aus einer hebräischen Bibel des Jahres 1476), macht auf den Erhaltungszustand der Originale einschließlich mancher Kuriositäten aufmerksam (z.B. auf einstmals angebrannte oder mit groben Stichen zusammengenähte Pergamentblätter), stellt Abbildungen aus verschiedenen Ausgaben, z.B. zur Ars Moriendi (Kunst des Sterbens), zusammen oder zoomt in Details, kurzum sie erzählt Geschichten, die neugierig machen. Das kann sogar Lehrer ansprechen, die das Material für den Schulunterricht nutzen wollen. Wichtig sei aber, dass man planmäßig vorgehe, seinen eigenen Ton finde und nicht um billiger Effekte willen die seriösen Interessenten vor den Kopf stoße, sagt die Referentin.

    Das war die erstaunlichste Erkenntnis, die sich am Ende der wohlorganisierten kleinen Tagung beim Zuhörer einstellte: Es erweist sich als sehr sinnvoll, wenn Bibliotheken Digitalisierungsprojekte gemeinsam betreiben. Der Mehraufwand an Zeit und Geld für Abstimmungsprozesse zahlt sich aus in einem erhöhten Wirkungsgrad des Geleisteten. Dr. Polonsky wusste, was er wollte. Er war ein ziemlich erfolgreicher Wirtschaftsmann.

    http:/​/​bav.bodleian.ox.ac.uk/​about-the-project

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 11. Juni 2018 — Goethe blickt aus dem Fenster

    Tischbein Goethe

    Wer wünscht sich nicht, noch mit Pantoffeln an den Füßen, das Hemd nachlässig in den Hosenbund gestopft, also anscheinend hier heimisch und vielleicht gerade aus dem Bett gesprungen, einmal in diese Fensternische zu treten und auf eine römische Szenerie zu schauen? Der hölzerne Laden ist nur halb zurückgeschlagen, durch die offene Hälfte dringt helles Licht. Was die Figur erblickt, bleibt verborgen. Die Körperspannung verrät, dass sich auf der linken Seite etwas Interessantes zeigen muss, denn der rechte Fuß ist leicht angehoben.

    »Nur vom Rücken belauschtest du ihn,« dichtet Paul Heyse, »doch glaubst du in jeder /​ Linie den Hauch zu empfinden des Wohlseins, der aus dem Lichtquell /​ Sich durch Adern und Nerven ergossen. Selbst im Nacken das Zöpfchen, der Fuß, der aus dem Pantoffel /​ Halb sich erhob, die Schnalle, die unterm Kniee den Strumpf hält, /​Jeglicher Zug spricht aus: dem Mann ist wohl; wie ein Halbgott /​ Schlürft er, vom Zwange befreit, den verjüngenden Atem der Frühe.« (Zitiert nach Dorothee Hock: Via del Corso 18, Rom. Eine Adresse mit Geschichte, 2. Aufl. Rom 2014, S. 34.)

    Die aquarellierte Zeichnung von J. H. W. Tischbein ist mit Recht berühmt geworden. Sie verrät viel über Goethes Neugierde auf seine neue Umgebung, aber sie bewahrt als Bild eben auch ihr schönes Geheimnis. Eigentlich ist die Lust zu schauen ihr Thema. Das Original des kleinen Werkes befindet sich in Frankfurt/​M., eine zeitgenössische Kopie davon hängt in der Casa di Goethe in der Via del Corso 18. Die abgeschwächte Aura der Kopie wird wettgemacht durch die Authentizität des Ortes. Man steht tatsächlich im Zimmer der ehemaligen Wohnung des Kutschers Collina, in der die deutschen Künstler untergekommen waren, und kann selber aus dem Fenster in die Via della Fontana blicken – was gerade Besucher aus Weimar gerne tun.

    Das Museum, das in dieser Form seit mehr als 20 Jahren in den Räumen eingerichtet ist, vermittelt einen lebendigen Einblick in Goethes italienischen Aufenthalt, seine Rezeptionsgeschichte und seinen Freundeskreis in Italien. Aber es ist nicht nur ein antiquarisches Interesse, das hier befriedigt werden kann. Der Besucher aus dem Norden wird auch mit seiner eigenen deutschen Italiensehnsucht konfrontiert und kann erleben, wie zeitgenössische Künstler diese ausdrücken oder sie ironisch brechen. Und die italienischen Besucher lernen ihre Stadt anders sehen mit den Augen der deutschen Künstler.

    Zur Zeit wird zusätzlich zur ständigen Ausstellung die La cascata e il lago. Eine grand tour in Objekten und Bildern des österreichischen Künstlers Robert Gschwantner gezeigt. Zuvor war die Schau Farbenlieder über und mit Bildern von Hans Werner Henze zu sehen, der den größten Teil seines Komponistenlebens in der Nähe von Rom verbracht hat. Furore gemacht hat in jüngster Zeit eine Ausstellung über Lady Hamilton mit dem Schwerpunkt Schönheitskult und Antikenrezeption in der Goethezeit (2015), dessen beeindruckender Katalog inzwischen vergriffen und nur noch für viel Geld antiquarisch erhältlich ist, eine andere über den protestantischen Friedhof in Rom (2016), den Cimitero Acattolico, auf dem auch August von Goethe begraben ist (»Goethe Filius Patri Antevertens Obiit …«). Man fragt sich verwundert, wie es eigentlich möglich ist, dass die Direktorin Maria Gazzetti mit ihrem kleinen Team so viele gewichtige Wechselausstellungen zeigen kann.

    Die Casa di Goethe verfügt inzwischen über eine beträchtliche eigene Sammlung, die es ihr erlaubt, solche Ausstellungen nicht nur mit Leihgaben zu bestücken. Zu den ältesten Schätzen gehört das Goethe-Portrait von Andy Warhol und die Goethe-Bibliothek von Richard W. Dorn mit vielen Erstausgaben und Seltenheiten. Der von Claudia Nordhoff erarbeitete Bestandskatalog ist in zwei stattlichen Bänden 2017 erschienen und beschreibt die Stücke von Jakob Philipp Hackert bis Barbara Klemm in mustergültiger Weise.

    Schon Goethe hatte seinen Künstlerfreunden in der Wohnung aus der entstehenden Iphigenie vorgelesen. Auch heute gibt es in der Casa ein umfangreiches literarisches und wissenschaftliches Veranstaltungsprogramm. Durch die Vorträge, Lesungen und kleinen Tagungen wird das Publikum vor Ort ans Haus gebunden. Bald wird zum Beispiel der Halbrömer Durs Grünbein erwartet.

    Das Schöne an der Casa di Goethe ist, dass sie einigen Glücklichen sogar die Möglichkeit bietet, die Zimmer in der Via del Corso quasi mit Hausschuhen zu betreten und sich eine Weile heimisch zu fühlen. Gäste oder Stipendiaten können hier ein wissenschaftliches oder künstlerisches Projekt in Rom voranbringen. Seit der Erweiterung der Casa di Goethe im Jahr 2012 steht ein schön gelegenes Appartement im 2. Stock zur Verfügung. Auch Goethe ist nach seiner Rückkehr aus Neapel und Sizilien in diesen 2. Stock gezogen.

    Der Gast lebt heute aber in einer anderen Art von Wohngemeinschaft. Maria Gazzetti bezieht ihn ganz dezent und unaufdringlich in das soziale und intellektuelle Leben der Casa ein. Die welterfahrene Gastgeberin weiß, wie man das macht. Sie war lange Zeit Leiterin des Literaturhauses Frankfurt/​M. und des Lyrikkabinetts München, bevor sie vor gut vier Jahren nach Rom, ihre alte Heimat, zurückgekehrt ist. Ohne dass der Gast es merkt, öffnet sich dann der Fensterladen und gibt den Blick frei auf das zeitgenössische Rom und all seine aktuellen Befindlichkeiten.

    http:/​/​www.casadigoethe.it/​de/​

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 04. Juni 2018 — Also, nur ein Bild! In der Villa Massimo

    Villa Massimo, Rom

    Es ist eigentlich eine naheliegende Idee: Wenn man fast kein Geld hat und trotzdem eine Ausstellung machen will, darf sie auf keinen Fall zu groß und kompliziert gedacht werden. Vielleicht genügt ein einziges Werk eines Künstlers? Es müsste natürlich ein sehr, sehr gutes Werk eines bekannten Künstlers sein. Halt, noch besser wären vielleicht zwei Werke, wenn man schon in Rom ist und ein deutsches Künstlerhaus betreibt: eines von deutscher und eines von italienischer Seite. Das erzeugt ein Reibungsverhältnis, man interessiert das Publikum beider Länder, und am Ende geht es um mehr als nur ein Bild.

    Joachim Blüher, Direktor der Villa Massimo, schildert, wie er mit dem Kunstkritiker Pratesi zusammen diese Idee ausgebrütet hat: »Am Ende sagte Ludovico Pratesi: ‚Dunque, soltanto un quadro!› (Also, nur ein Bild) und ich bestätigte: ‚Al massimo!› (Höchstens!). Das war dann auch gleich der Titel Soltanto un quadro al massimo

    Die Ausstellungsreihe ist in Rom legendär geworden und erlebte 21 Auflagen in immer neuen Konstellationen: Von Enzo Cucchi/​Georg Baselitz über Mimmo Jodice/​Andreas Gursky bis zu Giuseppe Penone/​Isa Genzken. (Vgl. Joachim Blüher, Ludovico Pratesi: Soltanto un Quadro al Massimo, 2003–2013, Rom 2015)

    Das Ausstellungsformat veranschaulicht gut, wie die Villa Massimo heute ihre Arbeit versteht: Den Künstlerstipendiaten und Gästen Freiraum und Podium für ihre Arbeit zu schaffen und gleichzeitig die italienische Öffentlichkeit neugierig zu machen auf das, was in Deutschland passiert. Bei einer Vernissage kann daher zusätzlich zur Kunst auch mal deutsche Bratwurst, deutscher Doppelkorn oder äußerst gesundes Roggenbrot aus Sauerteig serviert werden. Seinen eigenen Landsleuten gegenüber preist Joachim Blüher aber auch mit beredten Worten, warum das löchrige Weißbrot aus Italien nicht zu verachten ist: In den Teigblasen kann man sehr gut eine kleine Tomate oder ein Stückchen Mozzarella platzieren. Man muss Brote ja nicht immer glatt mit Leberwurst bestreichen wollen.

    Neben den Ausstellungen richtet die Akademie auch Konzerte, Lesungen und Symposien aus – im selben Sportsgeist des Aufskornnehmens tief eingewurzelter Seh-, Hör- und Denkgewohnheiten. Im Juni steht das beliebte Sommerfest bevor, das Blüher diesmal deutlich verkleinern will. Die Herausforderung lautet: Von 6000 Gästen in den Vorjahren runter auf 1800, damit die Atmosphäre wieder stimmt. Aber vielleicht erleichtert die seit einigen Tagen amtierende neue Regierung den Prozess der Schrumpfung, indem sie das deutschlandkritische Klima im Land weiter befeuert und die Lust auf Begegnungen erschlaffen lässt.

    Im Zentrum der Arbeit stehen seit nunmehr einhundert Jahren Stipendiaten aus den Bereichen Bildende Kunst, Literatur, Komposition und Architektur. Jeweils zehn Personen für zehn Monate können kommen, zusätzlich versehen mit einer monatlichen Remuneration von 2500 €, damit die materiellen Sorgen draußen vor dem Portal bleiben können. Damit gehört das Villa Massimo-Stipendium zu den höchstdotierten, angesehensten und begehrtesten Kunstpreisen.

    Die Deutsche Akademie Rom Villa Massimo, wie sie heute offiziell heißt, ist nicht von der deutschen Kulturpolitik erfunden worden, sondern geht auf ein mäzenatisches Geschenk zurück. Eduard Arnhold (1849–1925), ein jüdischer Kaufmann aus Dessau, vermachte das Anwesen sowie ein beträchtliches Stiftungskapital im Jahr 1913 dem preußischen Staat. Der gesamte Akademiebetrieb einschließlich des im italienischen Villenstil erbauten Haupthauses und der Atelierhäuser wurde von Arnhold bereits angelegt. Zum Gelände gehört auch ein vier Hektar großer Park mit Steineichen, Zypressen, Rosmarinsträuchern, antiken Vasen und knirschenden Kieswegen.

    Rosso, der rothaarige Hauskater, der über die Dächer der Atelierwohnungen streift, ist das einzige Lebewesen, dessen Aufenthalt an diesem locus amoenus nicht befristet ist. Er ist wohl auch der einzige, dem das alles selbstverständlich vorkommt und der hier nach einem Wort von Sibylle Lewitscharoff noch nie unter Selbstzweifeln gelitten hat.

    http:/​/​www.villamassimo.de/​de (Wer am Tor klingelt, wird übrigens gerne eingelassen und kann sich im Park umsehen.)

    Michael Knoche z. Z. Rom