Candy Welz · Knoche 2016

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  • 21. Januar 2019 — Bildung und Wissenschaft im Zentrum der Stadt: Die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam

    SLB Potsdam

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    Als 1968 in der DDR der Bibliothekstyp »Wissenschaftliche Allgemeinbibliothek« per Verordnung eingeführt wurde, der die Funktionen einer allgemeinbildenden und einer wissenschaftlichen Bibliothek in sich vereinigen sollte, bekam jede Bezirkshauptstadt ihre WAB, wie sie abgekürzt genannt wurde. In Potsdam wurden die Stadt- und Bezirksbibliothek und die Brandenburgische Landes- und Hochschulbibliothek zur WAB verschmolzen.

    Aber die neue Bibliothek brauchte auch ein neues Gebäude. 1974 war es soweit: Die Potsdamer konnten den damals modernsten Bibliotheksbau der DDR in Betrieb nehmen, eine Stahlbetonkonstruktion in der kriegszerstörten Mitte der Stadt.

    Einige Jahrzehnte später musste der massiv wirkende Solitär mit seiner scheußlichen Fassade schon allein wegen der problematischen Haustechnik und des unzureichenden Brandschutzes saniert werden. Nach langen kontroversen Diskussionen traf die Stadt die ungewöhnliche Entscheidung für eine Erhaltung statt einen Neubau.

    Heftiger Widerstand kam von einer Bürgerinitiative, die an derselben Stelle die barocken Bürgerhäuser wieder aufbauen wollte. Andere Stimmen forderten die Integration der Bibliothek in einen neu entstehenden Kaufhauskomplex. Die Stadtverordneten beschlossen, das Bibliotheksgebäude grundlegend zu erneuern und nicht nur die Bibliothek, sondern auch die Volkshochschule und eine »Wissenschaftsetage« der Potsdamer Hochschulen hier anzusiedeln. Das Berliner Büro Becker Architekten erhielt den Auftrag zur Sanierung des später »Bildungsforum« genannten Komplexes.

    Im September 2013 wurde das sanierte Haus wieder eröffnet und präsentiert sich freundlich und großzügig. Die ehemals problematische Fassade hat nun vorgesetzte farbige Glaspaneele und eine unregelmäßige Aufteilung der Fenster. Der öffentlich zugängliche Teil der Bibliothek ist in den beiden unteren Etagen angesiedelt. Der früher offene Innenhof wurde zu einem Atrium mit Glasdach umgestaltet. Ein Zwischengeschoss (mit Angeboten für Jugendliche) und das 1. Obergeschoss sind galerieförmig angeordnet. Dort befinden sich auch die Bestände der Landesbibliothek (Brandenburgica) und unterschiedliche Arten von Arbeitsplätzen. Das Innenraumkonzept ist geschmackvoll. Die Farbgestaltung fällt mal nicht so schreiend aus wie in manch anderen Stadtbibliotheken, d.h. es dominiert Weiß mit einigen schönen Farbtupfern.

    In der Verbindung von Stadt- und Landesbibliothek ist die Potsdamer Bibliothek bundesweit ein Unikum. Das hängt damit zusammen, dass es in Brandenburg keine traditionsreiche eigene Landesbibliothek gegeben hat, die die historischen Buchbestände der Region in großer Breite gesammelt, Pflichtexemplare bekommen und eine Landesbibliographie herausgegeben hätte. Nach der Wende (1992) unterzeichnete die Stadtbibliothek Potsdam mit dem Land einen Vertrag zur Übernahme der landesbibliothekarischen Aufgaben. Das Land finanziert heute 7,5 von insgesamt 43 Stellen. Nur in Fulda mit der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek gibt es eine ähnliche Kooperation der Unterhaltsträger.

    Fünf Jahre nach der Eröffnung der sanierten Stadt- und Landesbibliothek Potsdam im Bildungsforum ist die Zahl der Benutzer und der Entleihungen um mehr als 30% gestiegen. Hans-Christoph Hobohm, Professor für Bibliothekswissenschaft an der benachbarten Fachhochschule, macht der Bibliothek zum fünfjährigen Jubiläum ein Kompliment. Er bescheinigt ihr eine »hohe Aufenthaltsqualität« und lobt den Mut der Stadt, nicht nur die drei Institutionen in einem Haus zu vereinen, sondern überhaupt »Bildung und Wissen(-schaft) im Zentrum der Stadt zu positionieren.«

    Michael Knoche

  • 14. Januar 2019 — Wie gehen Bibliotheken mit Unrecht aus der Zeit der SBZ und DDR um?

    Bodenreform in der SBZ (Foto: Bundesarchiv Bild_183-32584-0002)

    20 Jahre nach der Washingtoner Erklärung in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, werden die deutschen Bibliotheken, Museen und Archive von zwei weiteren Freveltaten der Geschichte eingeholt: Einerseits rückt das Kulturgut aus kolonialen Kontexten massiv in den Vordergrund. Die deutsche Politik möchte mit dem Tempo, das der französische Staatspräsident in dieser Frage vorgelegt hat, Schritt halten.

    Andererseits steht das DDR-Unrecht auf der Tagesordnung, das mir für die Bibliotheken noch relevanter zu sein scheint. Denn koloniales Kulturgut hat eher den Weg in die Museen als in die Bibliotheken gefunden. Außerdem leben die in der Zeit zwischen 1945 und 1990 Geschädigten des DDR-Unrechts überwiegend noch. Es geht um Buchbestände, die auf Grund von Verfolgungs- und Willkürmaßnamen in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) und in der DDR in die öffentlichen Sammlungen gekommen sind.

    Zu den Vorgängen dieser Art zählen die Bergung von sogenanntem »herrenlosen Kulturgut« im Zuge der Bodenreform unmittelbar nach dem Krieg oder andere Beschlagnahmungen der Besatzungsmacht. Vom 3. bis 11. September 1945 erließen die Provinz- und Landesverwaltungen der Sowjetischen Besatzungszone ähnlich lautende Verordnungen zu ihrer Durchführung. Dadurch gelangten riesige Bestände an Büchern aus Schlössern, Guts- und Herrenhäusern zur Aufteilung auf die wissenschaftlichen Bibliotheken.

    Besonders starke Zuwächse erhielt die Universitätsbibliothek Halle als leistungsstärkste Bibliothek auf dem Territorium Sachsen-Anhalts. Aus Bodenreformbeständen gingen ihr im Zeitraum von 1945 bis 1949 240.000 Bände zu. Bis 1961 wurden weitere 958.000 Bände in Halle abgeliefert. (Waltraut Guth: Bibliotheksgeschichte des Landes Sachsen-Anhalt. Halle 2004, S. 135) Aber auch viele andere Bibliotheken in den neuen Bundesländern haben von den aufgelösten Adelsbibliotheken profitiert.

    Ein besonderes Problem sind die beschlagnahmten Buchbestände von Republikflüchtigen. In Weimar ist z.B. im Jahr 1953 ein Leihbüchereibesitzer in den Westen geflohen. Sein Geschäft wurde entschädigungslos enteignet. Die Bücher, Broschüren und Zeitschriftenhefte aus seinem Besitz, etwa 1500 Titel, wurden an die Thüringische Landesbibliothek abgegeben, die heutige Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die sie in den Bestand eingearbeitet hat. Auf Nachfrage des Eigentümers wurde das, was als Eigentum noch zu ermitteln war, inzwischen restituiert.

    Der Bund, alle Länder und die drei kommunalen Spitzenverbände haben 2015 eine Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Magdeburg gegründet, die bei der Wiedergutmachung des Unrechts helfen soll: das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste. Die Stiftung bzw. ihre Vorgängereinrichtung, die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, hat sich in der ersten Phase ihres Bestehens mit Recht zunächst auf das Problem des NS-Raubguts konzentriert. Seit neuestem gibt es den Förderbereich »Koloniale Kontexte« sowie erste Geldmittel für grundlegende Forschungsprojekte zum Thema Kulturgutentzug in der SBZ und DDR. 2017 wurden dafür 250.000 EUR bewilligt.

    Forschung ist gut und notwendig. Aber man könnte durchaus auch schon mit konkreten Ermittlungen beginnen. Denn man wird nicht umhin können, Erwerbungen und Zuweisungen zwischen 1945 und 1989 an bestimmten Öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken, Museen und Archiven im Detail zu überprüfen.

    Ein großer Teil der Bodenreform-Bestände, vielleicht sogar der größte, wurde über das Zentralantiquariat der DDR in Leipzig gegen Devisen in den Westen verkauft. So gelangten Bücher aus Bodenreformbeständen in großem Umfang auch in westdeutsche Bibliotheken, besonders in die neugegründeten Universitätsbibliotheken der sechziger und siebziger Jahre. Die Bodenreform ist also ein Thema für Bibliotheken in Ost und West.

    Sich um diese Form der Provenienzerforschung zu bemühen, hätte nicht nur eine ostdeutsche Landesbibliothek Anlass, sondern auch jede westdeutsche Universitätsbibliothek, die große Buchbestände aus der DDR erworben hat. Es ist eine berechtigte Erwartung der Geschädigten, 28 Jahre nach Ende der DDR für eine Klärung nicht auf den Sankt-Nimmerleinstag vertröstet zu werden.

    www.kulturgutverluste.de

    Michael Knoche

  • 07. Januar 2019 — Die »Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten« weiterentwickeln!

    Durch den Bibliheksbrand von 2004 versehrtes Exemplar einer Erstausgabe von Nikolaus Kopernikus (Foto: C. Welz©Klassik-Stiftung Weimar)

    Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, hat noch im Dezember bekannt gegeben, dass die finanziellen Mittel, um national wertvolles schriftliches Kulturgut zu erhalten, deutlich aufgestockt werden. Die Ausstattung des Sonderprogramms wurde von 1 Mio. Euro (2017) auf nunmehr 4,5 Mio. Euro (2019) erhöht. Das Geld kommt Projekten der Bibliotheken und Archive von Bund, Ländern und Kommunen zu Gute. Voraussetzung ist, dass sie zu 50 Prozent gegenfinanziert werden. Eine gute Weihnachtsbotschaft!

    Dieser bedeutende Schritt in die richtige Richtung wäre nicht möglich gewesen, wenn sich nicht 2001 zwölf Archive und Bibliotheken mit großen historischen Beständen zur Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten zusammengeschlossen und Lobbyarbeit für die Erhaltung der schriftlichen Überlieferung betrieben hätten. Veröffentlichungen, Veranstaltungen, die Ausrichtung von Aktionstagen, die Übergabe der Denkschrift Zukunft bewahren an den Bundespräsidenten, der Ausbau koordinierter Notfallprogramme und die Einrichtung einer Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts (KEK) zählen zu ihren Erfolgen. 2015 wurden auf der Basis einer gründlichen Bestandsanalyse Bundesweite Handlungsempfehlungen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in seiner originalen Medienform vorgelegt. Die Zusammenarbeit von Archiven und Bibliotheken untereinander und mit Restauratoren und Dienstleistern der Bestandserhaltung wurde gestärkt.

    Die Mitglieder der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten, bislang ein in Eigeninitiative entstandener Zusammenschluss ohne Rechtsstatus, haben auf ihrer Sitzung am 15. März 2018 in Berlin vereinbart, der Arbeitsgemeinschaft eine neue Form zu geben, um die nächsten Ziele effektiver und schneller zu erreichen.

    In einem Thesenpapier zu diesem Thema schlagen Thomas Bürger und ich vor, die Allianz in eine schlagkräftige Expertengruppe, etwa in einen Rat zur Sicherung der schriftlichen Überlieferung, umzuwandeln. Die Expertengruppe sollte in Abstimmung mit den beteiligten öffentlichen Stellen durch die Staatsministerin für Kultur und Medien einberufen werden und die strategischen Leitlinien und Prioritäten der Bestandserhaltung fortschreiben. Neben den engeren Fragen der Bestandserhaltung sollte sie auch die Kontexte (Digitalisierung, Verbesserung der Datenbankinformationen zu Provenienzen und Sammlungen, zum konservatorischen Zustand der Objekte) berücksichtigen.

    Die dringendste Aufgabe des neu aufgestellten Gremiums wäre es, Schritte zur Umsetzung der – im Auftrag von Bund und Ländern erarbeiteten und von der Koordinierungsstelle zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) vorgelegten – Bundesweiten Handlungsempfehlungen zu priorisieren.

    Weiterentwicklung der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten – Ein Impulspapier zur Selbstverständigung. Stand 26.8.2018. Von Thomas Bürger und Michael Knoche

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    Michael Knoche

  • 31. Dezember 2018 — Glückwunsch

    Der Weimarer Bibliothekar Reinhold Köhler als Adressat des Gedichts
    Guten Tag und gute Tage, stets noch schönre Morgen morgen,
    Möge Dein Geschick geschickt für Geld und wenig Sorgen sorgen,
    Mögen Leiden um die Stirn Dir nur wie flüchtge Fliegen fliegen,
    Mögest Du die schönste Feindin in der Liebe Kriegen kriegen,
    Mög um Dich ein Glück des Lebens, das nicht zu verscherzen, scherzen,
    Mögen Dich die schönsten Arme inniglich von Herzen herzen,
    Möge man den Kranz des Wissens dir, dem Ruhmesreichen, reichen,
    Dein Vermögen möge Rothschilds oder Seinesgleichen gleichen,
    (Welch ein Glück, du würdest Gold mir wie aus vollen Pumpen pumpen,
    Und wir beide, Freund, wir ließen uns von keinem Lumpen lumpen!)
    Mög die Mitwelt deine Bücher, feil zu höchsten Preisen, preisen
    Und auf dich noch späte Nachwelt, als gelehrten Weisen, weisen!

    Man kann nicht übersehen, dass die Verse, holprig schön, ursprünglich an einen männlichen Intellektuellen gerichtet waren. Adressat war Reinhold Köhler (1830–1892), Oberbibliothekar der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar. Der Titel des Gedichts lautet lapidar: An R. K. Zum Geburtstag.

    Der Autor Peter Cornelius (1824–1874) war Komponist und Dichter, ein Neffe des gleichnamigen bekannten Malers. Seine Oper Der Barbier von Bagdad war 1858 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt worden. Diese Vorstellung bildete den Anlass für den Rücktritt Franz Liszts als Leiter der Hofkapelle, weil Gegner Liszts die Aufführung gestört hatten. Über Cornelius fand Köhler Zugang in den Kreis des »Neuweimar-Vereins« und traf dort außer mit Liszt auch mit den Schriftstellern Friedrich Hebbel, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben u.a. zusammen. Der Verein hatte sich eine kulturelle Erneuerung in Frontstellung gegen das »Alt-Weimar« zum Ziel gesetzt.

    Cornelius war immer in Geldnot, aus der ihm Köhler gelegentlich heraushalf. Darauf spielt der Ausdruck »pumpen« im Vers 9 an. Der Angesprochene hatte allerdings von seinem nicht üppigen Gehalt auch seine beiden älteren Schwestern mitzuversorgen, mit denen er, der Junggeselle, in einer Mietwohnung am Weimarer Graben Nr. 33 zusammenlebte. Köhler war zunächst Bibliothekar, ab 1882 Direktor der Großherzoglichen Bibliothek, der Vorläuferin der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. 1864 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Vor allem war Köhler, der »Ruhmesreiche«, ein europaweit bekannter Volkskundler und Märchenforscher, der zahllose wissenschaftliche Publikationen verfasst hatte.

    Das spektakulärste Ereignis in Köhlers ereignisarmem Leben war das Unglück, das zu seinem Tode führte. »Am 11. Oktober 1890, also noch keine vierzehn Tage nach seiner Ankunft,« berichtet Jutta Hecker in ihrem Buch Rudolf Steiner in Weimar, »ging Steiner vom Schloss den kurzen Weg in die Bibliothek hinüber, um sich ein Buch auszuleihen, das Goethe für seine botanische Arbeit einmal benutzt hatte. Selten gefordert, stand es in der oberen Etage ganz hoch in einem Regal. Der hilfreich zuvorkommende Köhler machte sich sofort selber auf, obwohl eigentlich ein Gehilfe dafür zur Verfügung stand, dieses Buch herbeizuholen, damit Steiner es gleich mitnehmen könne. Steiner wartete, und als Köhler nach überlanger Zeit nicht zurückkehrte, ging man nachzusehen und fand ihn mit gebrochenem Bein und schwerem Schock neben der umgestürzten Leiter. Köhler hat sich von diesem Unfall nie wieder erholt und starb nach schmerzhaftem Krankenlager am 15. August 1892.«

    Das Gedicht »An R.K.« wirkt so komisch, weil die einfachen Paarreime (Verse nach dem Reimschema aa bb cc) durch Binnenreime (z.B. »Gleichen gleichen«) in ihrer Wirkung noch einmal verstärkt werden. Eigentlich sind dies gar keine Reime mehr, sondern phonetisch gleiche Wörter, die am Schluss eines Verses doppelt vorkommen. Von ihrer semantischen Bedeutung sind sie teils unterschiedlich (»Weisen, weisen«), teils unterschiedslos (»Herzen, herzen«), haben aber eine unterschiedliche Funktion im Satzgefüge z.B. als Substantiv oder Verb.

    Aus: Thüringer Anthologie. Eine poetische Reise. Hrsg. von Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann. Weimar: Weimarer Verlagsges. 2018, S. 175. € 18

    Michael Knoche

  • 24. Dezember 2018 — Parallelverlage im geteilten Deutschland. Eine Buchbesprechung

    Zwei Fenster

    Die Bibliotheca Teubneriana, die berühmte Reihe mit verlässlichen Texten antiker Autoren, wurde seit 1850 bei B. G. Teubner publiziert. In der Zeit der deutschen Teilung gab es zwei Teubner-Verlage, in Leipzig und in Stuttgart. Beide betrachten sich als einzig legitime Nachfolgerin des Traditionsverlags und wollten die Reihe in eigener Regie weiter herausgeben. Auf eine gemeinsame Fortführung konnte man sich nicht einigen. Zur Verwirrung der Kunden und des Buchhandels erschienen Neuauflagen und Nachdrucke vergriffener älterer Ausgaben ab 1958 nicht nur in Leipzig, sondern auch in Stuttgart, wobei sich das Stuttgarter Haus den Hinweis erlaubte, dass man hier auch die Leipziger Ausgaben beziehen könne.

    Das Buch von Anna-Maria Seemann Parallelverlage im geteilten Deutschland. Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage, Berlin 2017 untersucht das Phänomen systematisch und zeichnet die Entwicklung der Verlage bis in die frühen sechziger Jahre hinein nach. Unter dem Begriff »Parallelverlage« werden Unternehmen verstanden, die ihren Sitz ursprünglich auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR hatten und die in den westlichen Zonen bzw. der Bundesrepublik Deutschland Zweigstellen gründeten oder ihren Sitz dorthin verlagerten, wobei der Betrieb am alten Standort weiterexistierte. Dies betraf mehr als 30 Firmen.

    Die Autorin wählt für ihre Erlanger Dissertation die acht Wissenschaftsverlage aus, die hauptsächlich auf den Gebieten Naturwissenschaften, Technik und/​oder Medizin tätig waren: die Akademische Verlagsgesellschaft (Geest & Portig) in Leipzig, Johann Ambrosius Barth in Leipzig, Gustav Fischer in Jena, S. Hirzel in Leipzig, Carl Marhold in Halle/​S., Theodor Steinkopff in Dresden, B. G. Teubner und Georg Thieme (beide in Leipzig). Zum Teil hatten diese Verlage auch geisteswissenschaftliche und andere Literatur im Programm.

    Die acht wissenschaftlichen Parallelverlage werden in knappen Einzelporträts vorgestellt. Der einzige Verleger aus diesem Kreis, der mit seiner Familie in dem legendären Autobus saß, den die Amerikaner am 12. Juni 1945 von Leipzig nach Wiesbaden schickten, um ausgewählten Buchproduzenten Schutz vor den Russen und bessere Arbeitsmöglichkeiten in der Amerikanischen Besatzungszone anzubieten, war der Thieme-Chef Bruno Hauff. Von Wiesbaden zog er einige Monate später nach Stuttgart weiter, wo sich bald ein neues Buchhandelszentrum bildete. Das Hauptinteresse der anderen ostdeutschen Verleger konzentrierte sich zunächst darauf, die Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) zur Weiterarbeit vor Ort zu bekommen. Die Einzellizenzen wurden zwischen August 1946 und Juni 1947 erteilt – allerdings nicht dem Verlag Georg Thieme, der unter Treuhandschaft gestellt wurde.

    Ausschlaggebend für die Gründung eines westdeutschen Standortes war nicht etwa, dass der Verlag im Osten enteignet worden wäre. Die Enteignung war allenfalls eine Folge, nicht die Ursache für die Verlagerung. Vielmehr waren die Zweigstellengründungen eine Reaktion auf die Unsicherheit bezüglich der weiteren politischen und verlagspolitischen Entwicklungen. »In Volkseigentum überführt« wurden Anfang der fünfziger Jahre von den untersuchten Verlagen nur Thieme, Marhold und Fischer. Bei weiteren drei Verlagen erfolgte im weiteren Verlauf eine staatliche Beteiligung (Teubner, Akademische Verlagsgesellschaft und Hirzel). Steinkopff wurde 1978 aufgelöst, Barth blieb formal ein Privatunternehmen.

    Die Autorin untersucht auch die Strategien, mit denen die Verlage versucht haben, die Konflikte zu lösen. Das Handeln war eben auch sehr stark von den internen Gegebenheiten der Firma und der Persönlichkeit des Verlegers bestimmt. In einigen Fällen suchten die Beteiligten die Verständigung. So gab es zwischen dem enteigneten Verlag Gustav Fischer Jena und Gustav Fischer Stuttgart Absprachen über Lizenzen und Gemeinschaftsauflagen. Auch bei Barth und Steinkopff herrschte über viele Jahre ein kooperatives Verhältnis. In anderen Fällen (beispielsweise B. G. Teubner) kam es zur scharfen Konfrontation mit (fruchtlosen) gerichtlichen Auseinandersetzungen und dem Versuch, die Einfuhr umstrittener Titel aus der DDR in die Bundesrepublik zu verhindern oder wenigstens über Stuttgart zu steuern. Gleichwohl: So, wie die beiden deutschen Staaten die Legitimität des jeweils anderen leugneten und doch zusammenarbeiteten, lässt sich an den Parallelverlage studieren, dass sie selbst in den heißen Phasen der Auseinandersetzung die Verbindung zueinander nicht abgebrochen hatten – zum Teil aus politisch-ideologischem Interesse (Vision Wiedervereinigung), zum Teil aus ökonomischen Gründen.

    Insgesamt kann Anna-Maria Seemann die Vorstellung von zwei voneinander abgeschotteten Buchmärkten, die den Regeln des Kalten Krieges unterworfen wären, aufbrechen und zeigen, wie vielfältig die Beziehungen zwischen den Verlagen in Ost und West tatsächlich waren. Sie präsentiert zahllose neue Fakten, die nicht nur für die einzelne Firmengeschichte relevant sind, sondern zum besseren Verständnis der Wirtschafts-, Buchhandels- und Wissenschaftsgeschichte der Zeit beitragen.

    Anna-Maria Seemann: Parallelverlage im geteilten Deutschland. Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage. Berlin: deGruyter Saur 2017. 595 S. Preis 99.95 € (Schriftmedien – Kommunikations- und buchwissenschaftliche Perspektiven. Band 6)

    Ungekürzte Fassung der Besprechung in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 170 (2018) 255. Bd., S. 400–403.

    Michael Knoche