Candy Welz · Knoche 2016

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  • 24. September 2018 — Der verwünschte 2. September: Das Brasilianische Nationalmuseum brennt

    Brand des Brasilianischen Nationalmuseums, im Vordergrund das Denkmal Kaiser Pedros II.  [Foto: Felipe Milanez, Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72403076)]

    Als ich am 2. September 2018 an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vor genau 14 Jahren zurückdachte und meinen Blogbeitrag »Die Menschenkette in der Brandnacht« vorbereitete, ahnte ich nicht, dass sich im selben Moment in 10.000 km Entfernung eine andere, vielleicht noch schrecklichere Brandnacht ereignete. In Mitteleuropa kam die Nachricht erst mit Verspätung an und wurde in den Zeitungen unter »Vermischtes« oder im »Feuilleton« gemeldet: Das Brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro ist am 2. September 2018 weitgehend abgebrannt.

    Betroffen sind 20 Mio. Museumsstücke, von denen man heute noch nicht weiß, wie viele davon geborgen werden konnten. Aber wenn man die Berichte über das Unglück liest und die Bilder davon sieht, muss man befürchten, dass von diesem umfangreichen Bestand nicht viel übrig geblieben ist. Zum Vergleich: Beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ging es um 200.000 Objekte, die durch den Brand beschädigt oder vernichtet worden waren (der Gesamtbestand umfasste knapp 1 Mio. Einheiten). Das Desaster von Rio ist von biblischem Ausmaß. Es berührt die ganze Welt.

    Das Brasilianische Nationalmuseum ist das größte Naturkunde-Museum Südamerikas und eines der ältesten in der Welt. Das Museum war nicht nur ein einzigartiges Forschungszentrum, sondern auch eine Bildungsstätte für unzählige Schüler- und Studentengenerationen. Es enthielt Artefakte, die für das kulturelle Selbstverständnis des Landes und des Kontinents und das historische Gedächtnis der Menschheit wichtig waren. So befand sich in dem ehemaligen Schloss des portugiesischen Königs und der kaiserlichen brasilianischen Familie etwa das älteste jemals in Amerika gefundene Skelett mit dem Kosenamen »Luzia«. Es soll mindestens 11.000 Jahre alt sein.

    Die Sammlung wurde in mehr als zwei Jahrhunderten durch Expeditionen, Ausgrabungen, Erwerbungen, Schenkungen und Tauschgaben geformt und in sieben Bereichen ausgebaut: Geologie, Paläontologie, Botanik (mit botanischem Garten), Zoologie, Anthropologie, Archäologie (mit einem besonders wertvollen altägyptischen Bestand) und Ethnologie. Das Museum beherbergte neben einem historischen Archiv auch eine der größten Spezialbibliotheken Brasiliens mit knapp 500.000 Bänden und 2.400 seltenen Werken, die allerdings separat untergebracht war und verschont geblieben zu sein scheint.

    Viele Details erinnern mich an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. In Rio war das Feuer kurz nach Schließung des Gebäudes für die Besucher um 19.30 Uhr ausgebrochen (in Weimar ebenfalls zum Ende der Öffnungszeit um 20.25 Uhr). Hier wie dort waren schnell viele Mitarbeiter zur Stelle und haben aus dem brennenden Haus Objekte gerettet. Dabei wurden sie von einer sehr engagierten Feuerwehr unterstützt, die erkannt hatte, welche Werte auf dem Spiel standen. Hier wie dort wurden in den Vorjahren Reparaturen durch Spendenmittel (in Rio durch Crowdfunding) finanziert, weil die regelmäßige Bauunterhaltung finanziell nicht abgesichert war. Jahrelange Klagen der Direktion über den maroden Zustand des Gebäudes waren vorausgegangen und der Einbau eines modernen Brandschutzsystems angemahnt worden. In beiden Fällen war die Sanierung des Gebäudes aber beschlossen.

    Man kann sich leicht vorstellen, wie verzweifelt die Museumsleute in Rio jetzt sind, die nicht nur mitansehen müssen, wie ihre eigene kuratorische Arbeit, sondern die vieler Vorgängergenerationen in Rauch aufgegangen ist. Es ist zu vermuten, dass die brasilianischen Kollegen mit guten Tipps und Patentrezepten aus aller Welt überflutet werden und zum Trost auch gleich die trivialsten Ersatzobjekte, meistens in wohlmeinender Absicht, geschenkt bekommen. Ich habe eine Woche nach dem Brand ein Paket mit Trödelware (angestoßener Kaffeekanne, Zuckerdose etc.) zugesandt bekommen mit der Empfehlung, diese Dinge doch zu verkaufen und mit dem erlösten Geld die Bücherrestaurierung zu finanzieren. Die Gefahr, dass die unmittelbar Betroffenen alle Anstrengungen als sinnlos betrachten, ist groß. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig in den ersten Tagen nach dem Unglück Anteilnahme und Solidaritätsbekundungen sind.

    Besonders hilfreich sind natürlich auch finanzielle Zuwendungen, weil man Planungen darauf aufbauen kann. Willkommen waren in Weimar auch Beratungsangebote zu Spezialfragen, etwa zum Vorgehen bei der Restaurierung brandgeschädigter Buchobjekte. Aber wirksam werden konnte das Expertenwissen erst nach einer bestimmten Zeit. Im Moment müssen die Fachleute in Rio de Janeiro unter hohem Handlungsdruck eine Unzahl an Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen treffen – ohne Rücksprache mit der Fachcommunity oder langwierige Literaturrecherchen. Die Anforderungen an ihre persönliche Kompetenz und psychische Belastbarkeit sind immens.

    Die deutsche Bundesregierung hat richtig reagiert und 1 Mio. € als Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Außerdem ist im Außenministerium im Referat »Kultur- und Medienbeziehungen Afrika, Asien, Australien/​Pazifik, Lateinamerika« ein Koordinierungsbüro eingerichtet worden, das am 21. September verschiedene deutsche Experten nach Berlin eingeladen hat.

    Die herrschende Gedankenlosigkeit im Umgang mit der kulturellen Überlieferung kann die Fliehkräfte in den Gesellschaften verstärken. Wenn es keinen gemeinsamen Bezugspunkt auf die Geschichte mehr gibt, weil sich ihre materielle Basis aufgelöst hat, bleibt wenig übrig, woran sich eine Gesellschaft orientieren kann. Die offensichtlich durch Fahrlässigkeit begünstigten Katastrophen von Weimar und Rio jeweils am Unglückstag des 2. September dürfen sich nicht wiederholen! Der biblische König Belsazar brauchte nur ein einziges Menetekel, um zu verstehen, dass seine Herrschaft gefährdet war.

    Aktuell und informativ: https:/​/​en.wikipedia.org/​w/​index.php?title=National_Museum_of_Brazil&uselang=de#2018_fire

    Michael Knoche

  • 17. September 2018 — Südtirol – ein Bibliothekswunderland

    Die Südtiroler Landesbibliothek "Dr. Friedrich Teßmann", Bozen-Gries

    In Bozen, westlich der Talfer, liegt der Stadtteil Gries mit 30.000 Einwohnern und dem Benediktinerkloster Muri-Gries. Nahe den alten Rebgärten jenseits der Klosteranlage, wo die autochthone Rebsorte Lagrein angebaut wird, gedeiht auch ein anderes bodenständiges Gewächs von unverwechselbarem Charakter, die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann.

    Eine Landesbibliothek in Italien? Alte Stadtbibliotheken gibt es in Hülle und Fülle, aber ein Bibliothekstyp, der in Deutschland meist aus ehemaligen Hofbibliotheken entstanden ist, so wie etwa die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ist in Italien unbekannt. Tatsächlich ist auch die Bozener Tessmann eine neuere Gründung: Als Landesbibliothek im engeren Sinne ist sie erst 36 Jahre alt. Ihre Entstehung hängt mit den kulturellen Selbstbestimmungsbestrebungen der Südtiroler zusammen, die sich nach dem Anschluss an Italien (1920) unterdrückt fühlten und alles daran setzten, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Dadurch sind Arbeit und Aufgaben der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann, der einzigen wissenschaftlichen Universalbibliothek Südtirols, geprägt. Ihre Dienstleistungen richten sich vorwiegend an die deutsche und ladinische Bevölkerung.

    Die Landesbibliothek verfügt über etwa 500.000 Bücher und andere Medien und sammelt vorwiegend deutschsprachiges Schrifttum aus den verschiedenen Wissensgebieten. Vollständigkeit strebt sie bei dem von Südtirolern verfassten, Südtirol betreffenden und in Südtirol erschienenen Schrifttum an. Besonders berücksichtigt werden auch Veröffentlichungen aus dem Raum des historischen Tirol. Es besteht ein Pflichtexemplarrecht, d.h. zwei Exemplare jeder in der Provinz erscheinenden Publikation müssen an die Teßmann bzw. an ihr italienisches Pendant abgeliefert werden.

    Ja, es gibt auch ein Gegenstück zur Teßmann, die italienische Landesbibliothek »Claudia Augusta« im Bozener Kulturzentrum Trevi. Sie ist deutlich jünger (gegründet 2000), kleiner (35.000 Bände) und hat auch keine koordinierenden Aufgaben. Aber da die Einwohnerschaft Bozens zu mehr als 60 Prozent italienschsprachig ist (auf Südtirol insgesamt bezogen, ist es umgekehrt), versteht man, dass es sie geben muss. Im übrigen gibt es in Bozen noch die Stadtbibliothek »Cesare Battisti« und die Bibliothek der Freien Universität sowie eine Reihe von Spezialbibliotheken.

    Ist dies schon eine sehr komfortable Bibliothekssituation, gerät man noch mehr ins Staunen, wenn man sich die Lage in den anderen Städten, in den Dörfern und Bergdörfern anschaut. Gab es früher in Südtirol nur vereinzelte, von kirchlichen Institutionen geführte, bescheidene Bibliotheken, finden wir heute in Brixen, Lana, Marling, Neumarkt, Riffian, Vahrn und wie die 116 Gemeinden alle heißen, geräumige, funktionelle und architektonisch gelungene Bibliotheken – öffentlich genutzte Bibliotheken, Schulbibliotheken oder Einrichtungen mit gemischter Nutzung. Jede Bibliothek ist in der Regel hauptamtlich geleitet, gut ausgestattet und präsentiert sich attraktiv.

    Dieser Errungenschaft verdankt sich einem Bibliotheksgesetz, das die autonome Provinz Bozen nach dem mühsam errungenen Autonomiestatut von 1972 beschließen konnte. In 17 von 25 EU-Staaten gibt es Bibliotheksgesetze. Die meisten ihrer Art sind zahnlose Tiger und enthalten nur Absichtserklärungen (z.B. das Thüringer Bibliotheksrechtgesetz vom 16.7.2008). Aber neben den Bibliotheksgesetzen Kataloniens (1993) und Dänemarks (2000) ist das Südtiroler Landesgesetz vom 7. November 1983 zur »Regelung der Weiterbildung und des öffentlichen Bibliothekswesens« eine rühmliche Ausnahme. Denn es sorgt dafür, dass die vorgeschriebenen Standards in Bezug auf Raumgrößen, Medienbestand und Öffnungszeiten tatsächlich umgesetzt werden. Das Land vergibt entsprechende Zuschüsse an die Gemeinden.

    Das ist aber noch nicht alles. 1990 wurde ein Schulbibliotheksgesetz erlassen, das das Bibliotheksgesetz ergänzt. Seither kann man sich auch eine Schule in Südtirol ohne Bibliothek nicht mehr vorstellen. Alle 29 Oberschulen haben eine Bibliothek – mit einem Medienbestand von jeweils mehr als 10.000 Einheiten und hauptamtlicher Leitung. Sogar die Hälfte aller 271 Grundschulen, die oft weniger als fünf Klassen haben, verfügt über eine jederzeit zugängliche Bibliothek, in der die Schüler einzeln, aber auch gruppen- oder klassenweise lernen können.

    Die Arbeit mit Schülern der Oberschulen bestimmt auch die Arbeit der Teßmann. Ständig sind Schulklassen zu Führungen und Schulklassen im Haus. Jetzt ist ein digitales »Schülerportal« in Planung, das den Vorzug hat, allen Schülern in Südtirol gleichermaßen zugute zu kommen. Mit dem Südtiroler Leseausweis können die Leser einer Bibliothek auch in einer anderen Bibliothek Medien ausleihen, ohne dort eingeschrieben zu sein. Jeder Leser kann sich auch bei Biblio24 anmelden und dann von welcher Almhütte aus auch immer eine große Bandbreite digitaler Medien wie E-Books, E-Zeitungen, E-Magazine, E-Audios und E-Videos ausleihen. Dies ist ein Angebot der Teßmann und des sehr professionell agierenden Amtes für Bibliotheken und Lesen in der Südtiroler Landesverwaltung.

    Für die Zukunft ist ein Bibliothekenzentrum geplant, dessen Standort sich unmittelbar gegenüber dem heutigen Bibliothekssitz der Teßmann befindet. Es soll unter einem Dach neben der Teßmann-Bibliothek auch die seit 1928 bestehende Stadtbibliothek Bozen und die italienische Landesbibliothek zu einer Südtiroler Verbundbibliothek zusammenschließen. Diese bleiben selbständig, betreiben aber bestimmte Serviceleistungen gemeinsam und präsentieren sich in einem Gebäude. Das wäre eine innovatives Modell, das kaum Vorbilder hat. Es würde eine zentrale wissenschaftliche Universalbibliothek für Südtirol mit 1.100.000 Medieneinheiten entstehen, aber auch ein Kultur- und Bildungszentrum für die Bevölkerung der Stadt Bozen.

    Die Planung ist schon 2014 abgeschlossen worden. Es liegt ein sehr guter Architektenentwurf des Büros Christoph Mayr-Zingerle vor. Zur Zeit gibt es Schwierigkeiten auf Seiten des Bauträgers. Aber man ist optimistisch, im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten beginnen und sie 2021 abschließen zu können. Dann wird man endgültig sagen müssen: Südtirol ist ein Bibliothekswunderland!

    http:/​/​www.tessmann.it/​de/​home.html

    Michael Knoche

  • 10. September 2018 — West-Literatur in Ost-Bibliotheken

    Zensurvermerk auf einer Katalogkarte der Zentralbibliothek der deutschen Klassik, Weimar (Vorläuferin der Herzogin Anna Amalia Bibliothek)

    Wie gut war die westdeutsche Literaturproduktion während der 50er und 60er Jahre in wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR präsent?

    Der Beschaffung von Literatur aus dem Westen standen zwei wesentliche Hindernisse entgegen: Zum einen waren die finanziellen Ressourcen, insbesondere die Devisen, für den Ankauf westdeutscher Literatur äußerst begrenzt. Zum anderen bezweifelte die Sozialistische Einheitspartei (SED) die Notwendigkeit, Bücher und Zeitschriften des »Klassenfeindes« in größerem Umfang überhaupt zugänglich zu machen.

    Auf jeden Fall sollten Texte ausgeschlossen sein, die »militaristischen«, »imperialistischen«, »revisionistischen«, »revanchistischen« oder »klerikalfaschistischen« Inhalts – so die Terminologie, wenn vom »Klassenfeind« die Rede war – oder die gegen die Freundschaft mit der Sowjetunion gerichtet waren. Irgendeiner dieser Vorwürfe traf auf nahezu jede westliche Publikation zu. Nur die technisch-wissenschaftliche Literatur war davon ausgenommen: Sie ließ in der Regel keine politische Tendenz erkennen.

    Die Erwerbungen, die die 15 wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR getätigt haben, sind zwischen 1955 und 1963 von 76.585 auf 102.997 Titel insgesamt gestiegen. Da aber die Gesamterwerbungen noch kräftiger gewachsen sind, fällt der Anteil der Erwerbungen aus Westdeutschland und Berlin von 29 auf 24 Prozent. Auch in der späteren DDR-Zeit wird die Quote der fünfziger Jahre nicht mehr erreicht. In den fünfziger Jahren war die Lage noch vergleichsweise gut.

    Gleichzeitig muss man in Rechnung stellen, dass die durchschnittlichen Ausgaben für den Bücherkauf bei einer ostdeutschen Universitätsbibliothek im Jahr 1963 bei 202.000 M lagen. Im Vergleich dazu hat eine westdeutsche Universitätsbibliothek im selben Jahr durchschnittlich 471.000 DM ausgegeben. Dieses Geld konnte uneingeschränkt auch für den Erwerb auf dem internationalen Buchmarkt verwendet werden. Die Kaufkraft der ostdeutschen Universitätsbibliotheken war vergleichsweise niedrig.

    Ein anderer Maßstab zur Beurteilung der Frage, ob 24 % Westpublikationen nun viel oder wenig sind, ist die Anzahl der Neuerscheinungen des Buchhandels in Ost und West. Im Osten stieg die Titelproduktion von 2.480 (1950) allmählich auf 6.073 (1989) an, im Westen von 13.181 (1950) auf 65.980 (1989). Wollten die Bibliotheken also den gleichen repräsentativen Ausschnitt aus dem Buchmarkt in ihren Buchbeständen widerspiegeln, hätte dem Wachsen der westdeutschen Produktion um das Fünffache viel stärker Rechnung getragen werden müssen.

    Gemessen am starken Interesse auf Seiten der Benutzer und gemessen an der Fülle erwerbungswürdiger Literatur, die keine abzulehnende politische Tendenz hatte, kann man nicht davon sprechen, dass die Bibliotheken der DDR einen ausreichenden Bestand an West-Publikationen angeboten hätten.

    Die Bibliothekare saßen zwischen allen Stühlen: den Erwartungen der Partei, der grotesken Bürokratie und den enttäuschten Lesern. Ihrem Berufsethos hätte es entsprochen, den Lesern ein vielfältiges Literaturangebot unzensiert anzubieten. Aber bei dem Versuch, Publikationen aus dem westlichen Deutschland zu beschaffen, gerieten sie unweigerlich mitten hinein in die ideologischen Kämpfe um den »Sieg des Sozialismus«. Im Ergebnis hatten die Benutzer der DDR-Bibliotheken nur stark eingeschränkte Möglichkeiten, über den staatlich definierten Tellerrand hinauszublicken.

    Ausführlich nachzulesen bei Michael Knoche: West-Literatur in Ost-Bibliotheken. Die Präsenz der westdeutschen Literaturproduktion in wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR. In: Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder. Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949–1965). Herausgegeben von Klaus Kempf und Sven Kuttner. Wiesbaden: Harrassowitz 2018, S. 73–85 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen Bd. 63)

    Michael Knoche

  • 02. September 2018 — Die Menschenkette in der Brandnacht

    Brandnacht 2. September 2004 (Foto: Maik Schuck©Klassik Stiftung Weimar)

    Immer wieder, besonders aber wenn sich der 2. September 2004 jährt, muss ich an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zurückdenken. Von einer einzigen Episode will ich berichten.

    Nachdem zahlreiche Bibliothekare und Restauratoren schon gegen 20.40 Uhr am Unglücksort eingetroffen waren und mit der Evakuierung von Kunstwerken und Büchern aus dem brennenden Gebäude begonnen hatten, kam es etwa 90 Minuten später zu einer völligen Sperrung des Hauses durch die Feuerwehr. Der Einsatzleiter Hartmut Haupt befürchtete, der Brand unter dem Dach könne das gesamte Haus in sich zusammenbrechen lassen.

    Gegen 23 Uhr fand vor dem brennenden Gebäude ein seltsames Kolloquium statt. Ich verwende das Wort Kolloquium bewusst, weil der Austausch der Argumente durchaus wissenschaftlichen Charakter hatte. Es waren die Baufachleute, die mit der Begutachtung des Gebäudes beauftragt gewesen waren und die jetzt mit der Einsatzleitung der Feuerwehr über die Gebäudestatik diskutierten. Es war ein Glück, dass das Haus in den Wochen zuvor so intensiv wie noch nie in seiner Geschichte analysiert worden war. Die Ingenieure konnten die Feuerwehr davon überzeugen, dass die Holzbalkendecke aus dem 16. Jahrhundert, über der im 2. Obergeschoss das Feuer ausgebrochen war, stabil sei und in den nächsten Stunden nicht einbrechen werde. Es handelte sich um eine sogenannte Mann-an-Mann-Decke, die im Gegensatz zur Holzbalkendecke keine Zwischenräume zwischen den einzelnen Holzbalken hat und dank der massiven Baumstämme eine besonders hohe Tragfähigkeit besitzt.

    Und dann geschah das Erstaunliche: Die Einsatzleitung der Feuerwehr ging das Risiko ein, die Fortsetzung der Bücherbergung zu erlauben. Die Feuerwehrleute halfen dabei mit an vorderster Front. Auch die anderen vor dem Haus wartenden Helfer stürmten sofort wieder in das brennende Haus und begannen, wahllos Bücher aus den Regalen zu holen und ins Tiefmagazin herunterzutragen. Auf der Treppe behinderte man sich gegenseitig durch den Gegenverkehr.

    Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, und ich, die wir anfangs ebenfalls rauf und runter gelaufen waren, fanden diese Methode bald zu ineffektiv und versuchten, die aufgeregten Menschen auf einem bestimmten Punkt auf der Treppe zum Stehenbleiben zu zwingen. Das war nicht leicht, denn das bedeutete für viele Helfer eine Phase der Tatenlosigkeit, die sie glaubten besser nutzen zu sollen. Schließlich waren die Kommandos von Hellmut Seemann so lautstark und überzeugend, dass endlich, anfangs lückenhaft, aber dann immer dichter, eine Menschenkette zustande kam, über die ein Buchstapel nach dem anderen oder auch ganze Umzugskisten weitergereicht werden konnten. Auf diese Weise konnten im Laufe der Nacht riesige Mengen von Büchern geborgen werden. Außerdem wurden die Menschen ruhiger und weniger hektisch, es verbreitete sich plötzlich das Gefühl eines vereinigten sinnvollen Tuns.

    Immer wenn es in den politischen Diskussionen über die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland nicht vorangeht, denke ich an diese Nacht des 2. September 2004 zurück und daran, dass es einerseits mutige Entscheidungen, wie sie damals die Feuerwehr getroffen hat, und andererseits eine solche Menschenkette braucht. Nur dann kann es gelingen, die gefährdete schriftliche Überlieferung von Generation zu Generation weiterzugeben. Sorry für die Emotion.

    Michael Knoche

  • 27. August 2018 — Wenn alles im Digitalen verschwimmt

    In der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

    Während früher ein gedrucktes Buch, eine Urkunde oder eine Akte jahrhundertelang unverändert Auskunft über einen bestimmten Wissensstand geben konnten, ist die Belegbarkeit des Wissens im digitalen Kontext zu einem fast unlösbaren Problem geworden. Digitale Quellen sind nicht dauerhaft erreichbar – und wenn sie es sind, sind sie nicht unbedingt authentisch, sondern können auch manipuliert sein. Dem System Wissenschaft, das zunehmend auf Digitalität setzt, droht ein verhängnisvoller Kontrollverlust.

    Digitale Objekte sind leicht zu verändern, permanent zu aktualisieren, ja geradezu fluid. Manchmal handelt es sich um laufend aktualisierte Textkonglomerate, die gar keine lineare Struktur mehr haben, oder um Medien jenseits des klassischen Publikationsbegriffs, in die auch Bildergalerien, Video- und Audio-Files integriert sind. Die elektronischen Distributionswege haben außerdem dazu geführt, dass die wissenschaftlichen Verlage zumindest im Bereich Naturwissenschaft, Technik und Medizin ihre E-Journals und E-Books nicht mehr verkaufen, sondern nur noch lizenzieren. Die Bibliotheken erwerben also nur ein begrenztes Zugriffsrecht und stellen diese Zugänge ihren Nutzern zeitlich befristet zur Verfügung. Die Dateien bleiben Eigentum der Verlage.

    Die Bibliotheken in Deutschland untersuchen zur Zeit verschiedene Lösungsmodelle für eine zentrale Speicherung elektronischer Ressourcen (»Hosting«). Es geht darum, einen stabilen Zugriff auf sämtliche lizenzierte und lizenzfreie digitale Publikationen in Deutschland zu gewährleisten. In den USA gibt es die Agentur Portico, die das ansatzweise leistet und sich aus Gebühren von Verlagen und Bibliotheken finanziert. Die von Verlagen zugelieferten elektronischen Dokumente werden gespeichert und können im Notfall von den Bibliotheken abgerufen werden. Aber Portico ist nicht das Ei des Kolumbus. Die Server stehen in einem Land, das den Datenschutz weniger ernst nimmt als Deutschland. Vor allem: Das System sichert nur die Mainstream-Dokumente der großen Verlage, die sich dem Unternehmen angeschlossen haben.

    Wenn sich die deutschen Bibliotheken über ein Konsortium an Portico beteiligen, wie dies jetzt wahrscheinlich ist, müssen sie auch Vorkehrungen für die Publikationen schaffen, die von dieser Agentur nicht abgedeckt sind. Daher wird zusätzlich ein anderes Hostingmodell geprüft: Bei LOCKSS handelt es sich um eine Open Source Technologie zur Speicherung von Objekten auf verschiedenen Festplatten, die weltweit verteilt sind, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren. So können z.B. Zeitschriften kontinuierlich mit den Servern der Mitgliedsbibliotheken auf Authentizität abgeglichen werden. Ziel ist der Aufbau eines nationalen Netzwerks in Deutschland, um insbesondere die Produkte kleinerer Verlage und von Open Access Publikationen abzusichern. Bis dahin wird es aber noch eine Zeit dauern.

    Die große Crux beider Modelle ist: Eine umfassende Langzeitarchivierung ist damit nicht verbunden. Langzeitarchivierung bedeutet, dass Dateiinhalte in ihrer originalen Nutzungsumgebung authentisch verfügbar gehalten werden. Das ist eine vertrackte Sache, weil die Betriebssysteme ebenso veralten wie die Hard- und Software. Die Langzeitarchivierung ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein organisatorisches und finanzielles Problem. Der amerikanische Experte für Langzeiterhaltung Jeff Rothenberg charakterisiert die Lage sarkastisch: »Digital documents last forever – or five years, whichever comes first.«

    In immer kürzeren Abständen müssen die Speicherkonzepte für die Langzeitsicherung überprüft und angepasst werden. Die besten Repositorien streben eine Aufbewahrungsperspektive von fünfundzwanzig Jahren an, aber ohne Gewähr. Im Kompetenznetzwerk Nestor arbeiten Bibliotheken, Archive, Museen sowie führende Experten gemeinsam am Thema Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Quellen. Aber eine ausgereifte und von den Bibliotheken gut nachnutzbare Lösung steht noch aus.

    Die gedruckten Medien garantieren die Überlieferung vorläufig noch besser als die digitalen. Papier lässt sich im Zweifel kostengünstiger und einfacher restaurieren, als bits and bytes haltbar zu machen. Aber an dem Versuch und entsprechenden Pilotprojekten führt kein Weg vorbei. Das ungelöste Thema brennt den Bibliothekaren auf den Nägeln und wird sie in den nächsten Jahren immer stärker beschäftigen. Noch völlig offen ist derzeit, welche Instanz die dafür nötigen finanziellen Mittel bereitstellt, jenseits befristeter Projekte.

    Es ist Sache der Bibliotheken, in den Fluss des Wissens immer wieder Staustufen einzubauen, damit sein Stand verlässlich und dauerhaft referenziert werden kann. Heute sind sie unverdrossen dabei, die Probleme der im Netz bereitgestellten Publikationen pragmatisch anzugehen – sie zu lösen, davon kann nicht die Rede sein. Die Wissenschaft braucht ein ausreichend vielfältiges Angebot und die größtmögliche Stabilität für wissenschaftliche Publikationen auch im digitalen Zeitalter.

    Am 26. August 2018 fand auf dem Erlanger Poetenfest eine Diskussion zum Thema statt. Unter der Leitung von Florian Felix Weyh diskutierten Peter Glaser, Christoph Kappes und Michael Knoche.

    Michael Knoche